© Tanzer Fast hat man den Eindruck, US-Präsident Donald Trump läuft politisch Amok. Tatsächlich gefährdet seine Politik Gesellschaft, Gesundheit und Wirtschaft.
Was reitet den US-Präsidenten? Das fragt sich derzeit die ganze Welt. Einig ist man sich weitgehend, dass vieles aus den Fugen gerät. Was folgt ist unklar. Sichtbar wird das nicht etwa an der Grönland-Diskussion, sondern auch im Gesundheitsbereich. Trumps Unterstützer:innen und der umstrittene Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr. feiern die Bewegung „Make America Healthy Again“ (MAHA). Das sichtbarste Zeigen: Wissenschaft wird umgeschrieben. Viele der renommiertesten Universitäten und Forschungseinrichtungen des Landes erleben immensen Druck. Die US-Regierung wirft ihnen vor, Bastionen des Antisemitismus und der ideologischen Indoktrinierung zu sein und droht mit Etatkürzungen und Stellenstreichungen. Doch es geht auch gegen wichtige Institutionen, an denen sich die globale Medizin und Forschung orientiert.
Nach nur rund einem Monat im Amt feuerte Kennedy im August die Leiterin der Zentren zur Kontrolle und Prävention von Krankheiten (CDC), Susan Monarez. Sie war unter anderem beim Thema Impfungen mit Gesundheitsminister Kennedy aneinandergeraten, der diesen sehr skeptisch gegenübersteht. Anfang des Jahres verkündete die Trump-Regierung nun, dass für Kinder künftig nur noch zu elf und nicht mehr zu 18 Immunisierungen geraten werde – auch wenn weiterhin alle Impfungen möglich seien. Kinderärzt:innen kritisierten die neuen Empfehlungen scharf. Gegen Masern wird noch eine Impfung empfohlen. Gleichzeitig kämpfen die USA gerade gegen eine Masern-Epidemie. Rund 2.500 Fälle wurden seit Anfang 2025 dokumentiert, drei Menschen starben. Kennedy verwies in Interviews zunächst auf Vitamin A und Lebertran als Heilmittel, bevor er angesichts der dramatischen Entwicklung eine Impfung als wirksamste Methode zur Eindämmung der Verbreitung nannte. Für die kommenden Wochen erwarten Expert:innen, dass die Weltgesundheitsbehörde WHO verkündet, dass die USA nicht mehr masernfrei sind. Das wird Trump wenig kümmern – er hat vor einem Jahr den Ausstieg seines Landes aus der WHO erklärt.
Seit 2022 grassiert die größte je dokumentierte Vogelgrippewelle, die sich über mehrere Erdteile erstreckt. Der Erreger befällt vor allem Vögel, wurde aber auch schon bei vielen Säugetieren gefunden – in den USA auch bei Milchkühen. Rund 70 Fälle beim Menschen wurden in den USA dokumentiert, zwei Menschen starben. Expert:innen kritisieren, es werde viel zu wenig getan, um die Vogelgrippe in den USA zu überwachen und einzudämmen. Damit wachse die Sorge vor einer weiteren Pandemie.
Wissenschaft und Unternehmen brauchen Planungssicherheit – gerade Wissenschafter:innen, die langfristig Produkte entwickeln. Neue Medikamente brauchen mehrere Jahre, bis sie Marktreife erlangen und zugelassen werden. Ein US-Präsident, der sich unberechenbar zeigt, ist Gift für die Forschung und vor allem die Wirtschaft. In nur wenigen Monaten drohte Trump der Pharmaindustrie mit Zöllen, schaffte sie für jene Firmen ab, die in den USA investieren, verlangte niedrige Preise und droht nun wieder mit Zöllen, die Unternehmen treffen, die in Ländern sitzen, die sich gegen eine Annexion Grönlands stellen. Was kommt als nächstes? Das weiß niemand genau bei Trump.
Vielleicht wird es Zeit, eine Unternehmensstrategie und eine europäische Politikstrategie ohne die USA zu denken. Wer hofft, dass sich das Problem Trump in wenigen Jahren biologisch oder durch Wahlen ändert, könnte sich täuschen. Trump denkt dynastisch und seine Finanziers wollen vor allem eines: einen Raum, der einer wachsenden diktatorisch geführten Macht wie China Paroli bieten kann. Und sie denken, dass die Demokratie dazu nicht mehr im Stande ist. Deshalb brauche es eine starke Hand. Europa ist gefordert, das Gegenteil zu beweisen. Wer daran zweifelt, der sei daran erinnert, welche gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung Europa in den vergangenen 80 Jahren nach dem zweiten Weltkrieg genommen hat. Und wohin die Zeit davor geführt hat. (rüm)