Vom Bedürfnis nach Zuwendungsmedizin

Es mangelt an FrauenärztInnen in der Kassenmedizin: „FrauenärztInnen müssen viele Abstriche (im Leben) machen“, ist ein Umstand, der die gynäkologische Kassenordination recht gut beschreibt, gleichzeitig bleiben aber viele Bedürfnisse der Frauen auf der Strecke. Nicht der schnelle Abstrich, sondern die Bandbreite ärztlicher Zuwendung mit all den Themen, die sich nicht im Handbuch und Lehrbuch der Frauenheilkunde finden lassen und scheinbar außerhalb des Fachgebietes stehen, ist gefragt.
Wenn man bereit ist, Fragen des Intimsten zu hören, und die Gegenseite bereit ist, solche zu stellen, ist man im Spazio sacro, in der tabu- und moralfreien Zone, wo das Vertrauen alleine die Grenzen setzt. ÄrztInnen werden hier in einem privilegierten Raum tätig, zunächst als Zuhörer, dann auch als Berater mit besonderer Verantwortung. Klar, dass so etwas in der Kassenmedizin nicht vorgesehen ist, weil das schwer Messbare nicht kontrollierbar und daher auch nicht erwünscht ist. Faktum ist, dass derzeit unzählige Planstellen für Frauenheilkunde der ÖGK, selbst in der Bundeshauptstadt, nicht zu besetzen sind. Wenn meine Sicht auf die Dinge stimmt, korreliert das sinkende Interesse an einer kassenärztlichen Tätigkeit mit dem Bedürfnis vieler FrauenärztInnen nach vertrauensvollem ärztlichen Handeln – das als vom System zu sehr beschränkt gesehen wird, weil gesprächsorientierte Zuwendungsmedizin kaum honoriert wird.

„Die Vitale Frau“: Viele Beschwerdebilder, die sich uns FrauenärztInnen tagtäglich präsentieren, bedrohen nicht unmittelbar das Leben, aber übersteigen ganz klar das Maß einer Befindlichkeitsstörung und haben Krankheitswert. Sie sind es jedenfalls wert, beachtet und in der ganzen Bandbreite gesehen zu werden. Im weitesten Sinne geht es um Beschwerden, die nur durch den kontinuierlichen Fortbestand von den Betroffenen als Problem wahrgenommen werden und sekundär das familiäre, soziale und berufliche Leben behindern. Neben Inkontinenzproblemen und Störungen im Sexualleben sind es vor allem menopausale Beschwerden und Folgeerscheinungen eines chronischen Eisenmangels, die gar nicht vordergründig zur Konsultation führen, aber vom Frauenarzt durch gezieltes Fragen erfasst und nötigenfalls behandelt werden. Jeder Arztkontakt sollte dafür genützt werden, wobei die Frauenheilkunde mit ihrer präventivmedizinischen Ausrichtung natürlich besonders prädestiniert ist, die angesprochenen Themen zu beleuchten, was nicht selten zur Feststellung führt, FrauenärztInnen wären die HausärztInnen der Frauen.

 

Unsere Veranstaltung „Die Vitale Frau“ am 23. Jänner 2021 wird sich der ganzheitsmedizinischen Berufung widmen.

Veranstaltungsinformation

 

 

Mit kollegialen Grüßen, Dr. Michael Elnekheli

Ich freue mich wie immer über Ihre Kommentare und Anregungen

AutorIn: Dr. Michael Elnekheli

@Foto: Top-shootings


GA 06|2020

Herausgeber: em. o. Univ.-Prof. Dr. Sepp Leodolter, Universitätsklinik für Frauenheilkunde, Wien
Publikationsdatum: 2020-12-14