© AnnaStills – stock.adobe.com Die RELATUS-Redaktion entlarvt in der Serie „Mythen & Fakten“ die gängigsten Scheinargumente im Gesundheitswesen und liefert fundierte Antworten für Diskussionen.
Das Argument kommt oft und bedient Neiddebatten – Migrant:innen nutzen das Gesundheitssystem aus und zahlen umgekehrt wenig ins System ein. Zu Beginn der Covid-19-Pandemie wurde auf Social Media darüberdiskutiert, wie hoch der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund gegenüber Nicht-Migrant:innen ist, die mit Corona auf Intensivstationen liegen. Dies vor dem Hintergrund eines Facebook-Postings des FPÖ-Politikers und zweiten Präsidenten des niederösterreichischen Landtags Gottfried Waldhäusl, der bemängelt hatte, dass mehr als 50 Prozent der Covid-19-Intensivbetten mit Migrant:innen belegt wären.
Der nunmehrige deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte 2023 im „Welt-Talk“ des Senders „Welt“: „Asylwerber sitzen beim Arzt und lassen sich die Zähne machen, und die deutschen Bürger nebendran kriegen keine Termine.“ Auch diese Aussage verbreitete sich rasant und wurde viel diskutiert. „Das Gesundheitswesen darf nicht unter der Migration leiden“, meinte Ende 2025, der oberösterreichische Landeshauptmann-Stellvertreter Manfred Haimbuchner (FPÖ) auf Facebook und: „Unsere eigenen Leute dürfen nicht dafür bezahlen, dass immer mehr Fremde in unser Gesundheitssystem einwandern.“
Als Menschen mit Migrationshintergrund gelten in Österreich solche, deren beiden Elternteile im Ausland geboren wurden und die entweder auch selbst im Ausland geboren wurden oder im Inland zur Welt kamen. Die Definition geht auf die „Recommendations for the 2020 censuses of population and housing“ der „United Nations Economic Commission for Europe“ (UNECE) zurück. Demnach und laut Zahlen der Statistik Austria haben von den derzeit in Österreich lebenden rund 9,2 Millionen Menschen etwas mehr als 2,5 Millionen Menschen Migrationshintergrund, was einem Prozentanteil von 27,8 entspricht. Anteilsmäßig am weitaus meisten Migrant:innen wohnen in Wien: Von den zirka 1,9 Millionen Einwohner:innen hat fast eine Million Migrationshintergrund, also knapp die Hälfte.
Immer wieder wurde da und dort von Einzelpersonen gesagt, Migrant:innen würden das Gesundheitssystem ausnützen, indem sie häufiger Spitalsbehandlungen in Anspruch nehmen und öfter zu Ärzt:innen gehen als Einheimische, wodurch sich auch für Einheimische die Wartezeit auf eine Untersuchung im Spital und eine Spitalsbehandlung oder auf einen Termin bei Allgemeinmediziner:innen und Fachärzt:innen verlängern würde.
Ein Team des Complexity Science Hub (CSH) Vienna und der Medizinischen Universität (MedUni) Wien wollte es genau wissen und analysierte laut einem 2025 veröffentlichten Bericht rund 13 Millionen stationäre Krankenhausaufenthalte von zirka vier Millionen Menschen in Österreich zwischen 2015 und 2019. Obwohl 27,8 Prozent der Bevölkerung in Österreich Migrationshintergrund haben, machen nach dieser AnalyseMigrant:innen nur 9,4 Prozent der gesamten Krankenhauspatient:innen aus und lediglich 9,8 Prozent der Patient:innen, die eine Nacht oder mehrere Nächte im Spital verbrachten. Das heißt, Menschen mit Migrationshintergrund unterziehen sich deutlich seltener einer ambulanten oder stationären Spitalsbehandlung als Nicht-Migrant:innen. Migrant:innen liegen nur bei der Wiederaufnahmerate vorn, also bei der Zahl, wie häufig sie binnen eines Jahres neuerlich in das Spital aufgenommen werden. Erklären lässt sich dies dem CSH zufolge damit, dass Migrant:innen nicht nur seltener, sondern auch vergleichsweise spät, also erst in fortgeschritteneren Krankheitsstadien, medizinische Hilfe suchen.
Im Auftrag der Arbeiterkammer Wien (AK Wien) und des Bundesministeriums für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz (BMASGPK) wurde Migrant:innen im Jahr 2015 die Frage gestellt, ob sie im Jahr davor ein Spital aufgesucht haben. Das Ergebnis steht im dazugehörigen Bericht mit dem Titel „Migration und Gesundheit“ zu lesen, wo die Antworten der Migrant:innen auch mit Antworten von Nicht-Migrant:innen auf dieselbe Frage verglichen wurden. Menschen mit Migrationshintergrund gehen demnach nicht häufiger als Nicht-Migrant:innen in Notfallambulanzen. Wenn sie schon einmal ärztliche Hilfe suchen, was seltener und später der Fall ist, gehen sie eher in Notfallambulanzen, als zu Hausärzt:innen, heißt es da. Dass Notfallambulanzen für Migrant:innen die bevorzugte Anlaufstelle bei gesundheitlichen sowie bei psychosozialen Problemen sind, steht auch in einem Bericht deutscher Wissenschaftler:innen zu lesen. Sie analysierten „Erste-Hilfe-Scheine“ aus Spitälern sowie Patienteninterviews, die zwischen 2001 und 2003 in internistischen und gynäkologischen Notfallambulanzen von drei Berliner Krankenhäusern geführt wurden. Als Erklärung dafür, dass Menschen mit Migrationshintergrund eine Behandlung in Ambulanzen vorziehen, führen die Forscher:innen auf der Basis ihrer Analysen an, Migrant:innen wären oft schlecht über das Gesundheitssystem in ihrer Zweitheimat informiert. Manche wissen nicht, dass es auch im niedergelassenen Bereich eine gute ärztliche Versorgung gibt. Wissen sie doch davon, dann würden sie oft aus Angst vor Barrieren nicht zu Hausärzt:innen gehen, wie etwa Sprachbarrieren. Das beschreibt auch ein Forschungsbericht des Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) mit dem Titel „Migration in Österreich: Gesundheitliche und ökonomische Aspekte“ aus 2021.
