Primärversorgung

Hausärztliche Versorgung in COVID-Zeiten

COVID und der Umgang mit der Pandemie stellen insbesondere die Primärversorgung vor große  Herausforderungen. Denn diese gilt es aufrechtzuerhalten. – Ein Interview mit Dr. Christoph Dachs, Dr. Stephanie Poggenburg, Dr. Susanne Rabady.

Das Gespräch führte Susanne Hinger

Was bedeutet diese Situation für Allgemeinmedizinerinnen und -mediziner?

Dr. Christoph Dachs: Wir sahen uns vor der Herausforderung, in kürzester Zeit Maßnahmen umzusetzen, um den Spagat zwischen Patienten- und Selbstschutz, Vermeidung von nicht notwendigen Kontakten mit Patienten, Ferndiagnosen ohne die für uns gewohnten Untersuchungen und telemedizinische Neuerungen zu schaffen und andererseits alle Patienten, die unsere Hilfe brauchen, vor allem auch unsere chronisch Kranken, weiterhin optimal zu versorgen.

Hausärzte waren in den ersten Tagen enorm gefordert, um nicht zu sagen: allein gelassen. Vieles musste in Eigenregie und mit viel Improvisationsgabe umgesetzt werden …

Dr. Stephanie Poggenburg: Ja, in wenigen Tagen wurden erfolgreich Maßnahmen umgesetzt, um die Patienten in einem geschützten Umfeld zu behandeln, Infektiöse von Nichtinfektiösen zu trennen und unser Personal und uns bestmöglich zu schützen. Wir setzten Telefon- und Telemedizinberatung um, E-Medikation war zum Wohle aller plötzlich überall möglich und funktioniert überwiegend gut.

Wie beurteilen Sie das Thema Schutzkleidung?

Dachs: Das Thema der ausreichenden Bevorratung von Schutzbekleidung für eine Pandemie betraf weltweit alle Länder im intra- wie extramuralen Bereich und hatte insbesondere in Ländern wie Italien und Spanien fatale Folgen, die sich unter anderem auch in der hohen Mortalität des ärztlichen Personals abbildete. Es erscheint bei diesem Hintergrund zynisch, in dieser Situation im Sinne partieller politischer Interessen auf die mangelnde Schutzbekleidung im extramuralen Bereich hinzuweisen, anstatt sich konstruktiv für die Anschaffung derselben insbesondere auch für den Schutz der Patienten einzusetzen. Solidarität zeigte sich vielerorts durch Firmen, die Schutzkleidung für die sie versorgenden Hausärzte der Region bereitstellten.

Poggenburg: Der hohen Flexibilität der Hausärztinnen und Hausärzte, die in diesen schwierigen Zeiten und auch insbesondere unter einem persönlich sehr hohen Risiko unermüdlich Patienten versorgen – man denke an unseren verstorbenen Kollegen aus Niederösterreich – ist es zu verdanken, dass trotz vollständig selbstorganisierter Umstrukturierung der Praxen schon nach
3 Wochen eine neue Routine eingekehrt ist.

Stichwort „Neue Routine“: Wie sieht diese aus?

Dachs: Dass wir trotz Pandemie unserem Anspruch auf bestmögliche Versorgung unserer Patienten und insbesondere der vulnerablen Gruppen gerecht werden, indem wir unter Umsetzung der möglichen und gebotenen Schutzmaßnahmen weiterhin unsere alten und multimorbiden PatientInnen, Diabetiker, Herz- und Lungenkranke, onkologische Patienten sowie chronische Schmerzpatienten bestmöglich versorgen. Wir halten telefonisch engen Kontakt mit ihnen und ermöglichen ihnen, soweit notwendig, einen kontaktarmen Besuch in unserer Ordination, wenn spezifische Diagnostik notwendig ist.

Die ÖGAM hat ja bereits sehr früh, als alle anderen noch in Schockstarre verharrten, zum Aufrechterhalten der Basisversorgung aufgerufen …

Dr. Susanne Rabady: Wichtig in diesem Zusammenhang ist mir, darauf hinzuweisen, dass es einerseits um die kontinuierliche Weiterbehandlung der chronischen Patienten geht, gleichzeitig gibt es aber auch viele akute Behandlungsanlässe. Auch die Akutversorgung muss gewährleistet bleiben! Im Primärversorgungsbereich aber, wo nötig, auch fachärztlich. Denn auch andere Erkrankungen schlafen nicht.

