© Kaspars Grinvalds – stock.adobe.com Hohe Temperaturen können bereits vor der Geburt die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen und bei Kinderwunschbehandlungen die Zahl der gewonnenen Eizellen verringern. Zwei Studien zeigen mögliche Zusammenhänge.
Werden Ungeborene starker Hitze ausgesetzt, verändert sich ihre Hirnentwicklung. Das zeigt eine aktuelle spanisch-niederländische Studie, die im Fachjournal „Environment International“ veröffentlicht wurde. Die Forschenden beobachteten aber auch bei Kindern und Jugendlichen bis 14 Jahren ein verringertes Wachstum des Thalamus. Für die Untersuchung wurden 3.251 Kinder aus Rotterdam herangezogen, die von der Schwangerschaft ihrer Mütter bis ins Jugendalter begleitet wurden. Die Forschenden analysierten die Temperaturen am jeweiligen Wohnort und untersuchten die Gehirne der Heranwachsenden im Alter von durchschnittlich zehn und 14 Jahren mittels Magnetresonanztomografie.
Dabei zeigte sich: Schon eine durchschnittliche Umgebungstemperatur von 20,5 Grad Celsius während der Schwangerschaft und im Säuglingsalter war mit einem langsameren Wachstum des Thalamus verbinden. Die im Zwischenhirn liegende Region spielt eine zentrale Rolle bei der Filterung von Signalen, die dann zur Verarbeitung an die Großhirnrinde weitergeleitet werden.
Auch Hinweise auf externalisierende Verhaltenssymptome wie stärkere Impulsivität, Aggressivität und weniger regelkonformes Verhalten wurden beobachtet. Der Zusammenhang war allerdings nicht eindeutig genug für belastbare Aussagen. Kälteperioden zeigten hingegen keinen Einfluss auf die Gehirnentwicklung.
Auch die Fruchtbarkeit könnte durch hohe Temperaturen beeinflusst werden. Eine im Fachjournal „Human Reproduction“ veröffentlichte Studie wertete Daten von 58.468 Frauen aus, die zwischen 2018 und 2024 eine IVF- oder ICSI-Behandlung durchliefen. Mit jedem Anstieg der Umgebungstemperatur um ein Grad Celsius sank die Zahl der gewonnenen Eizellen geringfügig, aber statistisch signifikant. Die Qualität der entstandenen Embryonen blieb dagegen weitgehend unverändert.
Die Autor:innen der Studie vermuten, dass hohe Temperaturen über hormonelle Veränderungen, insbesondere über das luteinisierende Hormon (LH), dazu führen, dass weniger Eizellen heranwachsen. Gleichzeitig scheinen andere Hormone wie FSH und Estradiol gegenzusteuern und einen Teil dieses Effekts wieder auszugleichen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der Körper versucht, Hitzebelastung hormonell zu kompensieren.
„Die Studie zeigt eindrucksvoll, dass Umweltfaktoren auch in der modernen Reproduktionsmedizin eine Rolle spielen können. Gleichzeitig ist wichtig zu betonen, dass der beobachtete Effekt für die einzelne Patientin vergleichsweise klein ist. Niemand muss deshalb eine Kinderwunschbehandlung aus Angst vor sommerlichen Temperaturen verschieben“, betont Kinderwunschexperte Michael Feichtinger. Auch die Studienautor:innen weisen darauf hin, dass kein ursächlicher Zusammenhang bewiesen werden konnte. (APA/tab)