Zwischen Dr. Google, moderner Weiterbildung und Datenschutz

Schritt für Schritt hat sich in den vergangenen Jahren die Digitalisierung auch in die Medizin eingeschlichen und erleichtert oder erschwert uns manchmal den klinischen Alltag. Im Folgenden werden einige Beispiele erläutert, wo Digitalisierung im Alltag eines Mediziners angekommen ist.
Einer Auswertung zufolge hatten im Jahr 2018 weltweit über 4 Milliarden Menschen Zugang zum Internet.1 Patienten schätzen das Internet als hilfreiche Informationsmöglichkeit ein, 80 % der Internetnutzer suchen nach Gesundheitsinformationen, allen voran das Thema Krebserkrankungen.2 Das Internet ist dabei eine der ersten und wichtigsten Informationsquellen für Patienten und liegt noch vor der Arztkonsultation. In einer Studie konnten Gilbert et al. an 1.204 Männern mit der Erstdiagnose Prostatakarzinom zeigen, dass 68 % der Patienten im Internet nach Informationen zur Erkrankung suchten.3

Fachliteratur: Digitale Medien sind auch ein fester Bestandteil des täglichen Berufsalltags von urologischen Assistenzärzten, aber auch von Fachärzten, um Leitlinien zu recherchieren, spezifische Medikamenteninformationen abzurufen oder Nomogramme und Risikoberechnungen für die Beratung von Patienten zu nutzen. Insbesondere für uro-onkologische Themen besteht großes Potenzial, mittels Digitalisierung die Gesundheitskompetenz zu fördern und zur Optimierung der Patientenversorgung beizutragen. Apps, wie jene von der German Society of Residents in Urology e. V. (GESRU) entwickelte Hodentumor-App, die das Nachschlagen von leitliniengerechten Empfehlungen zu Staging, Therapie und Nachsorge von Hodentumoren ermöglicht, finden vermehrt Anwendung.4

Online-Kongresse: Ein weiterer wichtiger Schritt in Richtung Digitalisierung in der Urologie stellen die kontinuierliche berufsbegleitende Fortbildung von Ärzten (Continuing Medical Education, CME) sowie die Live-Übertragungen von internationalen Konferenzen dar, welche für den Arzt selbst, für Pharmafirmen oder den Krankenhausträger eine entscheidende Kostenreduktion mit sich bringen, vor allem bei Kongressen im Ausland. Gerade jetzt in Zeiten von COVID-19 kann es durchaus sinnvoll sein, einen Kongress im Livestream von zu Hause aus zu verfolgen.

Social Media: Weltweit existieren 2,6 Milliarden aktive Nutzer von sozialen Medien.Diese machen sich auch renommierte wissenschaftliche Journals wie European Urology und British Journal of Urology International zunehmend zunutze, indem sie via Instagram oder Twitter die Hauptaussagen der rezent publizierten Daten in ihren Journals versenden und so eine bedeutsame Kommunikationsplattform darstellen. Interessanterweise beteiligen sich auch immer mehr Key Opinion Leader an den Online-Diskus­sionen, sodass soziale Medien verstärkt zu meinungsbildenden Medien werden.Weiters kann das Internet sinnvoll genutzt werden, um die Bevölkerung für urologische Krankheitsbilder zu sensibilisieren. Das beste Beispiel dafür ist die „Movember“-Bewegung, bei der sich im November Männer einen Schnurrbart wachsen lassen, mit dem Ziel, durch ihr verändertes Aussehen das Bewusstsein für Themen der Männergesundheit zu sensibilisieren.6 Seit 2003 haben fünf Millionen Teilnehmer das Projekt unterstützt, und auch große Firmen wie die Kosmetika-Linie L’Oréal bewerben mittlerweile diese Kampagne.
Bezogen auf die Forschung können soziale Medien zur Studienrekrutierung genutzt werden, was sowohl Ärzten als auch Patienten die Möglichkeit gibt, sich über für den Patienten kostenlose neue Off-Label-Behandlungsmöglichkeiten zu informieren. Weiters kann das Studienzentrum durch Bewerbung der Studien in sozialen Medien die Fallzahlen in den Studien steigern.

General Data Protection Regulation: Jedoch ist die Nutzung von Patientendaten durch die Einführung der Digitalisierung in den letzten Jahren um ein Vielfaches komplexer geworden: Im Mai 2018 wurde die sogenannte „General Data Protection Regulation“ (GDPR) in allen EU-Mitgliedstaaten eingeführt.7 Sie bezieht sich auf die Verarbeitung personenbezogener Daten in einer Vielzahl von Kontexten, einschließlich der medizinischen Forschung. Die Einführung der GDPR wird als bedeutende rechtliche Entwicklung angesehen und ersetzt theoretisch das bestehende Recht der Mitgliedstaaten. Obwohl die GDPR im Prinzip eine Harmonisierung des EU-Rechts anstrebt, enthält der Text zahlreiche Ausnahmen, die es den Mitgliedstaaten ermöglichen, wiederum nationale Rechtsvorschriften anzuwenden. Auch wenn die GDPR im Prinzip ein Fortschritt in Richtung Harmonisierung ist, sind Anpassungen auf der Grundlage der vorgestellten Fragen dringend erforderlich. Diese sollten darauf abzielen, Unsicherheiten in Bezug auf Themen wie z. B. spezifische Anforderungen bei der Verwendung pseudonymisierter Daten oder die Harmonisierung durch Einschränkung der Bereiche der Ausnahmeregelung des nationalen Rechts zu erhöhen.8

 

1 Hale TM et al., J Med Internet Res 2014; 16: e182
2 Eysenbach G, Kohler C, JAMA 2004; 291: 2946
3 Gilbert SM et al., J Urol 2014; 191:1265–1271
4 Paffenholz P et al., Urologe A 2017; 56:1044–1046
5 Accessed 05. 03. 2018
6 https://at.movember.com
7 The General Data Protection Regulation
8 Townend D. Human Genetics (2018) 137:657–664
AutorIn: Assoz. Prof. Priv.-Doz. Dr. Isabel Heidegger-Pircher, PhD, FEBU

Universitätsklinik für Urologie, Medizinische Universität Innsbruck


SU 02|2020

Herausgeber: Dr. Karl Dorfinger, Prim. Dr. Wolfgang Loidl
Publikationsdatum: 2020-06-30