Prothetik: Tagesklinik statt stationärer Hüft-OP

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Immer mehr tagesklinische Angebote sollen Spitäler entlasten. Welche Folgen hat das für Nachsorge und Finanzierung im niedergelassenen Bereich? Relatus hat nachgefragt.  

Das Herz-Jesu Krankenhaus Wien setzt einen neuen Meilenstein in der orthopädischen Versorgung: mit der Einführung des tagesklinischen Hüftgelenksersatzes. „Die tagesklinische Versorgung ermöglicht es uns, Patient:innen unter klar definierten Voraussetzungen zu operieren und noch am selben Tag sicher nach Hause zu entlassen“, erklärt Christoph Böhler, Vorstand der I. Orthopädischen Abteilung. Möglich werde dies durch schonende Operations- und Narkosetechniken, standardisierte Abläufe, individuell angepasste Schmerztherapien sowie eine engmaschige postoperative Betreuung.  

Das Angebot richtet sich nur an ausgewählte Patient:innen in gutem Allgemeinzustand ohne schwere Begleiterkrankungen, mit einer hohen Mobilität vor der OP sowie ausreichender Unterstützung im häuslichen Umfeld. Mit einer durchschnittlichen Verweildauer von bislang zwei bis drei Tagen nach Hüft-Endoprothesen lag das Herz-Jesu Krankenhaus schon in der Vergangenheit unter dem österreichischen Bundesdurchschnitt von sieben Tagen. Die tagesklinische Endoprothetik sei nun die konsequente Weiterentwicklung und „ein weiterer Schritt in Richtung patient:innenzentrierter Medizin“, sagt Gerald Loho, Vorstand der II. Orthopädischen Abteilung. Als Vorteile des kürzeren Krankenhausaufenthalts nennt er ein geringeres Infektionsrisiko durch nosokomiale Keime, eine raschere Genesung beifrühzeitiger Mobilisierung sowie weniger Komplikationen wie Thrombosen. „Das ist kein Kompromiss an der Qualität, sondern ein Gewinn für die Patient:innen.“  

Kürzere Wartezeiten auf den OP-Termin und deutliche Kosteneinsparungen durch den Wegfall des stationären Aufenthalts machen das Angebot auch volkswirtschaftlich attraktiv, betont Geschäftsführerin Elvira Czech. „Mit dem Ausbau unserer tagesklinischen Leistungen erfüllen wir den Auftrag der Stadt Wien nach einer Erhöhung der tagesklinischen und ambulanten Versorgung.“  

Die gesundheitsökonomische Dimension betrifft vor allem den niedergelassenen Bereich: Durch die verkürzten Spitalsaufenthalte werden Teile der Nachsorge zunehmend aus dem Krankenhaus in den ambulanten Sektor verlagert. Damit stellt sich die Frage, ob dort ausreichend personelle, strukturelle und finanzielle Ressourcen vorhanden sind, um diese zusätzlichen Aufgaben zu übernehmen. 

Andreas Stippler, Bundesfachgruppenobmann für Orthopädie und orthopädische Chirurgie in der Österreichischen Ärztekammer, sieht derzeit noch nicht ausreichend Kapazitäten vorhanden. Aus medizinischer Sicht sei der tagesklinische Hüftgelenksersatz zwar positiv zu bewerten und „international längst Standard“. Entscheidend seien eine gute Prähabilitation vor dem Eingriff und eine unmittelbar anschließende ambulante Rehabilitation. Ziel moderner Gelenksersatzmedizin sei, dass Patient:innen bereits nach drei Wochen wieder ohne Krücken mobil seien. Die Nachsorge im niedergelassenen Bereich werde zunehmen und die Orthopäd:innen seien grundsätzlich bereit, diese Aufgabe zu übernehmen, so Stippler – vorausgesetzt, die notwendigen Strukturen wie ein Ausbau der ambulanten Reha würden rasch geschaffen. „Eine Reha drei Monate später braucht kein Patient.“  

Ähnlich sieht man die Situation in der Pflege. Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, verweist darauf, dass es problematisch werden könne, wenn kurzfristig zusätzlicher Betreuungsbedarf entsteht. Für einen raschen Einsatz mobiler Hauskrankenpflege gebe es derzeit weder ausreichende Strukturen noch Ressourcen. Im Dachverband der Sozialversicherungsträger macht man vor allem auf die schleichende Verschiebung der Kosten aufmerksam. Tagesklinische Leistungen wie diese seien zwar Best Practice, gleichzeitig verweist man darauf, dass bereits jetzt eine Verlagerung von Vor- und Nachsorgeleistungen in den ambulanten Bereich zu beobachten sei, was den Ressourcendruck erhöhe. (tab)