„Sehen derzeit eine der stärksten Influenza-Wellen“

© LKH-Univ. Klinikum Graz/Werner Stieber

Robert Krause, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (ÖGIT), über niedrige Impfraten, Herausforderungen durch resistente Erreger und technologische Innovationen. 

Seit der Covid-19-Pandemie ist das Bewusstsein für Infektionskrankheiten gestiegen. Wie gut ist Österreich aus Ihrer Sicht auf mögliche neue Epidemien vorbereitet? Ich kann die Frage nur für Teilbereiche beantworten, wie beispielsweise für die nationale und internationale Vernetzung der Kolleg:innen, die sich mit Infektionskrankheiten beschäftigen. Hier hat COVID-19 jedenfalls eine Verbesserung gebracht. Nicht gut ist die im internationalen Vergleich schlechte Impfrate in Österreich, wie sie beispielsweise für die aktuelle Influenza- und Covid-Saison mit 12% Influenza-Impfungen und 4% Covid-Impfungen, bezogen auf die Gesamtbevölkerung, abgelesen werden kann. In Dänemark liegt die Influenza-Impfrate bei 77%. Die Masern-Impfrate ist in Österreich eine der schlechtesten ganz Europa. Es ist in Österreich noch nicht ausreichend gelungen, die Bevölkerung von der Wichtigkeit der Impfprävention zu überzeugen. Wir sehen derzeit in Österreich eine der stärksten Influenza-Wellen der letzten Jahre, die durch die hohe Zahl von hospitalisierungspflichtigen Patient:innen für das gesamte Gesundheitssystem herausfordernd ist. In der Prävention ist daher noch viel zu tun. 

Laut einem kürzlich erschienenen WHO-Bericht wird jede sechste Infektion weltweit durch antibiotikaresistente Erreger ausgelöst. Wie schätzen Sie das Problem für Österreich ein? Das Problem ist in Österreich noch nicht so ausgeprägt wie beispielsweise in Griechenland, Rumänien oder Italien. Trotzdem haben wir auch hierzulande immer wieder Patient:innen mit multiresistenten Erregern zu behandeln. Diese Erreger werden durch Transfer von Patient:innen aus dem Ausland nach Österreich eingebracht – etwa durch Kriegsopfer aus der Ukraine oder Reisrückkehrer aus anderen Ländern – oder auch selten authochton, d.h. in Österreich ohne Auslandsbezug erworben. Infektionen mit diesen multiresistenten Erregern erfordern dann spezielle antiinfektive Therapien mit neuen antibiotischen Substanzen. Problematisch sind auch resistente Pilze wie Candidozyma auris, die sich weltweit ausbreiten und auch in Österreich zunehmend detektiert werden. 

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Infektionsmedizin in den kommenden Jahren? Die Herausforderungen liegen in allen Bereichen – von der Prävention über Diagnostik und Therapie, bis hin zur Nachsorge. Zur Senkung der Krankheitslast durch respiratorische Viren wie Influenza, SARS COV 2 und RSV bleibt die Prävention durch Impfung, Händehygiene und, in manchen Bereichen, auch das Tragen von Masken die wichtigste Maßnahme. Eine Verbesserung des Lebensstils sollte ohnehin selbstverständlich sein und würde auch dazu beitragen, schwere Verläufe von Infektionskrankheiten zu verhindern. Die Vermittlung dieser Gesundheitskompetenz ist sicher eine der größten Herausforderungen für alle im Gesundheitswesen Tätigen.  

Welche Rolle spielt dabei die moderne Diagnostik? Die moderne Infektionsdiagnostik ermöglicht heute eine gezielte Erregerdetektion innerhalb weniger Stunden sowie eine unspezifische Erregersuche mittels Sequenzierungstechniken aus unterschiedlichsten Materialen. Die Integration dieser modernen Verfahren in den klinischen Alltag und die Interpretation der Ergebnisse im Hinblick auf die tatsächliche Ätiologie einer Infektionskrankheit bleiben jedoch anspruchsvoll – Stichwort Besiedler versus tatsächlicher Krankheitserreger. Die klassische phänotypische Resistenztestung ist derzeit noch Goldstandard, aber auch hier drängen neue molekularbiologische oder modifizierte phänotypische Methoden in die klinische Praxis.  

Wo sehen Sie besonders großen Handlungsbedarf? Weitere Herausforderungen liegen in der Verbesserung der Therapie häufiger Infektionserreger wie Staphylokokkus aureus, Streptokokken, Klebsiellen oder Pseudomonas, aber auch im Umgang mit Resistenzen wie etwa bei Tuberkulose, oder in neuen Behandlungsmöglichkeiten für weltweit bedeutende Pilzinfektionen wie Kryptokokkose, Aspergillose oder Candida Infektionen. Die WHO hat 2022 erstmalig eine „fungal priority list“ mit 19 Pilzen publiziert, um die Bedeutung dieser Erreger und Forschungsanstrengungen zu priorisieren. Auch Ausbildung und Nachwuchsförderung sind essenziell: Die Infektiologie gehört zu den umfangreichsten Fachgebieten mit hoher Interdisziplinarität, erforderlicher Spezialisierung und Zunahme der Technologisierung und Digitalisierung in der Diagnostik.  

Welche medizinischen oder technologischen Innovationen könnten die Infektionsmedizin in näherer Zukunft besonders verändern? Ich kann hier nur exemplarisch einige Entwicklungen nennen: Eine zentrale Rolle spielen die Verbesserung der Schutzrate und die weitere Entwicklung von Impfungen gegen epidemiologisch bedeutende Infektionskrankheiten wie Dengue, Malaria, Chickungunya. Ebenso wichtig sind neue Ansätze zur Verhinderung der Übertragung vektorbasierter Infektionskrankheiten durch Intervention bei Vektoren selbst. Auf technologischer Ebene werden die weitere Kostensenkung bei Sequenzierungsmethoden und die automatisierte biostatistische Analyse dieser Datensätze die Diagnostik weiter verändern. Die schnellere Detektion von Resistenzen und die weitere Entwicklung von Antiinfektiva mit langer Halbwertszeit für die ambulante Therapie von Infektionskrankheiten sind ebenfalls zentrale Innovationsfelder. Und nicht zuletzt werden die Verbesserung der Biomarker in der Detektion und Verlaufsbeurteilung von Infektionskrankheiten, die schnellere Herstellung von spezifischen Phagen und die Entwicklung aussagekräftiger Biomarker bei postinfektiösen Syndromen künftig klinisch relevant sein. (Das Interview führte Silke Tabernik)