Gesundheit und Krankheit entstehen nicht im luftleeren Raum. Ob Menschen rechtzeitig einen Termin bekommen, ob Therapien wirken oder ob Ärztinnen und Ärzte ihren Beruf langfristig ausüben können, hängt nicht nur von der Qualität der Behandlung ab, sondern von den Strukturen, in denen diese Behandlung stattfindet. Im österreichischen Gesundheitswesen sind diese Rahmenbedingungen komplex: politische und ökonomische Vorgaben, die Organisation von Spitälern und Ambulanzen, die Finanzierung, die digitale Infrastruktur, der Mangel an Personal und die oft unzureichende Verankerung von Prävention greifen ineinander und bestimmen, wie Versorgung im Alltag tatsächlich aussieht. Strukturelle Themen sind damit weit mehr als „Hintergrundrauschen“. Sie entscheiden mit, ob Versorgung gelingt oder scheitert. Wie derartige Lösungen aus Sicht eines strategischen Unternehmensberaters gefunden werden können, beschreibt Manuel Mayer, Experte im Gesundheitswesen und Geschäftsführer von maycon – Mayer Consulting GmbH im Interview.
Wo orten Sie aktuell die größten strukturellen Themen im heimischen Gesundheitswesen?
Mayer: Das österreichische Gesundheitswesen hat viele engagierte Systempartner, die alle die Versorgungssicherheit und -verbesserung im Fokus haben. Gleichzeitig steigt die Komplexität im Hinblick auf eine höhere Nachfrage, den wachsenden Personalbedarf, steigende regulatorische Anforderungen und einen erhöhten Innovationsdruck. Die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK) erwartet für 2025 einen Fehlbetrag von rund 800 Millionen Euro, während die Nachfrage nach Leistungen seit 2019 massiv gestiegen ist. Parallel dazu steigen regulatorische Anforderungen und damit der Aufwand für die Medizinprodukte-Branche.
In dieser Situation wird sichtbar, wie wertvoll gemeinsam gedachte strategische Entscheidungsmodelle sein können. Sie helfen, Prioritäten klarer zu setzen, Entscheidungen transparenter zu gestalten und Wirkung besser zu messen. Das stärkt alle Beteiligten: Sozialversicherung, öffentliche Träger und die Medizinprodukte-Branche.
Wie können diese gemeinsamen strategischen Entscheidungsmodelle aussehen?
Strategische Entscheidungsmodelle sind strukturierte Vorgehensweisen, die allen Beteiligten Orientierung geben: Was ist wichtig? Wie entscheiden wir? Und wie überprüfen wir die Wirkung? Dabei geht es im Fall des heimischen Gesundheitswesens um fünf zentrale Bausteine, die teilweise bereits in der Zielsteuerung-Gesundheit (ZS-G) verankert sind:
Welche Wirkung hätte ein gemeinsamer Entscheidungsrahmen?
Ein gemeinsamer Rahmen würde die Stärken aller Akteure sichtbarer machen und die Zusammenarbeit erleichtern. Prozesse würden klarer, Entscheidungen nachvollziehbarer und die Versorgung planbarer. Ein solcher Rahmen stärkt Qualität, Transparenz und Versorgungssicherheit und schafft eine verlässliche Grundlage für alle Beteiligten, einschließlich der Sozialversicherung, der Trägerorganisationen und der Medizinprodukte-Branche.
Wie ist die Rolle der Medizinprodukte-Branche einzuordnen?
Die Medizinprodukte-Branche ist vielfältig. Sie umfasst sowohl innovative Technologien als auch Hilfsmittel, Verbandstoffe und Verbrauchsgüter.
Je nach Produktkategorie gelten unterschiedliche Bewertungslogiken: Bei Innovationen stehen Outcome, Prozessqualität und Systemnutzen im Vordergrund. Bei Verbrauchsgütern geht es primär um Preis, Effizienz und Versorgungssicherheit. Ein gemeinsamer Entscheidungsrahmen ermöglicht, diese Logiken fair und transparent anzuwenden und sie mit bestehenden Steuerungslogiken, wie sie in der ZS-G angedacht sind, zu verbinden.
Wie könnte ein solcher Rahmen konkret aussehen?
Ein gemeinsamer Rahmen sollte drei Elemente enthalten:
Solche Modelle existieren bereits in Teilbereichen. Die Zielsteuerung Gesundheit bietet hier strukturelle Vorarbeit – und könnte künftig stärker als Basisrahmen genutzt werden.
Was wäre aus Ihrer Sicht ein wichtiger nächster Schritt?
Der wichtigste nächste Schritt ist die Entwicklung oder Weiterentwicklung eines gemeinsamen strategischen Entscheidungsmodells für die Medizinprodukte-Branche, die idealerweise im Einklang mit einer bestehenden Systemlogik wie der ZS-G steht. Viele Verbesserungsmaßnahmen werden zwischen den Systempartnern bereits diskutiert oder stehen schon in den Startlöchern. Diese tragen dazu bei, vorhandene Ressourcen besser zu nutzen, sektorübergreifend abgestimmte Prozesse zu schaffen und die Wirksamkeit des Systems zu erhöhen.