Wie machen wir uns für die Generation Y attraktiv?

BesucherInnen der Website der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und LeserInnen von neurologisch werden die Kurzinterviews mit jungen Ärztinnen und Ärzten aufgefallen sein, in denen diese ihre ansteckende Begeisterung für das Fach Neurologie ausdrücken. Neu ist auch eine frei zugängliche Jobbörse auf der ÖGN-Website für neurologische Stellen in Österreich sowie eine Broschüre mit dem Slogan „Neurologie – mein Fach“, die an alle neurologische Abteilungen ergangen ist und für die Berufswahl Neurologie wirbt.
Hinter diesen Aktionen der ÖGN steckt die Erkenntnis, dass ein Mangel an jungen MedizinerInnen Österreich erreicht hat. Tatsächlich können viele von uns bestätigen, dass diese Entwicklung auch in der Neurologie zu spüren ist. Als Reaktion auf diesen Trend wurde diese Werbekampagne ins Leben gerufen, die Studierende und junge MedizinabsolventInnen vor der Berufswahl von den vielen Vorzügen unseres Faches informieren soll.

Ärztemangel wird weiter zunehmen: Wie ist der Ärztemangel zu erklären, wo doch in den letzten Jahrzehnten ständig von einer Medizinerschwemme die Rede war und jahrelange Wartezeiten für den Turnus die Norm waren. Diese Entwicklung wurde schon 2012 in einer Auftragsstudie zweier Ministerien sowie der Österreichischen Ärztekammer klar vorhergesagt (www.goeg.at). Demnach öffnet sich derzeit eine zunehmende Schere zwischen dem Angebot und Bedarf an Ärztinnen und Ärzten in Österreich. Bis zum Jahr 2030 könnte dies in einem Mangel an 3.300 bis 7.700 Ärzten (je nach Szenario) münden. Einer der Hauptfaktoren für diese Entwicklung ist die bereits stattfindende Pensionierungswelle der Babyboomer-Generation. Im Jahr 2030, also in 13 Jahren, werden ca. 80 % der 2010 noch tätigen Ärztinnen und Ärzte pensioniert sein. Gleichzeitig sinkt mit den kommenden, geburtenschwachen Jahrgängen die Anzahl der MedizinabsolventInnen, die darüber hinaus wesentlich häufiger als früher auswandern: Über die letzten Jahre wurden nur ca. 65 % der AbsolventInnen in Österreich auch ärztlich tätig.
Eine weitere Reduktion des Ärzteangebotes ergibt sich durch Beschränkungen in der Arbeitszeit aufgrund gesetzlicher Vorgaben (Stichwort KA-AZG). Auf der anderen Seite steigt die Nachfrage nach Ärzten und Ärztinnen durch die Überalterung in der Bevölkerung und das Wachstum der Gesamtbevölkerung in Österreich. Ebenso erfordert der technologische Fortschritt in der Medizin (z. B. moderne Schlaganfallbehandlungen und Immuntherapien in der Neurologie) einen Mehrbedarf an ärztlichem Personal. Die Nachfrage nach Neurologinnen und Neurologen wächst dabei besonders stark. Für die Periode 2010 bis 2030 wird einen Mehrbedarf von Neurologinnen und Neurologen um 26 % vorhergesagt.

Neue Arbeitszeitmodelle und Karrieremodelle entwickeln: Angesichts dieser Zahlen ist in erster Linie die Gesundheitspolitik gefordert, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Darüber hinaus stellt sich aber für uns alle die Frage, was wir im Rahmen unserer eigenen Möglichkeiten beitragen können, um den Nachwuchs für unser Fach zu sichern. Neben rein pragmatischen Schritten (z. B. Online-Jobbörse) oder Werbemaßnahmen, wie oben erwähnt, bedarf es langfristig wohl mehr, um unser Fach attraktiv für die nächste Generation zu gestalten. In Analysen zu den Wünschen der Generation Y (Jahrgänge 1985 bis 1999) taucht immer wieder der starke Wunsch nach einem interessanten, erfüllenden Berufsleben auf, ohne aber dafür die sonstige Lebensqualität opfern zu müssen. (DIE ZEIT, Nr. 10/2014). Umgesetzt auf die Situation in der Neurologie mag dies vielleicht heißen, dass mit unserer Mithilfe neue familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle sowie flexible Karrieremodelle, die den Wünschen zur persönlichen und fachlichen Weiterentwicklung entgegenkommen, entwickelt werden müssen. Vor allem werden wir noch mehr Gewicht auf eine kontinuierliche, qualitativ hochwertige, gelebte Fortbildungskultur legen müssen, um damit einem wesentlichen Anspruch der Generation Y nach einer intellektuell bereichernden Tätigkeit zu genügen. Wenn es gelingt, diese Bedürfnisse zu stillen, werden zufriedene und vom ihrem Fach faszinierte Neurologinnen und Neurologen die besten Botschafter für die nächsten Generationen sein.