Sind Sie durch fehlende fachärztliche Versorgung jetzt noch mehr gefordert?

Poggenburg: Durch mangelhafte Verfügbarkeit vieler Spezialambulanzen und einiger Fach- und Wahlärzte übernehmen wir – da wo es möglich ist und wir es können – zudem fachübergreifend Aufgaben wie sonografische Kontrollen, postoperative Nachuntersuchungen, aber auch schwierige und oftmals hochakute Wundversorgungen. Außerdem versuchen wir in enger und guter Kooperation und in persönlichem Austausch mit unseren Facharztkollegen alle notwendigen akuten Untersuchungen zu ermöglichen.

Werden Hausbesuche durchgeführt?

Rabady: Ja, auch Visiten werden bei Notwendigkeit unter bestmöglichem Schutz für beide Seiten durchgeführt, da sie einen elementaren Teil unserer hausärztlichen Arbeit ausmachen. Wir haben uns immer schon als Anwälte unserer Patienten verstanden und möchten für diese gerade auch in dieser Krise ein stabiler Partner sein.

Und wie steht es um die Betreuung der Altersheime?

Poggenburg: Altersheime stellen eine höchst fragile Versorgungsstruktur dar, trotzdem ist es besonders wichtig, diesen Patienten, die nicht nur durch ihre Multimorbidität schwer beeinträchtigt sind, sondern zudem noch zunehmend psychische Probleme aufgrund der sozialen Kontaktsperren durch Betretungsverbote entwickeln, zur Seite zu stehen. Dies gilt im gleichen Ausmaß für einen Großteil unserer Patienten, denen die aktuelle Situation Angst einflößt und die auf unseren Beistand und unsere Expertise angewiesen sind.

Sehen Sie eine Veränderung in der Arzt-Patienten-Beziehung durch die jetzigen Erfordernisse einer fast „berührungsfreien“ Medizin?

Rabady: Natürlich stellt die komplette „Verkleidung“ auch eine gewisse emotionale Barriere her, weil damit auch Nähe nicht in gewohnter Weise gelebt werden kann. Noch schwieriger ist es bei Telefonkonsultationen.

Dachs: In diesen schwierigen Zeiten mit möglicher Vermeidung des Kontakts erkennen wir, wie wichtig unser mehrdimensionaler und nonverbaler Zugang zum Patienten ist. Durch das alleinige Gespräch am Telefon, aber auch durch eine Videokonferenz und das Verhüllen des Gesichtes geht mir ein wesentlicher Teil des Zuganges zu Patienten und damit zur Diagnostik und Therapie ab.

Und was halten Sie von privaten Telekonsultationsangeboten bei für den Patienten „fremden“ Ärzten?

Poggenburg: Entwicklungen, bei denen durch private Versicherungsgesellschaften Telefonkonsultationen gegen einen stattlichen Preis bei einem „Hausarzt“, der den Patienten gänzlich fremd ist, angeboten werden, halten wir für bedenklich. Diese Art der Beratung birgt aus dem Fachverständnis der Allgemeinmedizin heraus eine Unmenge an Gefahren, da weder über den Patienten an sich, seine Vorerkrankungen, Allergien, Medikamente noch über sein biopsychosoziales, berufliches und familiäres Umfeld Kenntnis herrscht und zudem keinerlei Kontinuität hergestellt werden kann, die ja, wie wissenschaftlich bewiesen, einer der Hauptgründe dafür ist, warum Patienten durch eine Hausarztbetreuung nachweislich länger und gesünder leben.

Dachs: Hausarztmedizin lebt aus der persönlichen Begegnung zwischen Arzt und Patient. Der Mangel an persönlichem und sozialem Umgang, den zurzeit fast alle Menschen schmerzlich beklagen, ist hier in gleicher Weise offensichtlich und für unsere Patienten hochrelevant.

Daher sollte gerade für die Zukunft und für die Zeit nach der Krise die besondere Leistungsfähigkeit der Hausarztmedizin, die sich in dieser Zeit offenbart hat, gewürdigt und gefördert werden, und dies unabhängig von der Organisationsform, in der diese stattgefunden hat (Einzel-, Gemeinschaftspraxis oder PVE).