Kryotherapie bei Restless-Legs-Syndrom

Das Restless-Legs-Syndrom (RLS), eine häufige neurologische Erkrankung, führt aufgrund seiner Kernsymptome (Missempfindungen und Bewegungsdrang in den Beinen, die sich in Ruhe und in der 2. Tageshälfte verstärken) zu einer erheblichen Belastung im Alltag. Im Vordergrund steht dabei die durch das RLS und die häufig damit einhergehenden periodischen Beinbewegungen im Schlaf (PLMS) ausgelöste Schlafstörung. Es gibt einerseits eine Reihe von medikamentösen symptomatischen Therapieoptionen (Dopaminagonisten, Antikonvulsiva und Opiate), andererseits ist diese pharmakologische Therapie häufig durch Nebenwirkungen wie Schwindel, Verschwommensehen, Sturzneigung und Abhängigkeit in ihrer praktischen Anwendbarkeit limitiert.

In der Vergangenheit wurden alternative Therapieformen wie pneumatische Kompression1, aerobes Training2, transkutane spinale Gleichstromstimulation3, Yoga4 oder Infrarotlicht5 hinsichtlich Ihrer Wirksamkeit auf RLS-Beschwerden untersucht. Anekdotische Berichte von PatientInnen, die nach dem Besuch einer Kältekammer eine Verbesserung ihrer Symptome beschrieben, gaben erste Hinweise auf eine mögliche Wirksamkeit dieser Therapieform. Kryotherapie kommt bislang bei Erkrankungen aus dem rheumatologischen Formenkreis zur Anwendung6–8, wobei auch PatientInnen mit multipler Sklerose9 und kardiovaskulären Erkrankungen10 profitieren dürften.

Happe und Kollegen haben nun erstmals in einer randomisiert-kontrollierten, einfach verblindeten Studie mit Parallelgruppen-Design die Wirkung der Kryotherapie auf RLS-Symptome untersucht. Die wesentlichen Einschlusskriterien waren:

  1. ein Alter zwischen 18 und 75 Jahren
  2. die Diagnose eines idiopathischen RLS
  3. keine oder eine seit 3 Monaten stabile medikamentöse RLS-Therapie ohne Anzeichen einer Augmentation
  4. ein RLS-Schweregrad (IRLS) von ≥ 15 Punkten und
  5. ein Auftreten der Symptome bis spätestens 18:00 Uhr an jedem einzelnen Tag

Die Abbildung 1 zeigt im Detail, dass schlussendlich 35 von ursprünglich 262 gescreenten PatientInnen für eine Per-protocol-Analyse zur Verfügung standen.

 

Ablauf der Studie

Die Studie lief in 3 Phasen ab, wobei in Phase I (2 Wochen) die Schwere der RLS-Symptome erhoben (Baseline), in Phase II (2 Wochen) täglich (mit Ausnahme des Wochenendes) Therapieeinheiten durchgeführt und die Therapieeffekte dokumentiert sowie in Phase III (4 Wochen) im Follow-up weiterhin die Therapieeffekte dokumentiert wurden. Die PatientInnen wurden in 3 Gruppen randomisiert: Gruppe 1 (n = 12) erhielt täglich Kryotherapie in einer –60°C-Kältekammer (3 Minuten), Gruppe 2 (n = 11) eine Sham-Kryotherapie in einer –10°C-Kältekammer (3 Minuten) und Gruppe 3 (n = 12) eine lokale Kryotherapie mit –17°C an beiden Beinen (3 Minuten pro Bein).

Der Schweregrad der RLS-Symptome wurde wöchentlich mithilfe der RLS-Severity Scale11 ermittelt. Die subjektiv empfundene Intensität der Missempfindungen und des Bewegungsdrangs in den Beinen, die unwillkürlichen Beinbewegungen (PLM), die Schlafqualität und die Lebensqualität wurden täglich mithilfe einer visuellen Analogskala (VAS) erhoben. Zur Baseline, am Ende der jeweiligen Intervention und in den letzten beiden Wochen des Follow-up wurden mithilfe eines mobilen Geräts die periodischen Beinbewegungen (PLM) registriert.

