© Ärztekammer für Wien/Stefan Seelig Die Mehrheit der Wiener Ärztinnen ist im Berufsalltag mit Frauenfeindlichkeit konfrontiert, wie eine Umfrage ergab. Sechs von zehn Befragten erfahren regelmäßig Abwertungen und Misstrauen aufgrund ihres Geschlechts.
An der Online-Befragung im Auftrag der Wiener Ärztekammer nahmen 1.409 der rund 8.000 Wiener Ärztinnen teil. Insgesamt 64 Prozent von ihnen gaben an, im Laufe ihrer Karriere bereits Benachteiligungen erlebt zu haben. Demnach sind 59 Prozent der Medizinerinnen regelmäßig mit Abwertungen konfrontiert. Eine Mehrheit von 54 Prozent berichtete zudem von anzüglichen Bemerkungen durch Vorgesetzte, 27 Prozent von unerwünschten einschlägigen Berührungen, vier Prozent erlebten sexuelle Übergriffe durch Vorgesetzte. Auch Misstrauen gegenüber ihrer Kompetenz erleben Ärztinnen häufig – vonseiten der Patient:innen (62 Prozent), aber auch vonseiten ihrer Vorgesetzten (44 Prozent).
Drei Viertel der befragten Wiener Ärztinnen zeigten sich grundsätzlich zufrieden mit ihrer Karriere, wobei die Zufriedenheit mit 88 Prozent bei niedergelassenen Ärztinnen deutlich höher ist als bei angestellten Ärztinnen (69 Prozent).Dennoch wird Familienplanung und Kinderbetreuung mehrheitlich (52 Prozent) als größtes Karrierehindernis empfunden. 9 von 10 Frauen meinen, dass Mutterschaft für Ärztinnen strukturelle Nachteile mit sich bringt. An zweiter Stelle der Hindernisse wird eine zu geringe Förderung durch Vorgesetzte genannt. Außerdem zeigen die Umfrageergebnisse, dass Frauen vielfach mit einer „gläsernen Decke“ konfrontiert sind. Nur 17 Prozent der Ärztinnen sind der Meinung, dass Frauen und Männer im ärztlichen Bereich gleichermaßen unterstützt werden. 68 Prozent sehen Männer klar bevorzugt.
Johannes Steinhart, Präsident der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien bezeichnet diese Benachteiligungen als „absolutes No-Go und völlig inakzeptabel: „Gleichstellung im Arztberuf ist kein Randthema, sondern eine Voraussetzung für eine stabile medizinische Versorgung. Wenn wir die besten Köpfe für die Medizin gewinnen wollen – unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Lebensentwurf – dann müssen wir Strukturen schaffen, die Vielfalt nicht nur zulassen, sondern aktiv fördern.“ Steinhart sieht die Politik in der Pflicht, vor allem bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
Die Kolleginnen im niedergelassenen Bereich würden sich mehrheitlich eine flexiblere Regelung der Einzelordinationen mit Kassenvertrag wünschen – etwa mit flexibleren Öffnungszeiten, Job-Sharing-Modellen, der stärkeren Förderung von Gruppenpraxen und besseren Vertretungsregelungen, betonte auch Kammer-Vizepräsidentin und Obfrau der Kurie niedergelassene Ärzte Naghme Kamaleyan-Schmied. Auch die Einführung von Mutterschutz für Kassenvertragsärztinnen sei dringend geboten.
Für die Spitäler ortet der Vizepräsident und Obmann der Kurie angestellte Ärzte, Eduardo Maldonado-González, ebenfalls Handlungsbedarf: „Gezielte Förderangebote speziell für Frauen sind dringend notwendig. Mentoring- oder Coachingprogramme sind kaum vorhanden, nur neun Prozent der Spitalsärztinnen haben bislang an einem teilgenommen.“ Fast drei Viertel der Befragten würden ein entsprechendes Angebot annehmen – bei jungen Ärztinnen ist die Bereitschaft mit über 90 Prozent besonders hoch. „Das ist ein klares Signal, das wir ernst nehmen müssen“, so Maldonado-González. (APA/tab)