Wie es um den niedergelassenen Bereich und dessen Nutzung durch Migrant:innen bestellt ist, hat das Robert Koch Institut (RKI) der deutschen Bundesregierung in den Jahren 2021 und 2022 im Zuge einer mehrsprachigen Befragung von 6038 Menschen mit Migrationshintergrund für die Studie „Gesundheit in Deutschland (GEDA) Fokus“ erhoben. Aus den Antworten geht hervor, dass Migrant:innen im Alter über 50 Jahren in etwa gleich oft, in jüngeren Jahren aber seltener niedergelassene Allgemeinmediziner:innen und Fachärzt:innen aufsuchen als Nicht-Migrant:innen.
Auch für den erwähnten österreichischen Bericht zu Migration und Gesundheit ging man der Frage nach, ob Migrant:innen öfter niedergelassene Ärzt:innen aufsuchen als Menschen ohne Migrationshintergrund. Die Antwort fassen die Autor:innen des Berichts so zusammen: „Es gibt Hinweise, dass Menschen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur einheimischen Bevölkerung das österreichische Gesundheitswesen im niedergelassenen Bereich seltener in Anspruch nehmen.“ Migrant:innen würden sowohl niedergelassene Allgemeinmediziner:innen als auch Fachärzt:innen seltener konsultieren, heißt es in dem Bericht noch, der auch Zahlen zu Besuchen bei Ärzt:innen verschiedener medizinischer Fachrichtungen enthält. Diese stammen aus der „Austrian Health Interview Survey“ (ATHIS), einer regelmäßigen Befragung Über-15-Jähriger zu Gesundheitsthemen, die von der Statistik Austria durchgeführt wird. Daraus geht beispielsweise hervor, dass Frauen mit Migrationshintergrund gegenüber Frauen ohne Migrationshintergrund deutlich seltener gynäkologische Untersuchungen und Behandlungen in Anspruch nehmen. 54 Prozent der 35- bis 54-jährigen Migrantinnen gaben bei ATHIS an, im Jahr vor der Befragung Gynäkolog:innen aufgesucht zu haben, während dies mit 69 Prozent um 15 Prozent mehr der gleichaltrigen Frauen ohne Migrationshintergrund taten. Beobachtungen aus Italien und Großbritannien zeigen, das Migrantinnen, die schwanger sind, später mit den Untersuchungen beginnen als Frauen ohne Migrationshintergrund und weniger Termine in gynäkologischen Praxen haben. Deutlich weniger in Anspruch nehmen Migrant:innen auch psychiatrische Behandlungen oder Psychotherapien, obwohl sie diese aufgrund von migrationsbedingten Traumata oft bräuchten. Erklärt wird dies damit, dass bei solchen Behandlungen die Sprache besonders wichtig ist, und oft Sprachbarrieren bestehen.
Ebenfalls seltener als Nicht-Migrant:innen nehmen Migrant:innen Angebote im Bereich der Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch. Das geht aus dem erwähnten ÖIF-Bericht sowie auch aus ATHIS-Interviews der Jahre 2006 und 2007 hervor. Während sich demnach 52 Prozent der Migrantinnen im Alter von über 40 Jahren in den drei Jahren vor den Befragungen einer Mammografie zur Früherkennung von Brustkrebs unterzogen hatten, waren es in der Gruppe der Nicht-Migrantinnen 70 Prozent. Der Vorsorgeuntersuchung durch einen Krebsabstrich am Gebärmutterhals unterzogen sich 30 Prozent der 15 bis 60 Jahre alten Migrantinnen und 56 Prozent der Nicht-Migrantinnen aus derselben Altersgruppe. Erhebliche Unterschiede in Sachen Vorsorge gibt es auch bei den Männern. Während nur 18 Prozent der Migranten ab 40 Jahren in der Zeit vor den Befragungen einen PSA-Test durchführen ließen, taten dies 51 Prozent derjenigen ohne Migrationshintergrund. Schließlich wird von Migrant:innen laut dem ÖIF-Bericht und den ATHIS-Interviews noch die Koloskopie zur Darmkrebs-Früherkennung von Migrant:innen seltener in Anspruch genommen. Darüber hinaus haben sie noch seltener einen aufrechten Impfschutz, etwa gegen FSME oder Hepatitis A und B. (sst)