Interview

Wird Corona das Impfverhalten verändern?

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch, der dem Beraterstab des Gesundheitsministers angehört, zur Frage, ob COVID langfristig unser Hygiene- und Impfverhalten verändert. Kurzfristig verändert es wohl jedenfalls das Reiseverhalten …

 

Erwarten Sie sich als Folge der COVID-Krise Änderungen in der Impfbereitschaft?

Univ.-Prof. Dr. Herwig Kollaritsch : Generell glaube ich, dass jetzt die Chance für die Akzeptanz einer Impfung gut wäre. Ich fürchte allerdings auch hier wieder Querschüsse der Impfgegner-Lobby.

Wie beurteilen Sie die schrittweise Öffnung?

Diese ist bewusst kaskadiert. Wir klopfen jede der Maßnahmen auf ihre Wirkung ab. Der für mich springende Punkt ist: Unsere niedrigen Zahlen haben den Vorteil, dass man mit ihnen umgehen kann. Hier können wir effizient prüfen und haben dafür die Kapazitäten. Hätten wir 1.000 Neuinfektionen pro Tag, ginge das nicht mehr. Die Cluster sind jetzt als solche erkennbar und gehen nicht im Hintergrundrauschen unter …

Wie sagen Sie dazu, dass die bis jetzt erfolgten Maßnahmen laufend kritisiert werden?

Nur weil wir weniger Neuinfektionen haben, ist die Sache nicht vorbei. Das Virus ist genau das gleiche, es hat uns schon gezeigt, was es kann.

Erwarten Sie sich unabhängig von einer etwaigen verfügbaren SARS-CoV-2-Impfung jetzt eine Veränderung im Impfverhalten? Eine höhere Impfbereitschaft?

Nein. Allenfalls bei Influenza, bei den anderen Impfungen eher nicht. Es wird leider zu schnell vergessen.

Welche Durchimpfungsrate erwarten Sie im kommenden Jahr bei Influenza?

Ich fürchte, dass wir zu wenig Impfstoff haben werden, weil die Firmen uns in den Mengen beliefern, in denen ihnen erfahrungsgemäß in den Vorjahren Impfstoff abgekauft wurde. Im vergangenen Jahr wurde mehr nach Österreich geliefert, als verbraucht wurde, und musste von den Herstellerfirmen verworfen werden.

Halten Sie größere Liefermengen noch für möglich?

Die Impfstoffproduktion läuft ja bereits. Es werden alle Länder der Welt heuer einen höheren Bedarf an Influenza-Impfstoff anmelden. Die, die schon bisher einen guten Absatzmarkt hatten, werden wohl bevorzugt beliefert werden. Ich hoffe daher, dass seitens der Politik und der Versicherungen größere Mengen bestellt und auch eingekauft werden. Es braucht wohl eine Abnahmegarantie.

Erwarten Sie sich in der Bevölkerung generell eine Änderung im Hygieneverhalten, wo sich die Effekte auch bei anderen Infektionen zeigen könnten?

Ja, ich hoffe, dass ein Lerneffekt eintritt, wenn Masken, Händedesinfektion und physische Distanzierungsmaßnahmen über mehrere Monate angewendet werden. Für verantwortungslos halte ich es, wenn die Maßnahmen jetzt schon relativiert werden.

Vorausgesetzt, die schrittweisen Öffnungen gehen so weiter, wie geplant, und auch die Grenzöffnungen kommen: Was macht das mit unserem Reiseverhalten? Was raten Sie?

Das kann man noch nicht sagen. Bis zur Reisefreiheit wird es noch dauern, jedoch auch dann ist Vorsicht geboten. Selbst bei formeller Öffnung der Grenzen sind ja die Rückreisebestimmungen mit möglicher Quarantäne mitzukalkulieren. Bei Zielen außerhalb Europas muss auch eine gewisse Unkalkulierbarkeit der Maßnahmen mitberücksichtigt werden. In drei Wochen Urlaub kann sich die Situation komplett ändern und eine Rückreise unmöglich machen. Ich glaube daher, dass heuer kein nennenswerter Fernreisetourismus möglich ist. Selbst im Individualtourismus ist das Risiko mitzukalkulieren, gegebenenfalls hängen zu bleiben.

Kommt die zweite Welle?

Es wird von jedem und jeder Einzelnen abhängen, wie konsequent er oder sie sich verhält. Wir müssen natürlich mit gewissen Undulationen rechnen, kleinen Wellchen, die immer wieder rund um kleinere Cluster auftreten werden. Ein zweiter Shutdown muss jedoch verhindert werden. Wir haben enorm viel erreicht in extrem kurzer Zeit, das sollten wir nicht mutwillig aufs Spiel setzen.

Vielen Dank für das Gespräch!

(Das Interview führte Susanne Hinger)