Interview

Nachwuchsförderung, Mentoring und die Verbesserung der Versorgungsstrukturen im Fokus

Die Rheumatologie gilt als ein äußerst dynamisches Fach, in dem in den letzten zwei Jahrzehnten rasante Entwicklungen zu verzeichnen waren. Was macht für Sie die Rheumatologie aus? Was ist es, das dieses Fach so unterscheidet?
Priv.-Doz.in Dr.in Christina Duftner: Das ist sehr viel! Für mich ist es das innovativste Fach der Inneren Medizin. Das Besondere an der Rheumatologie ist, dass wir so nahe an dem/der Patient:in sind, dass wir mit der ausführlichen klinischen Untersuchung und mit der detaillierten Anamnese schon so vieles herausfinden können und dass wir darüber hinaus Methoden wie die Sonographie zur Hand haben und nutzen, um viele weitere Informationen selbst ergänzen zu können.
Was die Rheumatologie so speziell macht, ist weiters, dass wir die Patient:innen ganzheitlich untersuchen, behandeln und betreuen müssen und dadurch auch interdisziplinär gefordert sind. Wir müssen breit internistisch – ich denke besonders an die vielen Komorbiditäten, die im Rahmen von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen auftreten –, aber auch organspezifisch tätig sein, was eine gute Vernetzung mit Kolleg:innen von anderen Fachdisziplinen wie der Dermatologie, der Pulmologie, der Nephrologie, der Kardiologie etc. erfordert, um interaktiv für unsere Patient:innen tätig zu sein.
Dazu kommt, dass wir unsere Patient:innen ja nicht nur einmal sehen, sondern über eine längere Lebenszeit begleiten dürfen. Wir müssen die Diagnose stellen und die Therapie gut adaptieren, bis die Erkrankungsaktivität beherrscht wird, und wir sind gefordert, unsere Patient:innen in verschiedenen speziellen Phasen des Lebens zu betreuen. Das kann beispielsweise bei jungen Frauen mit chronisch entzündlichen rheumatischen Erkrankungen sein, die wir beim Kinderwunsch und in der Schwangerschaft begleiten. Bei Erkrankungen, die ganz typischerweise ältere Personen betreffen, wie etwa die Polymyalgia rheumatica oder die Großgefäßvaskulitis, bedeutet das wiederum, dass wir diese Patient:innen auch bei zunehmender Frailty in ihrer speziellen Situation begleiten. Das ist schon etwas sehr Besonderes!
An dieser Stelle aber wichtig zu ergänzen ist, dass entzündlich-rheumatische Erkrankungen alle Altersklassen betreffen und sich schon beim Kleinkind oder im Säuglingsalter manifestieren können. Ein weiterer Aspekt, der die Rheumatologie so besonders macht …

Priv.-Doz.in Dr.in Christina Duftner im Gespräch mit Susanne Hinger im Café Ansari, Wien / © Tiemo Frantal

Wo liegt die Herausforderung?
Die Herausforderungen liegen vor allem darin, dass rheumatische Erkrankungen wirklich zu den sogenannten „Volkskrankheiten“ gehören. Da zählen ja nicht nur die chronisch entzündlichen Erkrankungen dazu, sondern auch die degenerativen Erkrankungen der Wirbelsäule, der Gelenke, aber genauso die Osteoporose. Und somit betreffen rheumatologische Erkrankungen tatsächlich ein Fünftel bis ein Viertel unserer Bevölkerung und nehmen natürlich drastisch mit dem Alter zu. Daher ist der Bedarf an rheumatologischer Versorgung sehr, sehr hoch.

Kann dieser Bedarf an rheumatologischer Versorgung österreichweit gedeckt werden?
Genau hier stehen wir in Österreich noch immer vor verschiedenen Herausforderungen: Wir wissen z. B., dass ein Drittel bis 40% aller Rheumatolog:innen – und das haben wir ja in unserem Rheuma-Report 2023 herausgearbeitet1 – über 55 Jahre sind und damit in den nächsten 10 Jahren in Pension gehen werden. Das bedeutet, dass wir, auch wenn das Interesse an der Fachdisziplin „Rheumatologie“ groß ist, versuchen müssen, junge Kolleg:innen für dieses Fach zu gewinnen, schon allein, damit die Versorgung aufrechterhalten werden kann.
Dazu kommt, dass die rheumatologische Versorgung innerhalb Österreichs ja bundeslandabhängig sehr variabel ist. Es gibt Bundesländer mit sehr geringer Zahl an Rheumatolog:innen, während in Wien oder in anderen meist städtischen Regionen doch eine höhere rheumatologische Versorgungsdichte gegeben ist.

