Pionierzeiten der Hämatologie

Von der Anästhesie zur Hämatologie

Ursprünglich war es eigentlich mein Wunsch, Anästhesistin zu werden. Während des Studiums kamen Hämatologie und Onkologie nur wenig vor. Vertreten waren sie für mich damals durch Professor Hanns Fleischhacker, der hämatologisch immer sehr interessiert war und ein Buch über klinische Hämatologie herausgegeben hat, und durch Professor Alois Stacher, der 1968 die Leitung des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Leukämieforschung und Hämatologie am Hanusch-Krankenhaus übernahm. Als ich nach dem 1. Rigorosum 8 Wochen an der Abteilung von Prof. Fleischhacker am Hanusch-Kranken­haus famuliert habe, entdeckte ich meine Liebe zur Hämatologie und Onkologie. Der Schwerpunkt der 1975 gegründeten 3. Medizinischen Abteilung am Hanusch-Krankenhaus unter Leitung von Prof. Stacher war die Hämatologie, aber auch die Onkologie war dort angesiedelt. Es gab damals nicht so einen Bettendruck, weil die Patienten nicht sehr lange überlebten. Als ich meine Ausbildung begann, hatten Patienten mit einer akuten Leukämie ein Überleben von max. 6 Wochen, worauf man schon sehr stolz war. Als der erste Patient dann 10 Monate überlebte, war das großartig.
Bei chronisch-lymphatischen Leukämien war die Überlebensdauer manchmal etwas länger, aber niemals vergleichbar mit heute. Man wusste wenig über die Erkrankung, die Patienten bekamen Blutkonserven und entwickelten ca. nach der zehnten eine Hepatitis C. Wobei es interessant war, dass die Patienten unter der Virusinfektion v. a. bei Panmyelopathien kurzzeitig Remissionen hatten. Man konnte sich das allerdings nicht erklären warum – es war eine spannende Zeit!

 

 

Der erste Zellseparator in Österreich

Prof. Stacher war sehr vorausschauend. Er schaffte frühzeitig ein Elektronenmikroskop für das Ludwig-Boltzmann-Institut an, das erste in einer außeruniversitären medizinischen Einrichtung. Seine nächste große Errungenschaft war die Beschaffung eines Zellseparators Ende 1971.
Mein Mann, Univ.-Prof. Paul Höcker, der sehr kreativ war, hatte die Handhabung des Zell-Separators innerhalb von zwei Tagen erlernt. Es gab noch keine kompletten Sets, sondern einen Zentrifugentopf, der händisch gereinigt und in einem Dampfkessel sterilisiert werden musste, das Schlauchsystem bestand aus vielen Einzelteilen, die mühsam steril aufgebaut werden mussten.
Wir kamen damals um 5 Uhr morgens und gingen um 10 Uhr abends, weil das nebenbei gemacht werden musste. Der Separator eröffnete völlig neue Möglichkeiten und wurde für verschiedene Verfahren verwendet, u. a. für die Plasmapherese und die Herstellung von Thrombozytenkonzentraten. Wir hatten auch einen Patienten mit Hyperlipidämie, dem wir damit Blutfette abgenommen haben. Diese Errungenschaften waren der Durchsetzungskraft und Innovationsfreude von Professor Stacher zu verdanken. Wir hatten in einer Zeit, in der es nicht viele Möglichkeiten gab, keine großen Vorschriften und durften fast alles machen. Ethikkommissionen und Vorschriften über Studien kamen später.

Innovations- und Experimentierfreude

In den Siebzigerjahren, als Leukämien viel später diagnostiziert wurden als heute, sahen wir Patienten mit irrsinnig hohen Leukozytenzahlen. Bei den Patienten mit lymphatischen Leukämien „sahnte“ man einfach die Leukozyten ab und entfernte sie in Beuteln. Dann gab es noch eine sehr interessante Therapie, die heute unmöglich wäre, wobei ich glaube, dass sie doch etwas brachte: Man nahm von Patienten mit akuten Leukämien, die aufgrund der späten Diagnose häufig hohe Blastenzahlen hatten, die Blasten mittels des Zellseparators ab, bereitete sie auf und fror sie ein. Waren die Patienten dann in Remission, spritzte man einem männlichen Patienten die weiblichen Blasten mit Tuberkulin unter die Haut und umgekehrt. Damit wusste man im Falle eines Schubs, ob sie von den Männern oder den Frauen waren, aber die Zellen waren nach unserer Ansicht abgetötet, zumindest soweit man es damals wusste.
Damit konnten wir die Patienten zum ersten Mal länger in Remission halten. Ein ehemaliger Patient aus dem Hanusch-Krankenhaus, bei dem wir die Therapie 1974/75 begannen, konnte so geheilt werden. Der Patient ist heute 77 Jahre alt und besuchte mich vor einigen Jahren noch.

