Forderungen nach Ausbau der psychischen Versorgung  

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Mehr Mitsprache für Betroffene und ein leistbarer Zugang zu Psychotherapie wurden am Welttag der psychischen Gesundheit am Samstag gefordert. Zugleich warnen Fachleute vor zunehmender Diskriminierung und psychischen Belastungen.

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lebte 2023 weltweit fast jeder siebte Mensch mit einer psychischen Erkrankung. Depression, eine der häufigsten psychischen Erkrankungen weltweit, kostet die Weltwirtschaft zwischen 2025 und 2050 geschätzt rund 10,7 Billionen Euro, wie ein internationales Forschungsteam um Klaus Prettner von der Wirtschaftsuniversität Wien berechnete und wie im Zusammenhang mit dem Welttag der psychischen Gesundheit am Samstag bekannt wurde. Das entspricht etwa 0,46 Prozent der jährlichen weltweiten Wirtschaftsleistung. Für Österreich berechnet die bereits in „Nature Medicine“ erschienene Studie einen volkswirtschaftlichen Schaden von rund 40 Milliarden Euro zwischen 2025 und 2050. „Depression verursacht großes Leid für die Betroffenen und ihr Umfeld. Unsere Ergebnisse zeigen, dass die Erkrankung darüber hinaus auch erhebliche Folgen für Produktivität, Beschäftigung und langfristiges Wirtschaftswachstum hat“, wurde Prettner in einer Aussendung zitiert.

Es gehe aber weniger um die Behandlungskosten als vielmehr die geringere Erwerbsbeteiligung und sinkende Produktivität von Betroffenen, die die Schäden in die Höhe treiben. Eine bessere Versorgung psychischer Erkrankungen, die stärkere Integration psychischer Gesundheit in die Primärversorgung sowie den Ausbau von Therapieangeboten sehen die Studienautoren als wichtige Gegenmaßnahmen – wie auch, Depressionen frühzeitig zu behandeln. Auch die Österreichische Gesellschaft für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin (ÖGPPM) betonte die Bedeutung einer Medizin, die körperliche, psychische und soziale Faktoren gleichermaßen berücksichtigt. Der Austrian Health Report 2026 zeige zudem, dass Frauen deutlich häufiger als Männer berichten, ihre Beschwerden würden als psychisch oder psychosomatisch abgetan.

Bei der Debatte über psychische Erkrankungen sei es wichtig, dass jene Menschen Gehör finden, die selbst von psychischen Erkrankungen betroffen sind, rückt der Österreichische Bundesverband für Psychotherapie (ÖBVP) die Erfahrungen, Bedürfnisse und Anliegen Betroffener in den Mittelpunkt. Das diesjährige internationale Motto „Lived Experiences Heard: Real Voices, Real Change“ unterstreiche, wie wichtig es ist, Betroffenen zuzuhören und ihre Erfahrungen auch bei der Weiterentwicklung der psychosozialen Versorgung zu berücksichtigen. Eine psychische Erkrankung kann den Alltag, die Beziehungen und das Berufsleben erheblich verändern. Sie sagt aber wenig darüber aus, was einen Menschen insgesamt ausmacht. Betroffene brauchen ein Umfeld, in dem sie offen über ihre Situation sprechen können, ohne auf ihre Erkrankung reduziert zu werden, betont Barbara Haid, Präsidentin des ÖBVP.

Der ÖBVP appelliert an Politik, Sozialversicherung und Gesundheitsinstitutionen, Betroffene und ihre Interessenvertretungen verbindlich an der Weiterentwicklung der Versorgung zu beteiligen. Dazu gehöre auch, bestehende Versorgungslücken zu schließen und einen zeitnahen, leistbaren Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung sicherzustellen.

Der Grüne Gesundheitssprecher Ralph Schallmeiner fordert von Regierung „umgehend“ eine verbindliche Zusage für die Zeit nach Juni 2027 für das Programm „Gesund aus der Krise“ für Kinder und Jugendliche.Auch die Stadt Wien machte auf ihre Aktivitäten für die Stärkung der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen aufmerksam. So werden in diesem Schuljahr 600 Workshops der „Mental Health Days“ an Sekundarschulen gefördert. Jugendliche lernen dabei, über Gefühle zu sprechen, Belastungen einzuordnen und Anlaufstellen für Hilfe zu finden. Weitere Angebote umfassen Schulmediation bei Konflikten, Anti-Mobbing-Trainings und Workshops zum kritischen Umgang mit sozialen Medien. Über den Chancenbonus erhalten zudem 227 Wiener Schulen zusätzliches Personal, etwa für Schulsozialarbeit oder Schulpsychologie.

Besonders belastet sind laut den Psychosozialen Diensten Wien und der Homosexuellen Initiative (HOSI) Menschen aus der LGBTIQ+-Community. Sie warnen vor den Folgen von Diskriminierung und einem zunehmend ablehnenden gesellschaftlichen Klima. Laut einer Studie der Stadt Wien stieg der Anteil der Community-Mitglieder, die regelmäßig Diskriminierung im öffentlichen Raum erleben, von 28 Prozent im Jahr 2015 auf 38 Prozent im Jahr 2025.

Der Österreichische Gewerkschaftsbund (ÖGB) machte wiederum auf die zunehmenden psychischen Belastungen von Arbeitnehmer:innen aufmerksam. Zwar ist die Zahl der Krankenstandstage insgesamt zuletzt leicht zurückgegangen, psychisch bedingte Erkrankungen nehmen jedoch seit Jahren zu. Für den ÖGB ist klar: Wer psychische Gesundheit stärken will, muss auch die Arbeitsbedingungen verbessern. „Psychische Gesundheit ist eine wesentliche Voraussetzung dafür, dass Menschen ihren Beruf langfristig und gesund ausüben können. Wenn psychisch bedingte Krankenstände zunehmen, ist das ein klares Signal, genauer auf die Belastungen in der Arbeitswelt zu schauen“, sagt Claudia Neumayer-Stickler, Leiterin des Referats für Gesundheits- und Sozialversicherungspolitik im ÖGB. (tab/rüm/Agenturen)