Wo ist die Versorgungsdichte besonders dünn?
In Österreich gibt es tatsächlich einige „weiße Flecken“ auf der Landkarte. Persönlich überblicke ich besonders den Westen Österreichs. So haben wir beispielsweise in Tirol 2 Bezirke, die rheumatologisch de facto nicht abgebildet sind, nicht im niedergelassenen Bereich und auch nicht in den Bezirkskrankenhäusern. In ganz Osttirol etwa gibt es – und das erst seit kurzem – eine wahlärztliche rheumatologische Praxis, die von einer Tiroler Kollegin als Satellitenlösung an einzelnen Wochentagen angeboten wird. Aber noch immer müssen viele Betroffene nach Innsbruck kommen. Die exakten Zahlen sind jedoch auch insofern schwer zu benennen, als man natürlich zu „überbrücken“ versucht, etwa indem internistische Kolleg:innen, die aus einem anderen Fach kommen, eine rheumatologische Versorgung aufrechterhalten, oft unter enormem persönlichem Einsatz!

Sie haben die Versorgungsdaten des Rheumatologie-Reports 2023 angesprochen: Dieser zeigte, dass die ambulante Versorgung de facto zum Großteil im Krankenhaus stattfindet. Hier stellt sich die Frage, warum es besonders im niedergelassenen Bereich einen Mangel gibt.
Das ist tatsächlich ein weiterer, ganz wichtiger Aspekt: Wir wissen, dass sehr viel an ambulanter rheumatologischer Versorgung an Krankenhäuser gebunden ist und in den Ambulanzen stattfindet. Und wir wissen, dass es zwar eine niedergelassene Wahlarzt-Versorgung, aber leider nur sehr, sehr wenige rheumatologische Kassenpraxen in Österreich gibt. Das ist ein Problem, weil damit – abseits der Ambulanzen – nicht allen Betroffenen eine Betreuung im Sozialversicherungssetting zugänglich ist.

Wo sehen Sie die Gründe für die geringe Anzahl an Rheumatolog:innen im kassenmedizinischen Setting? Ist die Kassenmedizin nicht attraktiv?
Dem liegt das riesengroße Problem zugrunde, dass rheumatologische Leistungen im Kassentarif gar nicht bzw. unzureichend abgebildet sind, und das noch mit bundesländerspezifischen Unterschieden. Eine adäquate Honorierung zu erreichen ist eine der größten Herausforderungen für unsere Fachgesellschaft bzw. die gesamte Innere Medizin!

Das heißt, das Problem liegt in der unzureichenden Honorierung rheumatologischer Leistungen …
So ist es. Die Besonderheiten der Rheumatologie liegen ja, wie gerade besprochen, in der genauen Anamnese, der umfassenden klinischen Untersuchung, erst dann werden ganz gezielt apparative diagnostische Abklärungswege eingeschlagen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass dieses Gespräch, die Genauigkeit der klinischen Untersuchung, der Therapieeinstellung etc. sehr aufwendig sind, viel Zeit erfordern und daher endlich auch als Leistung abgebildet werden müssen!
Es ist eines meiner wesentlichen Ziele und unsere große gemeinsame Herausforderung in der ÖGR, dieses Problem der unzureichenden Honorierung von rheumatologischen Leistungen und der daraus folgenden unzureichenden Versorgung mit Kassenärzt:innen ins Bewusstsein zu rücken und die Umsetzung dieser Positionen zu fordern.

Diese Forderung nach adäquater Honorierung komplexer rheumatologischer Leistungen geht Hand in Hand mit meinem zweiten großen Anliegen der Nachwuchsförderung. Denn es ist auch eine wichtige Information für junge Kolleg:innen, die sich für das Fach interessieren, dass sie künftig verschiedene Perspektiven in Beruf haben werden, d. h. nicht nur ans Krankenhaus gebunden, sondern auch niedergelassen tätig sein können.