Ergebnisse

Abbildung 2 zeigt die Hauptergebnisse der Studie, aus denen hervorgeht, dass PatientInnen in Gruppe I (Kryotherapie bei –60 °C über 2 Wochen) während der Intervention und des Follow-up einen verminderten IRLS-Score (p = 0,009) und PLM-Index (p = 0,009) sowie eine verbesserte Lebensqualität (RLS-QLI) (p = 0,006) aufwiesen. Ein Drittel (4/12) der PatientInnen in dieser Gruppe berichtete eine Verbesserung der Beschwerdesymptomatik um mehr als 50 %.
Interessanterweise profitierten auch die PatientInnen in Gruppe III (lokale Kryotherapie –17 °C) und gaben während des Follow-up eine verbesserte Lebensqualität (VAS, p = 0,028; RLS-QLI, p = 0,014), verlängerte Gesamtschlafzeit (p = 0,022), verminderte Dauer (p = 0,017) und Anzahl (p =0,016) der Schlafunterbrechungen an.

 

Resümee

Zusammenfassend dokumentierte die Studie von Happe und Kollegen trotz der Limitationen (kleine Fallzahlen pro Gruppe, relativ kurzer Follow-up, strenge Ein- und Ausschlusskriterien) erstmals in einem randomisiert-kontrollierten Studiendesign eine positive Wirkung der Kryotherapie auf RLS-Symptome und damit assoziierte Einschränkungen. Die Modulation der spinalen Exzitabilität12 stellt einen möglichen pathophysiologischen Erklärungsansatz für die beobachteten Effekte dar. Diese sollten jedenfalls in einer größeren und polysomnografiegestützten Studie repliziert werden.

1 Lettieri CJ, Eliasson AH, Pneumatic compression devices are an effective therapy for restless legs syndrome, Chest 2008; 135:74–80
2 Aukerman MM, Aukerman D, Bayard M, Exercise and restless legs syndrome: a randomized controlled trial, J. Am Board Fa. Med 2006; 19:487–493
3 Heide AC, Winkler T, Helms HJ, Nitsche MA, Trenk­walder C, Paulus W, Bachmann CG, Effects of transcutaneous spinal direct current stimulation in idiopathic restless legs patients, Brain Stimul 2014; 7:636–642
4 Innes KE, Selfe TK, The effects of a gentle yoga program on sleep, mood, and blood pressure in older women with restless legs syndrome (RLS): a preliminary randomized controlled trial, Evid. Based Complement. Alternat Med 2012; 94058
5 Mitchell U, Use of near-infrared light to reduce symptoms associated with restless legs syndrome: a case report, J Med Case Rep 2010;4:286
6 Bonomi FG, De Nardi M, Fappani A, Zani V, Banfi G, Impact of different treatment of whole-body cryotherapy on circulatory parameters, Arch Immunol Ther Exp 2012; 60:145–150
7 Lange U, Uhlemann C, Müller-Ladner U, Serial whole-body cryotherapy in the criostream for inflammatory rheumatic diseases. A pilot study, Med Klin 2008; 103:383–388
8 Olsen EJ, Stravino DV, A review of cryotherapy, Phys Ther 52 1972; 52:840–853
9 Miller E, Mrowicka M, Malinowska LK, Zolynski K, Kedziora J, Effects of the whole-body cryotherapy on a total antioxidative status and activities of some anti­oxidative enzymes in blood of patients with multiple sclerosis-preliminary study, J Med Investig 2010; 57:168–173
10 Szczepanowska-Wolowiec B, Dudek J, Wolowiec P, Kotela I, The influence of cryochamber on parameters of blood pressure and pulse. Przegl Lek 67:360–364 [abstract]
11 Walters AS, LeBrocq C, Dhar A, the International Restless Legs Syndrome Study Group, Validation of the International Restless Legs Syndrome Study Group rating scale for restless legs syndrome, Sleep Med 2003; 4:121–132
12 Palmieri-Smith RM, Leonard-Frye JL, Garrison CJ, Weltman A, Ingersoll CD, Peripheral joint cooling increases spinal reflex excitability and serum norepinephrine, Int J Neurosci 2007; 117:229–242