Neue Virus-Mutante B1.1.7

Wie gefährlich ist die neue Virus-Mutation?

Die neuen Virusmutationen sind auch in Österreich angekommen. Bis jetzt wurde die britische Variante B1.1.7 in Österreich in vier Fällen nachgewiesen, die südafrikanische Variante in einem Fall. Alle bis jetzt detektierten Fälle sind reise-assoziiert aufgetreten.

Die neue aus Großbritannien kommende Virus-Mutante ist zwar nicht pathogener, aber um 56% infektiöser als die gängigen Varianten. Die Virologin Doz. Dr. Monika Redlberger-Fritz erläutert die Bedeutung und Relevanz der aktuellen Virus-Mutation.

Überraschen die Mutationen?

Nein, sagt die Virologin Priv.-Doz. Dr. Monika Redlberger-Fritz: „Dass keine Mutationen auftreten, hätte uns bei einem RNA-Virus eher verwundert.“ SARS-CoV-2 Viren sind RNA-Viren. „Und RNA-Viren liegt prinzipiell immer zugrunde, dass sie sehr mutationsfreudig sind und sich beständig verändern.“ Dementsprechend sind Mutationen auch beim SARS-CoV-2 Virus nichts per se Überraschendes und waren zu erwarten. Für Redlberger-Fritz sind sie für sich genommen auch noch kein Grund zur Beunruhigung, sofern man die Veränderungen konsequent beobachte und überwache. Man wisse, welche Varianten mit welchen Mutationen zirkulieren, weil sie international überwacht werden.

Internationale Überwachung

Als den „entscheidenden Punkt“ bezeichnet sie die internationale Überwachung: Wichtig sei, dass alle Länder in ausreichendem Ausmaß Sequenzierungen von zirkulierenden Viren durchführen, um neu auftretende Mutationen frühzeitig erkennen zu können. Entscheidend sei, dass diese Daten sehr rasch und zeitnah und international transparent ausgetauscht und in internationale Genom-Datenbanken eingemeldet werden. „Damit kann international sehr rasch verglichen werden, wo welche Virus-Variante und welche Mutante auftaucht.“

Beispiele für internationale Forschungsplattformen sind Nextstrain1 und GISAID2, die als open-source Genom-Datenbanken ein Echtzeit-Tracking und einen weltweiten Überblick über die genetischen Veränderungen ermöglichen.

Ist die Situation mit Virusmutanten jetzt neu?

„Wir hatten eine ähnliche Situation Anfang 2020“, erläutert die Virologin. Mit der Mutation D614G, einer Punktmutation, die zu einer Veränderung im Spike-Protein geführt hatte, war eine Virusmutante entstanden, die die Eigenschaft hatte, schneller und leichter übertragen werden zu können.3 „Binnen 8 bis 12 Wochen, längstens 16 Wochen, wurde diese Mutante zum dominanten Virus der ganzen Welt.“ Diese Mutante ist jetzt der Ausgangspunkt für alle weiteren Varianten. Das bedeutet, dass die alten seinerzeit dominanten Virus-Varianten von Ende 2019, Anfang 2020 heute nicht mehr verbreitet sind, weil sich beginnend ab März bis etwa Mai die neue Variante durchgesetzt hat.
Die Situation neuer Virusmutanten ist somit nicht unbekannt. „Dementsprechend waren alle Überwachungsmaßnahmen darauf ausgerichtet, neue Varianten zu entdecken“, erläutert Redlberger-Fritz.

Das Besondere an B1.1.7

Immer wieder wurden im Laufe des letzten Jahres Mutationen und Virus-Varianten gefunden. „Diese waren aber bisher kein Grund zur Besorgnis, bis im Dezember – und retrospektiv dann bis September zurückverfolgt – in Großbritannien eine Virusvariante aufgetaucht ist, die nicht nur eine, zwei oder fünf Mutationen aufwies, sondern 23 Mutationen.“ Von diesen Mutationen sind 8 im Oberflächenprotein gelegen und betreffen auch Schlüsselpositionen.

Welche Schlüsselpositionen sind betroffen?