Seit 2015 gibt es die Facharzt-Ausbildung NEU. Mit diesem neuen Curriculum müssen sich junge Mediziner:innen wesentlich früher entscheiden – sei es für die Rheumatologie oder eben für ein anderes internistisches Fach, d. h., sie sind wesentlich jünger, wenn sie entscheiden, welche Berufskarriere sie einschlagen. Sehen Sie das als einen Vorteil oder als eine zusätzliche Challenge? Wie begegnen Sie diesem „frühen“ Wettbewerb?
Ich erachte es als positiv, wenn man sich früh entscheiden kann, in welcher Richtung man sich später einmal wirklich sieht und wo man spezifisch arbeiten möchte. Es ist allerdings tatsächlich so, und das betrifft alle medizinischen Universitäten in Österreich gleichermaßen, dass die Rheumatologie in der curricularen Lehre leider nur sehr gering abgebildet ist. Deswegen versucht die ÖGR mit ihrer Initiative Summer School für interessierte Studierende – übrigens sehr erfolgreich! – unser innovatives Fach aus allen Blickwinkeln zu beleuchten und damit den Funken, den wir Rheumatolog:innen für unser Fach in uns tragen, auf die jungen Studierenden überspringen zu lassen. Dazu kann auf die Publikation von Judith Sautner verwiesen werden, in der eindrucksvoll gezeigt wurde, dass die an den ÖGR Summer Schools teilnehmenden Studierenden zu einem großen Prozentsatz auch wirklich für die Rheumatologie gewonnen werden können.

Das Interesse von Studierenden und in weiterer Folge von Absolvent:innen vorausgesetzt: Gäbe es dann ausreichende Ausbildungskapazitäten, um einer gesteigerten Nachfrage gerecht werden zu können?
Ich denke, wir können die Ausbildung derzeit gut an den wichtigsten Zentren abbilden. Aber auch da wäre es wichtig, wenn sich die Rheumatologie noch weiter entwickeln könnte, um noch mehr Plätze anbieten zu können.
Die Herausforderung sehe ich darin – und hier schließt sich der Kreis –, dass wir mit einem Nadelöhr konfrontiert sind, da eben nicht alle Kolleg:innen im Krankenhaus bleiben können: Somit ist es essenziell, dass junge Kolleg:innen eine Perspektive in der Niederlassung haben und rheumatologische Leistungen auch im niedergelassenen Bereich zu attraktiven Bedingungen erbracht werden können. Denn das Interesse unter den jungen Kolleg:innen ist definitiv da!

© Tiemo Frantal

Wie beurteilen Sie den Access to Drugs, den Zugang zu modernen medikamentösen Therapien in Österreich?
Die Aufnahme neuer moderner Therapien in den Erstattungskodex erfolgt in Österreich relativ zügig. Wir haben heute eine große Zahl an modernen Medikamenten zur Verfügung. Die Verschreibung wird natürlich in einzelnen Fällen durchaus von den Kassen hinterfragt. Wir sind in Österreich aber wirklich in der glücklichen Situation, dass wir, wenn wir gut begründen, auch Zugang zu den benötigten Medikamenten haben. Und das quer über die einzelnen Krankenversicherungsträger.

Sie haben als eines Ihrer großen Anliegen die Nachwuchsförderung angesprochen …
Die ÖGR kann hier auf eine Reihe von Initiativen und Programmen verweisen, mit denen ganz gezielt junge Kolleg:innen adressiert werden. Neben der Summer School für Studierende bietet die ÖGR beispielsweise auch eine Summer School für Jungärzt:innen an. Und im Rahmen des Mentoring-Programmes sowie des Buddy-Konzeptes werden junge Kolleg:innen in Ausbildung gezielt von erfahrenen Rheumatolog:innen begleitet und bei der Planung und Entwicklung ihrer klinischen und wissenschaftlichen Karrieren unterstützt.

Unmittelbar vor Ihrer Amtsperiode standen mit Frau Prim.a Dr.in Judith Sautner und Frau Doz.in Dr.in Valerie Nell-Duxneuner bereits zwei Präsidentinnen der ÖGR vor. Sehen Sie innerhalb der Fachgruppe auch eine Notwendigkeit für genderspezifische Themen?
Ich glaube, dass der Österreichischen Gesellschaft für Rheumatologie und Rehabilitation unter den internistischen Gesellschaften eine Vorreiterrolle zukommt, was die Abbildung von Frauen betrifft, weil bei uns, abgesehen von der Person der Präsidentin, die Frauenquote im Vorstand am höchsten ist.

