Zwischen Faktenflut und Fake News

Patient:innen können nur dann informierte Entscheidungen über ihre Gesundheit treffen, wenn sie Zugang zu verständlicher und qualitätsgesicherter Information haben. Das ist im digitalen Zeitalter zu einer systemischen Herausforderung geworden: Gesundheitsinformationen sind heute zwar jederzeit verfügbar – aber nicht immer korrekt, ausgewogen oder nachvollziehbar. Die Bevölkerung steht also vor dem Problem, aus einer unüberschaubaren Menge an Informationen, die ihnen sowohl analog als auch digital zur Verfügung steht, jene Informationen herausfiltern, die wissenschaftlich fundiert, aktuell, unabhängig und für die eigene Situation relevant sind.

Orientierung in der „Infodemie“

Diese herausfordernde Informationsfülle ist nicht neu, wurde aber durch Digitalisierung, soziale Medien und den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) zusätzlich verschärft. Univ.-Prof.in Dr.in Anita Rieder, Vizerektorin für Lehre und Leiterin des Zentrums für Public Health an der MedUni Wien, spricht von einer „Infodemie“: „Der Überfluss an Informationen macht es vielen sehr schwer, ‚gute‘ Informationen herauszufiltern und z.B. Fake News zu erkennen. Dafür bedarf es der Fähigkeit, die Informationen einzuordnen, kritisch zu hinterfragen und alltagstauglich umzusetzen.“ Um gute Gesundheitsinformation aus der Masse he­rauszufiltern, brauche es folglich bereits ein gewisses Maß an Gesundheitskompetenz – genau jene Fähigkeit also, die durch qualitätsgeprüfte Information erst gestärkt werden soll. „Wichtiger erster Schritt ist daher, die Menschen dabei zu unterstützen, dass sie die qualitätsgeprüfte Gesundheitsinformation überhaupt finden“, so Rieder.

Gesundheitsinformationen als ­Entscheidungsgrundlage

Warum brauchen medizinische Laien überhaupt Gesundheitsinformationen? „Um gute Entscheidungen treffen zu können, braucht jede/jeder gute Gesundheitsinformation. Dies gewinnt vor dem Hintergrund einer immer komplexer werdenden Medizin nochmals an Bedeutung“, erklärt Mag.a Dr.in Caroline Culen, Abteilungsleiterin des Kompetenzzentrums Gesundheitsförderung und Gesundheitssystem der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), in der die Koordinationsstelle der Österreichischen Plattform Gesundheitskompetenz (ÖPGK) verortet ist. „Laien brauchen jemanden mit Expertise, der die Informationen für sie einordnet und für sie zugänglich macht“, ergänzt Mag.a Dr.in Edith Flaschberger, Senior Health Expert am Kompetenzzentrum Gesundheitsförderung und Gesundheitssystem. Dies sei gerade vor dem Hintergrund der vielen Fehl- und Desinformationen, die im Gesundheitsbereich kursieren, von großer Bedeutung, betont sie.

Self Care braucht verlässliche ­Rahmenbedingungen

Aus Sicht der IGEPHA – The Austrian Consumer Health Care Association ist qualitätsgesicherte Information ein Kernbestandteil von Self Care. Mag.a Christina Nageler, IGEPHA-Geschäftsführerin, unterstreicht, dass Menschen durch verlässliche, verständliche und nachvollziehbare Informationen befähigt werden, Beschwerden besser einzuordnen, geeignete Maßnahmen auszuwählen und Verantwortung für die eigene Gesundheit zu übernehmen. Gute Gesundheitsinformation mache Patient:innen nicht zu medizinischen Expert:innen, stärke aber ihre Fähigkeit, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden und Nutzen sowie Risiken abzuwägen. Nageler: „Der Self-Care Readiness Index zeigt, dass funktionierende Self Care nicht allein von der Motivation des einzelnen Menschen abhängt. Entscheidend ist, ob ein Land geeignete Rahmenbedingungen schafft: Gesundheitskompetenz, verlässliche Informationen, unterstützende Strukturen und ein entsprechendes politisches Umfeld müssen zusammenspielen.“ Genau hier setzt auch die Forderung der IGEPHA nach einer nationalen Self-Care-Strategie für Österreich an: „Unsere Vision ist eine Gesundheitskultur, in der jeder Mensch gut informiert Verantwortung für seine eigene Gesundheit übernehmen kann. Dafür braucht es nicht nur einzelne Projekte, sondern eine systematische und langfristige Strategie.“ Aus Sicht der IGEPHA muss Gesundheitskompetenz daher früh beginnen. Kinder und Jugendliche sollten bereits in der Schule lernen, Gesundheitsinformationen zu finden, deren Qualität einzuschätzen und so verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.

Die Qualitätskriterien für „gute Gesundheitsinformation“

Flaschberger nennt folgende Kernelemente als Basis guter Gesundheitsinformation:

  1. Evidenzbasierung: Die Informationen müssen dem aktuellen Wissens- bzw. Forschungsstand entsprechen.
  2. Transparenz/Unabhängigkeit: Es muss klar erkennbar sein, wer der Herausgeber der Information ist, welche Quellen genutzt wurden, ob es eventuell Interessenkonflikte gibt etc. Die Inhalte dürfen nicht tendenziös sein, es darf nichts Wesentliches weggelassen werden, damit keine Verzerrungen auftreten.
  3. Zielgruppenorientierung: Hierunter werden Aspekte wie Verständlichkeit, Layout, Format sowie Auswahl des jeweiligen Kanals – je nach Zielgruppe – etc. zusammengefasst.

„Diese Qualitätskriterien gelten nicht nur für schriftliche Gesundheitsinformationen wie z.B. Broschüren, Flyer und Zeitungsartikel, sondern auch für audiovisuelle bzw. digitale Medien wie Podcasts, Videos etc.“, erläutert Culen. Auch wenn bei der Gestaltung von Beiträgen für diese Medienkanäle besondere Gesetzmäßigkeiten gelten, ist darauf zu achten, die erwähnten Kernelemente umzusetzen. „Bei einem Video kann es beispielsweise schwierig sein, alle Quellen anzuführen – dieses Kriterium kann durch einen Link im Video oder in der Videobeschreibung, der zu einer Website führt, auf der die Quellen nachzulesen sind, dennoch erfüllt werden“, nennt Flaschberger ein praktisches Umsetzungsbeispiel.