Wie können Laien nun die Qualität von Gesundheitsinformation einordnen? Dr. Christian Maté, Arzt für Allgemeinmedizin, Gründer von Netdoktor und heute Medical Creative Director beim MedMedia Verlag, nennt den Absender als ersten wichtigen Aspekt: Wer stellt die Information bereit? Handelt es sich um medizinische Expert:innen, journalistische Fachredaktionen, öffentliche Institutionen oder kommerzielle Anbieter? „Seriöse Angebote machen Quellen transparent, grenzen Werbung klar von redaktionellen Inhalten ab und legen offen, welche Interessen hinter einem Angebot stehen“, gibt Maté Einblick. Generell können öffentliche Gesundheitsportale und qualitätsgesicherte Angebote eine wichtige Lotsenfunktion übernehmen, ist er überzeugt: „Sie helfen Patientinnen und Patienten nicht nur dabei, einzelne Symptome oder Erkrankungen besser einzuordnen, sondern unterstützen auch die Orientierung im Versorgungssystem: Welche Ansprechperson ist zuständig? Wann ist ärztliche Hilfe erforderlich? Welche Rolle spielen Prävention, Selbstmedikation oder weiterführende Diagnostik?“
Gerade Transparenz ist bei Gesundheitsinformation ein Schlüsselfaktor: Quellen, Autorenschaft, Aktualität, Methodik, Nutzen, Risiken und mögliche Interessenkonflikte müssen nachvollziehbar dargestellt werden. „Damit qualitätsgesicherte Gesundheitsinformation wirklich ankommt, sind zudem folgende Aspekte zu bedenken: Die Zielgruppe muss klar definiert, der für sie passende Kommunikationskanal ausgewählt, Thema müssen entsprechend aufbereitet und es muss die richtige Zielgruppenansprache – die passende ‚soziale Sprache‘ – eingesetzt werden“, fasst Univ.-Prof.in Dr.in Anita Rieder, Vizerektorin für Lehre und Leiterin des Zentrums für Public Health an der MedUni Wien, zusammen. Mag.a Dr.in Edith Flaschberger, Senior Health Expert am Kompetenzzentrum Gesundheitsförderung und Gesundheitssystem sowie fachliche Leiterin der Koordinationsstelle der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPGK), rät zudem, gerade bei Informationen auf Social Media besonders achtsam zu sein und die Quellen gut zu checken, da in den sozialen Netzwerken viele selbst ernannte Expert:innen unterwegs sind; ob diese vertrauenswürdig sind oder nicht, können Laien oftmals nicht beurteilen. Hier sieht Flaschberger das Gesundheitssystem in der Pflicht, die Bevölkerung dabei zu unterstützen, qualitätsvolle Informationen herausfiltern und Falschinfos erkennen zu können: „Dazu braucht es Gesundheitskompetenz – und diese zu ermöglichen ist Aufgabe des Systems, nicht die Holschuld Einzelner!“
Dass qualitätsgesicherte Gesundheitsinformation nicht nur korrekt sein, sondern auch ankommen muss, sieht auch Angelika Widhalm, Präsidentin des Bundesverbandes Selbsthilfe Österreich (BVSHOE), so. Sie betont, dass valide Information verständlich, gut aufbereitet, korrekt und praxisnah sein müsse, damit Patient:innen im Sinne des Shared Decision-Making Entscheidungen gemeinsam mit ihren behandelnden Ärzt:innen treffen können. Die Übersetzung medizinischer Fachinformation in alltagsnahe Sprache erfordere Empathie und ein gutes Verständnis für die Lebensrealität der Betroffenen.
Verständlichkeit bedeutet daher mehr als sprachliche Vereinfachung. „Entscheidend sind Zielgruppenorientierung, der passende Kommunikationskanal, kulturelle und sprachliche Zugänglichkeit sowie eine Aufbereitung, die unterschiedliche Gesundheitskompetenzniveaus berücksichtigt. Informationen in mehreren Sprachen, unterstützende Bilder oder Piktogramme sowie die Möglichkeit, Inhalte gemeinsam mit Patientenorganisationen auf Verständlichkeit zu prüfen, können die Qualität deutlich erhöhen“, erläutert Widhalm. Auch Flaschberger betont, dass zielgruppenspezifische Gesundheitsinformation bedeutet, alle mitzunehmen: „Gesundheitsinformation soll auch dazu beitragen, Chancengerechtigkeit zu erhöhen, indem beispielsweise auch Menschen mit geringer Lesekompetenz, geringerem Bildungsniveau oder Sprachbarrieren verständlich informiert werden. Daher ist es wichtig, dass die Informationen niederschwellig angeboten werden und gut auffindbar sind.“
Wichtig beim Erstellen von Gesundheitsinformation sei auch die Fähigkeit, Unsicherheiten offen und verständlich zu kommunizieren, ist Rieder überzeugt. Denn gerade wissenschaftliche Evidenz ist selten absolut; sie entwickelt sich weiter, wird neu bewertet und muss im aktuellen – und sich manchmal verändernden – Kontext erklärt werden. Rieder verweist in diesem Zusammenhang auf eine aktuelle Überblicksstudie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften: „Ein überraschendes Ergebnis dieser Studie ist, dass transparent erklärte Unsicherheiten das Vertrauen in die Wissenschaft sogar stärken können – sofern sie eingeordnet und zielgruppengerecht vermittelt werden.“