Interview

Jede Exazerbation zählt

UNIVERSUM INNERE MEDIZIN: Die wohl größte Änderung im GOLD Report 2026 ist der Stellenwert, der bereits einer einzigen moderaten oder schweren Exazerbation beigemessen wird. Welche Konsequenzen hat diese Neubewertung?
Vogelmeier: Diese Neubewertung basiert auf der Erkenntnis, dass jede Exazerbation von enormer Bedeutung ist – „every exacerbation counts“. In den vergangenen zehn Jahren haben zahlreiche Daten gezeigt, welche weitreichenden Konsequenzen Exazerbationen in Bezug auf Morbidität, Mortalität und auch den Aufwand für das Gesundheitssystem haben können. Zudem hat sich herausgestellt, dass bereits eine stattgehabte moderate Exazerbation im Jahr vor der Diagnosestellung ein klarer Prädiktor für ein erhöhtes zukünftiges Exazerbationsrisiko ist. Es ist wichtig, dass sich Kolleg:innen der Relevanz von Exazerbationen bewusst sind.

Es wird klarer zwischen initialer Therapie und Follow-up differenziert. Wie verändert dies das therapeutische Vorgehen in der Praxis?
Wir hatten den Eindruck, dass die Therapiealgorithmen für einige Kolleg:innen teils verwirrend waren. GOLD 2026 betont deshalb, dass die Initialtherapie bei Diagnosestellung und die Follow-up-Situation mit Reevaluierung der begonnenen Therapie unterschiedliche Phasen sind, in denen sich die therapeutischen Optionen unterscheiden.

Mit Dupilumab und Mepolizumab haben zuletzt zwei neue Biologika Einzug in den Gold Report gehalten. Bei welchen Patient:innen sollen diese zum Einsatz kommen?
Wichtig ist, dass Dupilumab und Mepolizumab für selektionierte Patientengruppen gedacht sind. Das sind Patient:innen, die bereits eine inhalative Tripeltherapie – aus einem langwirksamen Beta-Agonisten, einem langwirkenden Anticholinergikum und einem inhalativen Steroid – erhalten und dennoch Exazerbationen entwickeln, mindestens zwei moderate oder eine schwere, wie es den Studieneinschlusskriterien entspricht. Zudem müssen die Patient:innen eine Typ-2-Signatur aufweisen, erkennbar an einer Eosinophilenzahl von mindestens 300/µl im peripheren Blut.

Kardiovaskuläre Erkrankungen gewannen zunehmend an Bedeutung. Was sagen die aktuellen Daten, und welche Empfehlungen gibt es im Hinblick auf Komorbiditäten und Multimorbidität?
Kardiovaskuläre Erkrankungen sind für COPD-Patient:innen besonders relevant: Sie treten häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung und beeinflussen Morbidität und Mortalität entscheidend. Daher braucht es Aufmerksamkeit nicht nur in der stabilen Phase der Erkrankung, sondern insbesondere nach einer Exazerbation, da das Risiko kardiovaskulärer Komplikationen dann deutlich steigt. Dieses Kapitel erhält nun mehr Raum, und es werden klare Empfehlungen ausgesprochen: Bei Neudiagnose einer COPD sollte nach kardiovaskulären Erkrankungen gesucht werden – dafür sollten mindestens ein EKG und eine NT-proBNP-Messung im Blut durchgeführt werden –, und diagnostizierte Erkrankungen sollten leitliniengerecht behandelt werden. Diese Empfehlungen gelten darüber hinaus für das gesamte Spektrum der Multimorbidität, da COPD-Patient:innen häufig mehrere Erkrankungen haben. In der deutschen COPD-Kohorte liegt die durchschnittliche Diagnosezahl an behandlungspflichtigen Erkrankungen beispielsweise bei sechs. GOLD 2026 enthält nun einen Algorithmus, der darstellt, welche Diagnostik für welche Entität empfohlen ist.

Welche Rolle spielen neue Spirometrie-Parameter wie LLN-Werte und z-Scores?
Als die ersten GOLD-Empfehlungen 2001 veröffentlicht wurden, basierte die Diagnosestellung ausschließlich auf der Fixed Ratio, also dem Quotienten aus FEV1 und forcierter Vitalkapazität, wobei ein Wert unter 0,7 nach Bronchodilatation – bei passender Klinik – als COPD gewertet wurde. Mit der Einführung der GLI-Sollwerte in Europa wurde es möglich, das Lower Limit of Normal (LLN) zu berechnen und z-Scores heranzuziehen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass die Fixed Ratio bei jüngeren Personen das COPD-Risiko eher unterschätzt und bei älteren überschätzt.
Gleichzeitig zeigen Daten, dass Patient:innen, die nach LLN noch als normal gelten, aber nach Fixed Ratio pathologisch sind, dennoch ein erhöhtes Risiko für Morbidität und Mortalität aufweisen. Vor diesem Hintergrund wird empfohlen, in Ländern mit verfügbaren GLI-Sollwerten diese auch einzusetzen und LLN sowie z-Scores für die Diagnosestellung heranzuziehen. In Konstellationen mit divergierenden Befunden sollte – bei passendem klinischem Eindruck sowie entsprechender Risiko- und Symptomkonstellation – weiterhin auch die Fixed Ratio berücksichtigt werden.

Was hat sich in puncto Impfempfehlungengeändert?
Impfungen sind für COPD-Patient:innen ein sehr wichtiges Kapitel, da dadurch zahlreiche Komplikationen vermieden werden können, aber auch in den entwickelten Ländern ist nur eine Minderheit der Patient:innen adäquat geimpft. Empfohlen werden Pneumokokken-, Influenza-, COVID-19- und Keuchhusten-Impfungen. Neu hinzugekommen ist die RSV-Impfung, da Daten zeigen, dass RSV bei COPD-Patient:innen eine bedeutende Rolle spielt und sich Infektionen durch eine Impfung weitgehend verhindern lassen. Darüber hinaus wird eine Herpes-Zoster-Impfung empfohlen, da Patient:innen mit chronischen Erkrankungen wie COPD ein erhöhtes Risiko für Zoster und seine Komplikationen haben.

Wie hat sich das Verständnis und Management der COPD in den letzten Jahren verändert, und welche Entwicklungen könnten im GOLD Report 2027 eine Rolle spielen?
Wir denken, dass wir bei der Therapie aktiver vorgehen sollten. Bisher wurde meist reaktiv vorgegangen, also Komplikationen abgewartet und dann möglicherweise die Therapie eskaliert. Das hat sich als keine gute Strategie herausgestellt, weshalb wir nun Actio vor Reactio und Prävention vor Therapie empfehlen. Das sollte die Leitschnur für die Therapie der Zukunft sein. Für den GOLD Report 2027 wird das Kapitel zur nichtmedikamentösen Therapie überarbeitet – hier hat es eine Menge neuer Entwicklungen gegeben. Das betrifft Themen wie Rehabilitation oder körperliche Aktivierung. Auch telemedizinischen Ansätzen und dem Einsatz von KI wird noch mehr Rechnung getragen werden, da besonders Letztere für die Zukunft von entscheidender Bedeutung sein wird.

Vielen Dank für das Gespräch!