(c) Apothekerkammer Apothekerkammer-Präsidentin Ulrike Mursch-Edlmayr im Interview über die wirtschaftliche Lage der Apotheken, die kommenden Kammerwahlen und ihre Zukunft sowie Impfungen in Apotheken.
Politik und Sozialversicherung wollen ärztliche Tätigkeiten durch nicht-ärztliche Berufe erbringen lassen. Die Apothekerschaft möchte einiges davon übernehmen, es bewegt sich aber wenig. Wie könnte man den Knoten lösen? Der Beitrag der Apothekerinnen und Apotheker zur Entlastung und Ergänzung stark geforderter medizinischer Versorgungsbereiche befindet sich im permanenten Wachstum. Immer mehr neue Dienstleistungen, ich nenne exemplarisch Testungen vielfältiger Gesundheitsparameter im Rahmen patientennaher Sofortdiagnostik, die assistierte Telemedizin im Bedarfsfall, KI-unterstützte Analysen, digitale Systeme zur standardisierten Steuerung der Patient:innen an den für sie optimalen Ort der Versorgung oder in Zukunft teledermatologische Kooperationen, werden in den Apotheken bereits angeboten oder erprobt. Weitere Dienstleistungen, über das von der Politik bereits angekündigte Impfen in den Apotheken hinaus, befinden sich bereits „ante portas“. Die Ergänzung der Grundversorgung durch gezielte innovative Leistungen der Apothekerschaft, man könnte auch sagen, die konsequente Einbindung der Apotheken in die Primärversorgung, ist dringend erforderlich.
Man hat aber das Gefühl, dass sich politisch wenig bewegt. Wir werden uns wie bisher weiter mit klaren Vorschlägen aktiv einbringen und hörbar zu Wort melden. Ziel einer zukunftsfähigen Versorgungsstrategie muss es sein, bewährte, verlässliche und krisenerprobte Versorgungspfade zu stärken. Dabei setzen wir auf „Schlankheit“. Denn Reformen gelingen nicht durch zusätzliche Verwaltungsebenen und neue Bürokratie, sondern durch die konsequente Nutzung dessen, was auf breiter Basis bereits funktioniert. Die Apothekerschaft steht bereit, ihre Kompetenz, Erreichbarkeit und digitale Innovationskraft in eine echte Partnerschaft mit allen Akteuren des Gesundheitssystems einzubringen. Voraussetzung dafür sind klare rechtliche Rahmenbedingungen für innovative Versorgungsmodelle und vor allem die nachhaltige Finanzierung neuer pharmazeutischer Dienstleistungen. Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, können wir unser volles Potenzial im Sinne der Patient:innen entfalten. Damit der Motor unseres solidarischen öffentlichen Gesundheitssystems wieder rund läuft.
Wie ist der Stand in Sachen Impfungen in Apotheken – geht sich das bis 2027 aus? Die konkrete Umsetzung muss noch den gewohnten Gesetzgebungsprozess durchlaufen. Parallel dazu sind auf Verordnungsebene verschiedene Detailfragen zu klären – etwa zu räumlichen Anforderungen oder Dokumentationspflichten. Die Details befinden sich also noch in Ausarbeitung. Wir stehen im Austausch mit den politischen Verantwortlichen und den zuständigen Sektionen im Gesundheitsministerium, um sicherzustellen, dass die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass ab 2027 Impfen in Apotheken auch in Österreich zur Erfolgsgeschichte wird.
In Deutschland haben Impfungen in Apotheken die Durchimpfungsrate nicht wirklich erhöht – könnte das nicht nach hinten losgehen, wenn es nicht funktioniert? Auch im Hinblick auf andere Leistungen, die Apotheken vielleicht erbringen könnten? Impfen in der Apotheke ist kein isoliertes Projekt – es ist das nächste konsequente Kapitel in der Weiterentwicklung unseres Berufsbildes. Nach der Impfberatung ist das aktive Impfen der logische nächste Schritt. Wir schaffen damit ein niederschwelliges, flächendeckendes Angebot für die Bevölkerung und festigen unsere Rolle als zentrale, unverzichtbare Anlaufstelle im Gesundheitssystem. Internationale Erfahrungen geben uns dabei Recht: Überall dort, wo Apotheken impfen, steigen die Durchimpfungsraten – und die Bevölkerung ist hoch zufrieden. Ich bin überzeugt, dass wir wesentlich dazu beitragen werden, dass die Durchimpfungsraten steigen. Wer die Apothekerschaft in gesundheitspolitisch wichtige Maßnahmen einbindet, wird die Versorgung spürbar verbessern.
