© Tanzer Ein paar Überlegungen am Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Und warum wir die Rolle von Angehörigen der Gesundheitsberufe nicht vergessen sollten.
Heute wird weltweit der Opfer des Nationalsozialismus gedacht. An diesem Tag jährt sich die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau, des größten Komplexes an Vernichtungslagern der Nationalsozialisten. Auschwitz steht auch für ein dunkles Kapitel der Medizin. Es sei oft überraschend, wie begrenzt das Wissen über die medizinischen Verbrechen der Nazis in der medizinischen Gemeinschaft heute ist, vielleicht abgesehen von einer vagen Vorstellung von Josef Mengeles Experimenten in Auschwitz, sagte vor zwei Jahren der Medizinhistoriker Herwig Czech, der zusammen mit 20 Wissenschafter:innen einen umfassenden Report für das Fachmagazin „The Lancet“ über diese Gräueltaten der Nazischergen erstellt hat, an den ich an diesem Tag und in der heute so schnelllebigen Zeit erinnern möchte. Und an das im Vorjahr erschienene Buch „Ärzt:innen, die Geschichte schrieben – 125 Jahre Medizinstudium für Frauen in Österreich“, der Autorin und Journalistin Birgit Kofler-Bettschart. Sie beschreibt einerseits, wie jüdische Ärztinnen verfolgt wurden, aber auch wie andere Ärztinnen zu Täterinnen wurden.
Während seiner Schreckensherrschaft verübte das NS-Regime millionenhaft Gewalttaten gegen Juden, Sinti und Roma, politische Gefangene, Kriegsgefangene, LGBTQ-Personen und andere Bevölkerungsgruppen. Zehntausende Menschen sind zudem medizinischer Zwangsforschung unterzogen worden. Außerdem sind mindestens 230.000 Menschen, die an verschiedenen geistigen, kognitiven und anderen Behinderungen litten und als lebensunwert galten, in sogenannten Euthanasieprogrammen in Deutschland, Österreich und den von den Nazis unterdrückten und eroberten Gebieten ermordet worden. Ein besonders beunruhigendes Merkmal dieser Gräueltaten ist die wichtige Rolle, die Angehörige der Gesundheitsberufe bei der Formulierung, Unterstützung und Umsetzung verbrecherischer Maßnahmen spielten, heißt es in dem „Lancet“-Bericht.
Er zeichnet den Werdegang der medizinischen „Forschung“ in der Nazizeit auf und porträtiert einzelne Täter und Täterinnen ebenso wie Opfer und inhaftierte Ärzt:innen, die beispielsweise unter schwierigsten Bedingungen andere Opfer, etwa in Konzentrationslagern, behandelt haben. Ein weiteres Anliegen der Kommission, die den Bericht erfasst hat, ist es, Mediziner:innen dafür zu sensibilisieren, woher das auch heute noch vermittelte medizinische Wissen kommt. So wird der Anatomieatlas des österreichischen Anatomen Eduard Pernkopf wegen der Detailtreue bis heute verwendet. Dabei nutzte der überzeugte Nationalsozialist auch Bilder von Menschen, die in der Nazizeit hingerichtet worden waren.
Nach dem Zweiten Weltkrieg trugen diese Verbrechen maßgeblich zur Etablierung der heutigen Ethik im Gesundheitswesen bei. Die Nürnberger Ärzte-Prozesse nach dem Krieg und deren Schlussfolgerungen im Nürnberger Kodex waren ein wichtiger Meilenstein als Initiative und für die Umsetzung bioethischer Grundlagen in der Medizin, die bis heute international weiterentwickelt und angewandt werden. Viele, die am Kodex und den Prozessen mitgewirkt hatte, wurden allerdings danach innerhalb der medizinischen Community ausgegrenzt oder totgeschwiegen. Nicht zuletzt weil nicht wenige Täter und Täterinnen auch nach der NS-Zeit Karriere in Wissenschaft und Medizin machten. Darauf weist unter anderem auch das Buch von Birgit Kofler-Bettschart hin. Nicht vergessen möchte ich in diesem Zusammenhang auch auf die Arbeit, die der drei Tage nach dem Erscheinen der Lancet-Publikation verstorbene Arzt Werner Vogt bei der Bewusstmachung der Verbrechen am Spiegelgrund geleistet hat. (rüm)