Kampf gegen Infektionen mit minimalen Möglichkeiten: Als ich 1967/68 famuliert habe, waren wir sehr stolz darauf, dass in Österreich Cefalotin auf den Markt kam. Damit konnten wir endlich Patienten mit Staphylokokken behandeln. Glücklich waren wir auch über die Einführung von Carbenicillin gegen Pseudomonaden. Dann kamen die Candidae, die konnte man dann zuerst nur mit Amphotericin behandeln – etwas anderes gab es nicht. Wenn man nicht genau wusste, wie man es anwendet, war es ungeheuer toxisch.

Der Beginn wissenschaftlicher Vernetzung

Während meiner Studienzeit publizierten wir keine wissenschaftlichen Arbeiten, da wir zu sehr im Routinebetrieb eingespannt waren. Prof. Stacher wollte das später forcieren, was aber mit Wissenschaft und Forschung, wie wir sie heute verstehen, nicht vergleichbar war. Man probierte durchaus neue Medikamente aus, ohne groß darüber zu reden, und schrieb dann etwas darüber. Damals gab es überhaupt keine Regularien. Prof. Stacher, der die internationale Vernetzung suchte, gründete die Internationale Gesellschaft für Chemo- und Immunotherapie (IGCI), mit der er in den 70er Jahren drei Kongresse in Wien veranstaltete. Wir kümmerten uns um die gesamte Kongressorganisation, von den Parkverbotstafeln bis hin zu den Hotelreservierungen.
Die Kongresse waren mit hochkarätigen Referenten aus dem Osten, Europa und den USA besetzt: u. a. Gingold aus Rumänien, Holowiecki aus Polen und Rappoport aus den USA. Im Rahmen eines Kongresses in Wien wurde auch die Kieler Lymphomgruppe gemeinsam mit Prof. Lennert gegründet, aus der in Folge viele Studien entstanden.

Die OeGHO – nicht nur wichtig für das Fach, sondern auch für die Patienten

Als die OeGHO 1970 gegründet wurde, war ich noch Studentin. Eine bedeutende Aufgabe der OeGHO war und ist die Veranstaltung von Kongressen und die Förderung des Austausches unter den Mitgliedern. Zu Beginn wurden die Kongresse immer gemeinsam mit der DGHO veranstaltet, der erste österreichische Kongress fand in Graz statt.
Kongresse und Fortbildungsveranstaltungen sind heute noch wichtig für mich: Denn der Beruf war ein großer Teil unseres Lebens und so können wir noch Neues hören, Neues lernen und unsere Freunde sehen. Als Ärzte sind wir in der Pension nicht so aus dem beruflichen Umfeld herausgerissen wie Angehörige anderer Berufsgruppen. Die OeGHO ist sowohl für unser Fach als auch in ihrer politischen Funktion äußerst wichtig. Die Gesellschaft ist bei wirklich wichtigen Fragen, die finanzielle Sicherheit für das Spital bedeuten, mehr und mehr zur Beraterin im Ministerium geworden.
Ich halte die OeGHO auch für eine Gesellschaft mit enorm hohem Stellenwert für Patientengruppen. Heute stellt sich mehr und mehr die Frage nach den Medikamentenkosten. Pharmafirmen haben natürlich Entwicklungskosten, das rechtfertigt jedoch nicht exorbitant hohe Medikamentenpreise. Die Preise sollten so gestaltet sein, dass es möglich ist, die Patienten zu therapieren. Denn ansonsten wird triagiert und es haben nicht mehr alle den gleichen Zugang zu den Therapien. Das ist nicht gerecht. Jeder Mensch mit einer Erkrankung muss das Recht haben, behandelt zu werden.

AutorIn: Dr. Elisabeth Pittermann

SO 04|2020

Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Matthias Preusser, Univ.-Prof. Dr. Markus Raderer
Publikationsdatum: 2020-07-29