Abkehr von der „One-size-fits-all“– hin zur Präzisionsmedizin

Der derzeitigen Situation geschuldet, fand die 53. Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Gastroenterologie und Hepatologie (ÖGGH) sehr erfolgreich im Online-Format statt, aber leider musste auch der traditionell mit dieser Veranstaltung verbundene Fortbildungskurs auf das nächste Jahr verschoben werden. Aufgeschoben ist jedoch nicht aufgehoben: Einige dieser Aspekte konnten trotzdem bei der aktuellen Jahrestagung in spannenden Sitzungen und Satellitensymposien behandelt werden. Daher orientiert sich der „Gastroenterologie & Hepatologie Focus“ am Thema dieses Postgraduiertenkurses und liefert Ihnen einen kurzen Überblick mit einigen interessanten Beispielen zum Thema „Präzisionsmedizin“.

Bereits von großer therapeutischer Bedeutung ist die personalisierte Medizin aktuell vor allem in der gastroenterologisch-hepatologischen Onkologie. Die Charakterisierung und Einteilung von Tumoren anhand ihres molekularen Subtyps führte zu einem Paradigmenwechsel und lassen berechtigterweise darauf hoffen, dass Patienten aufgrund des molekularen Fingerprints ihres Tumors eine individuelle, maßgeschneiderte Therapie erhalten – hier werden nichtinvasive, repräsentativere Methoden wie die Liquid-Biopsy eine zunehmende Rolle spielen.

In der gastroenterologischen Onkologie wurden die größten Fortschritte beim kolorektalen Karzinom erzielt, so konnten gezielte Therapeutika bereits das Outcome einiger Patienten-Subgruppen deutlich verbessern. Auch beim hepatozellulären Karzinom und anderen Karzinomen des Gastrointestinaltraktes werden molekulargenetisch gesteuerte Therapien intensiv untersucht, hier geben die rezenten Entwicklungen in der Immuntherapie Anlass zu großer Hoffnung. In der Hepatologie wurden mittels zahlreicher genomweiter Assoziationsstudien bereits genetische Faktoren identifiziert, die bei der Entstehung, Progression und im Management metabolischer Lebererkrankungen wie der nichtalkoholischen Fettleber (NAFLD), aber auch bei viralen und immunologischen Lebererkrankungen eine wichtige Rolle spielen. Bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen (CED) zeichnen sich erste Ansätze in der Präzisionsmedizin ab, zumal die der Krankheit zugrunde liegenden pathogenetischen Mechanismen, inklusive der Rolle des Mikrobioms, zunehmend besser verstanden werden. Biomarker wie das fäkale Calprotectin spielen bei CED sowohl für die Diagnose als auch für das Monitoring der Entzündung bereits eine große Rolle. Enormes Zukunftspotenzial liegt in der Präzisionsernährung, die darauf abzielt, Menschen auf Grundlage von Biomarkern hinsichtlich ihrer Ernährungsbedürfnisse besser stratifizieren zu können. Ein kontrollierter Einsatz sogenannter „Formuladiäten“ bei NAFLD führt durch die erreichte Gewichtsreduktion nachweislich zu einer deutlichen Leberentfettung, allerdings ist für einen nachhaltigen Erfolg eine langfristige Umstellung des Ernährungs- wie auch des Bewegungsverhaltens nötig.

Ich hoffe, Ihre Neugierde ist geweckt, und wünsche Ihnen eine interessante Lektüre.

AutorIn: Univ.-Prof. Dr. Michael Trauner

Klinische Abteilung für Gastroenterologie und Hepatologie, Universitätsklinik für Innere Medizin III, Medizinische Universität Wien


UIM 05|2020

Herausgeber: o. Univ.-Prof. Dr. Günter J. Krejs
Publikationsdatum: 2020-06-25