Unter den Rheumatolog:innen liegt die Frauenquote bei einem Drittel bis zu 40 % und steigt stetig an. Die ÖGR hat daher einige Initiativen im Rahmen des FAIR-Arbeitskreises (Female Advancement in Rheumatology) gesetzt, die Frauen in ihren Berufskarrieren gezielt unterstützen sollen. Die Notwendigkeit ergibt sich, weil ähnlich wie in anderen Fachrichtungen auch in der Rheumatologie das Phänomen der gläsernen Decke zu beobachten ist. Für den beruflichen Erfolg ist jedoch nicht allein die fachliche Qualifikation ausschlaggebend, sondern es bedarf auch eines fördernden und unterstützenden Umfeldes. Hier laufen neben dem schon erwähnten Mentoring-Programm auch einige Projekte, die gezielt Frauen, beispielsweise nach dem Wiedereinstieg, adressieren. Mit unserem FAIR-Arbeitskreis waren wir eine der ersten Fachgesellschaften in Europa, die solch einen Arbeitskreis vorzeigen konnte. Judith Sautner und Kolleg:innen konnten übrigens zeigen, dass die sogenannte „Leaky Pipeline“ in der Rheumatologie in ganz Europa besteht, aber besonders die D/A/CH-Region betrifft. Als Initiative des FAIR-Arbeitskreises wird die ÖGR nun auch einen Wiedereinstiegspreis ausschreiben, für den sich Frauen, die nach der Babypause wieder einsteigen, mit einem Projekt bewerben können, weil gerade für Frauen, die nach der Babypause zurückkehren, die Herausforderungen im Spagat zwischen wissenschaftlicher Tätigkeit und der daneben fortlaufenden klinischen Tätigkeit besonders schwierig sind.

Die ÖGR ist eine äußerst aktive Fachgesellschaft …
So ist es! Verwiesen sei hier auch auf die vielfältigen Initiativen der ÖGR, die zur Sensibilisierung für die Rheumatologie beitragen, etwa auf das neue, von Irina Gessl und Peter Mandl koordinierte Podcast-Projekt, bei dem Kolleg:innen der „Jungen Rheumatologie“ aktiv sind und spannende Themen mit breiter Relevanz für Rheumatolog:innen, aber auch für Kolleg:innen aus anderen Fachdisziplinen und auch für interessierte Laien aufbereiten.
Daneben versuchen wir, durch verschiedene mediale Initiativen auf die vielfältigen rheumatischen Erkrankungen, auf die Bedeutung von „Rheuma“ als Volkskrankheit, auf die Wichtigkeit der frühen Diagnose etc. aufmerksam zu machen. Hier laufen verschiedene Projekte, etwa mit der Ärzte Krone, sowie ein Projekt mit unterschiedlichen Fortbildungsformaten für Allgemeinmediziner:innen und andere Fachrichtungen, die mit rheumatologischen Erkrankungen in Berührung kommen.
Darüber hinaus sind die vielen Arbeitskreise der ÖGR unglaublich aktiv, wie beispielsweise etwa der SpA-, Lungen-, Herz- oder der Schwangerschaftsarbeitskreis, der heuer einen tollen internationalen Kongress in Wien ausgerichtet hat, und viele mehr.

Wie würden Sie die Ziele für Ihre Amtsperiode zusammenfassen?
Ein besonderes Anliegen und ein Eckpfeiler in meiner Präsidentschaft ist die schon besprochene Nachwuchsförderung. Hier geht es darum, das Mentoring-Programm gut umzusetzen und so den jungen Kolleg:innen ein gutes Netzwerk zur Verfügung zu stellen, damit Karrieren gelingen können.
Die wichtigste Herausforderung sehe ich darin, die Implementierung der Rheuma-Leistungspositionen im Kassenkatalog voranzutreiben, um eine Verbesserung der Versorgung zu erzielen und jungen Kolleg:innen attraktive Perspektiven in einer kassenärztlichen Tätigkeit zu ermöglichen.
Hierzu sei auch auf die geplante Neuauflage des Rheumatologie-Reports verwiesen, der uns mit einem Update an Daten wieder eine aktuelle, wichtige Unterlage für die Argumentation liefern soll.

Vielen Dank für das Gespräch!