Die Mutationen betreffen auch die Rezeptorbindungsstelle, somit einen Bereich des Oberflächenproteins, der dafür verantwortlich ist, dass das Virus besser an den Wirtszellen-Rezeptor andocken kann. „Diese Mutation bewirkt, dass dadurch auch mehr Viren in Wirtszellen aufgenommen werden können und dadurch auch mehr Zellen infiziert werden können.“ Damit kann mehr Virus produziert und auch mehr Virus ausgeschieden werden. Durch diese Mutation hat sich also die Infektiosität des Virus verändert.

Andere Mutationen der neuen Virusvariante betrafen Deletionen: Bruchstücke, die aus dem Genom herausgelöscht wurden. Unglücklicherweise betraf eine Deletion auch eine Stelle im Oberflächenprotein, an der die Antikörper des Immunsystems angreifen. „Es bestand daher die Befürchtung, dass präformierte Antikörper, wie sie etwa durch eine Impfung erreicht werden, dann nicht mehr wirken könnten. Mittlerweile wurde jedoch eine Reihe von Studien durchgeführt, die zeigen, dass dies nicht zutrifft.“ Das bedeutet, dass die Impfungen, die jetzt zum Einsatz kommen, auch gegen diese neue Virus-Variante schützen.

Wird die neue Variante ein Problem darstellen?

Die gute Nachricht: Was die Pathogenität betrifft, wurden keine Unterschiede zur bisherigen Variante gefunden, wie die Virologin betont: „Man sieht unter den mit der neuen Variante Infizierten NICHT mehr Hospitalisierungen, nicht mehr schwere Infektionen und auch nicht mehr Todesfälle. Hinsichtlich der Pathogenität sind die alte und die neue Variante somit vergleichbar. Sehr wohl Sorgen bereitet jedoch die höhere Infektiosität.“

Denn während die sogenannte „Secondary attack rate“ (die Rate, wie viele Kontaktpersonen angesteckt werden) bei der alten Variante bei 10% liegt, liegt diese bei der neuen Variante bei 15,6%. Das bedeutet, dass die neue Virus-Variante um 56% infektiöser ist.

Mit der neuen Virus-Variante können um 56% mehr Menschen infiziert werden. Ist das ein Problem, solange es keine Pathogenitätsunterschiede gibt?

„Bezüglich der Pathogenität nein, bezüglich der Infektiosität – ja, da wird es zum Problem werden, wenn wir nicht aufpassen. Wenn es leichter übertragbar ist, haben wir mehr Erkrankte, und mehr Erkrankte bedeuten mehr Belastung für das Gesundheitssystem.“ D.h. wiederum mehr ICU-Patienten, und letztlich mehr Todesfolgen. Wir könnten damit also wieder leichter auf das Problem der hohen Infektionszahlen zusteuern, wie wir es vom Herbst schon kennen. Daher gelte es, diese Entwicklung so weit wie möglich zu verhindern.
Umso bedeutender sei es in der jetzigen Situation, die wichtigsten Maßnahmen, die wir im Moment haben – wie Maske tragen, Abstand halten und soziale Kontakte zu minimieren – auch einhalten. Primäres Ziel sei es, die neue Variante möglichst lange von uns fern zu halten, um uns einen Zeitgewinn zu verschaffen, bis letztendlich die Durchimpfungsrate hoch genug ist.

Anfangs wurde aus Großbritannien berichtet, dass von der neuen Variante besonders Kinder betroffen waren, sodass die Sorge bestand, dass Kinder in der Übertragung und Ausbreitung der Virus-Mutante eine besondere Rolle spielen könnten. Diese ersten Meldungen konnten sich bis jetzt jedoch nicht bestätigen.

Sorgen bereitet derzeit auch eine neue Variante aus Südafrika – mit mehreren Mutationen v.a. an der Rezeptorbindungsstelle, was wieder zu einer leichteren Transmission und damit zu einer höheren Infektiosität führt. Wie diese Mutante hinsichtlich der Pathogenität zu bewerten ist, bleibt noch abzuwarten.

Text: Susanne Hinger

 

(Priv. Doz.in Dr.in Monika Redlberger-Fritz, Leiterin des Referenzlabors Influenza an der Meduni Wien, im Rahmen einer Pressekonferenz im Bundesministerium, 8.1.2021).

  1. Nextstrain ist eine open-source Genom-Datenbank
  2. GISAID (Global Initiative on Sharing All Influenza Data)
  3. Korber B, Fischer WM, et al.: Tracking changes in SARS-CoV-2 Spike: evidence that D614G increases infectivity of the COVID-19 virus. Cell 2020;