Wie geht es den Apotheken aktuell wirtschaftlich? Die Zeiten, in denen alle Leistungen in der Apotheke, also etwa Beratung, Nachtdienste und Patientenlenkung, über die Arzneimittelspannen abgegolten werden können, sind endgültig vorbei. Die Entwicklung der Deckungsbeiträge bleibt seit Jahrzehnten massiv hinter der Inflation zurück. Steigende Kosten bei Personal, Energie, Mieten und Software belasten die Betriebe immer stärker. Gleichzeitig haben die Apotheken aufgrund des staatlichen Versorgungsauftrags und der Preisvorgaben im Erstattungsbereich kaum Möglichkeiten, auf diese Mehrkosten zu reagieren. Hinzu kommen strikte Vorgaben zur Betriebspflicht sowie die von den Apotheken selbst zu finanzierenden Nacht- und Feiertagsdienste. Die Spannen der Arzneimittelspezialitäten für Verschreibungen auf Kosten der Krankenkassen sinken seit mehr als 50 Jahren kontinuierlich: von 25 bis 28 % in den 1970ern auf rund 19 % in den 1990ern und aktuell auf durchschnittlich 11,4 %. Gleichzeitig sind die Kosten der Apotheken gestiegen – im Schnitt betragen die Personalkosten 13 %, die Betriebskosten rund 7 % vom Umsatz. Der Wareneinsatz macht circa 75 % des Umsatzes aus. Der durchschnittliche Ertrag einer Apotheke beträgt nur noch knapp 5 %. Aktuell schreiben 13 % aller Apotheken rote Zahlen, 30 % aller Apotheken können die Kosten eines angestellten Leiters bzw. einer angestellten Leiterin nicht mehr erwirtschaften. Schon seit Jahren fordert die Österreichische Apothekerkammer eine faire Honorierung der Arzneimittelversorgung durch öffentliche Apotheken.
Im kommenden Jahr ist Apothekerkammer-Wahl – werden Sie erneut antreten und für eine weitere (volle) Amtszeit zur Verfügung stehen? Zunächst stehen im Herbst die Wahlen auf im Apothekerverband an – erst danach wird sich zeigen, wie das Team der Selbständigen für die Apothekerkammerwahlen aufgestellt sein wird. Diese Entscheidung will ich nicht vorwegnehmen. Was ich aber klar sagen kann: Mir gehen die Ideen, Pläne, Vorhaben und Ziele nicht aus – da ist noch einiges in Arbeit, das über eine weitere Funktionsperiode hinausreicht. Mit einem so tollen Team macht die Arbeit viel Freude.
Wie entwickelt sich die Verfügbarkeit und Versorgung mit Arzneimitteln derzeit und künftig? Die Situation ist über die vergangenen Jahre gesehen in etwa unverändert. Es gibt saisonale Schwankungen und kurzfristige Engpässe, die in der Regel durch das Engagement der Apothekerschaft abgefedert werden können. Unsere ApoApp hilft ebenfalls, die Arzneimittelversorgung für die Menschen noch effizienter zu machen. Mit wenigen Klicks lässt sich herausfinden, welche Apotheke in der Nähe ein benötigtes Medikament vorrätig hat. Insgesamt wurden bisher mehr als 1.000.000 Arzneimittelsuchen durchgeführt. Das zeigt, wie groß der Bedarf ist und wie hilfreich die ApoApp für die Bevölkerung ist. Betroffen sind – auch das ist nicht neu – Antidiabetika, Psychopharmaka, Blutdruckmittel, Cholesterinsenker und einzelne Antibiotika. Tendenziell sehe ich keine grundlegende Verbesserung der Lage, da die angespannte globale Produktions- und Lieferkettensituation sich nicht entspannen wird. Das bedeutet aber auch, dass die Apotheken weiterhin stark gefordert sein werden. In jeder Apotheke ist laufend jemand mit der Bewältigung von Lieferengpässen beschäftigt – von der Suche nach Alternativen über Rücksprachen mit Ärzt:innen bis hin zu zeitaufwändigen Eigenherstellungen. Wir fordern daher weiterhin einen finanziellen Engpass-Ausgleich für die personal- und zeitintensive Bewältigung von Lieferengpässen in den Apotheken. Denn dank des Einsatzes der Apotheker:innen wurden die Lieferengpässe bisher nicht zu einem Versorgungsengpass. Das soll auch so bleiben. Aber dieser Mehr-Aufwand muss nicht nur geleistet werden, er muss auch vom System (Bund/Land/SV) bezahlt werden. (Das Interview führte Martin Rümmele)