Armutsbetroffene kämpften im Lockdown mit psychischen Problemen

Experten der Armutskonferenz weisen darauf hin, dass Armutsbetroffene bei dem zweiten und dritten Lockdown in Österreich vermehrt mit psychischen Problem zu kämpfen gehabt haben.

Depression, Gleichgültigkeit, Einsamkeit, Existenzangst bestimmten das Stimmungsbild bei einer neuerlichen Befragung der Armutskonferenz, die nun präsentiert worden ist. „Es zeigt sich, wie wichtig ein existenzsicherndes und gutes Arbeitslosengeld ist, wie massiv sich beengtes Wohnen auf Bildung und Gesundheit der Kinder auswirkt“, sagt Sozialexperte Martin Schenk. Die Befragten setzten heuer ihre Prioritäten deutlich anders als in der ersten Erhebung im Sommer 2020. „Die körperliche Gesundheit, die sozialen Kontakte und vor allem das psychische Wohlbefinden haben an Bedeutung gewonnen. Und auch das Wohnen in zu großer Enge ist nun Thema“, erläuterte Studienautorin Evelyn Dawid.

Dominantes Thema waren heuer die psychischen Beeinträchtigungen, die sich aus einer Vielzahl von Gründen eingestellt hatten: etwa weil den Menschen die Arbeit und die Kollegen und Kolleginnen abgingen, weil man Freunde und Freundinnen, Familie und Bekannte nicht treffen konnte oder weil sich die ökonomische Existenzgrundlage in Luft aufzulösen schien. Da die Öffnungen der Lockdowns mehrmals – sehr kurzfristig – verschoben wurden, folgten auch Enttäuschungen, weil Pläne zusammenbrachen und die Zukunft immer unsicherer wurde.

Zur Einsamkeit, die bereits in der ersten Erhebung des Vorjahres 2020 ein wichtiges Thema gewesen war, gesellte sich eine Art Gleichgültigkeit: Viele verloren die Tagesstruktur, schlitterten in eine Depression, machten den Tag zur Nacht und umgekehrt. Vor allem die Jugendlichen verschliefen den Tag – auch während am Bildschirm das Homeschooling lief – oder waren ständig, auch spät abends, im Freien unterwegs. Arbeitslose waren stark betroffen von psychischem Druck und Existenzangst. Dabei fand die Armutskonferenz zwei Gruppen. „Eine hat vor der Krise in schlecht bezahlten Jobs gearbeitet, hat keine Ersparnisse und bezieht sehr niedriges Arbeitslosengeld. Diese Menschen sind tatsächlich durch die Corona-Krise und ihren Jobverlust in Armut geraten. Die zweite Gruppe hatte einen gut bezahlten Job, im Idealfall finanzielle Rücklagen und einen ausreichend hohen AMS-Bezug. Ein existenzsicherndes und höheres Arbeitslosengeld ist wichtig“, erklärte Schenk.

Sozialminister Wolfgang Mückstein (Grüne) betonte in einer Reaktion, dass weiter am Ausbau der psychosozialen Versorgung aller Menschen in Österreich gearbeitet wird. Die aktuelle Situation und die Studienergebnisse unterstreichen demnach die Wichtigkeit dieses Vorhabens. Bis Ende 2022 werden von der Sozialversicherung 300.000 zusätzliche Therapiestunden für Psychotherapie auf Krankenschein geschaffen. Zudem werden aufgrund der Covid-19-Krise zusätzlich 13 Millionen Euro für niederschwellige psychosoziale Versorgung von Kindern und Jugendlichen zur Verfügung gestellt. (red)