Lipoprotein(a) (Lp[a]) ist mittlerweile zu einem anerkannten Risikofaktor für arteriosklerotische kardiovaskuläre Erkrankungen sowie Aortenklappenstenosen avanciert und hat in den aktuellen europäischen wie nordamerikanischen Leitlinien einen wichtigen Platz für die Risikostratifizierung eingenommen.1–3 Auch wenn Lp(a) genetisch determiniert ist4, kann man dem Gesamtrisiko, das durch hohes Lp(a) recht deutlich gesteigert wird, durchaus etwas entgegensetzen.
Lp(a) ist ein Molekül aus Fett und Eiweiß, das im Blut zirkuliert und vom Aufbau her einem LDL-Cholesterin-Partikel ähnelt, aber zusätzlich das Eiweiß Apolipoprotein(a) trägt. Dieses Apo(a) macht Lp(a) besonders „klebrig“, es lagert sich gerne in der arteriellen Gefäßwand ein und fördert deren Entzündung. Die Atherogenität dürfte vor allem von den zahlreichen oxidierten Phospholipiden herrühren, die Lp(a) dosisabhängig trägt.5 Dies erklärt, warum Lp(a) Arteriosklerose mit Plaquebildungen und Aortenklappenverkalkungen begünstigen kann.6, 7
Wichtige Eigenheiten von LDL-Cholesterin und Lp(a)1:
Dass Lp(a) weitgehend genetisch bestimmt ist, bedeutet aus wissenschaftlicher Sicht: Die Höhe hängt zum überwiegenden Teil von genetischen Varianten im LPA-Gen ab und ist schon mit der Empfängnis „programmiert“, ähnlich wie eine angeborene Blutgruppe.8 Klassische Faktoren wie Ernährung, Bewegung oder Cholesterinsenkung mit Statinen verändern Lp(a) kaum, weshalb sich der Wert bei wiederholten Messungen bis auf wenige Ausnahmen meist nur geringfügig ändert.4
In der öffentlichen Diskussion werden zwei Dinge häufig missverstanden:
Nicht jeder Mensch mit erhöhtem Lp(a) erleidet zwangsläufig einen Herzinfarkt oder Schlaganfall (wie auch nicht alle starken Raucher:innen einen Lungenkrebs bekommen). Wir sprechen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen von sogenannten „komplexen Erkrankungen“. Das bedeutet, dass zahlreiche Risikofaktoren und vor allem hunderte von Genen bzw. Genvarianten schlussendlich dazu beitragen, ob jemand wirklich einen Herzinfarkt bekommt. Die traditionellen Risikofaktoren sind jedem bekannt:
Manche dieser Faktoren können wir entweder durch Medikamente und/oder Lebensstilveränderungen zu einem Besseren hin verändern (was aber in der Regel unzureichend gemacht wird). Wenn nun viele dieser traditionellen Risikofaktoren mit einem hohen Lp(a)-Spiegel zusammenkommen, dann multiplizieren sich diese einzelnen Risikofaktoren sogar, und das Risiko kann enorm ansteigen (Abb. 1).4

Abb. 1: Konzept der Lebenszeit-Risiko-Matrix, basierend auf Berechnungen für das Lp(a)-Consensus- Statement der European Atherosclerosis Society
Der durch Veränderungen im LPA-Gen bedingte hohe Lp(a)-Spiegel ist einer der stärksten genetischen Faktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Daneben gibt es aber noch mehrere Hundert andere genetische Varianten mit geringeren Auswirkungen der einzelnen Varianten. Wenn jemand viele von diesen Genvarianten hat, dann steigt das Risiko nochmals an. Oder jemand kann auch wenige von diesen Varianten oder sogar schützende Varianten haben. Dieses Zusammenspiel ist wesentlich dafür verantwortlich, ob jemand schlussendlich erkrankt oder nicht.
Ob das genetische Risiko klinisch relevant wird, hängt im Wesentlichen davon ab, ob weitere ungünstige Faktoren dazukommen.
Wichtige Einflussfaktoren sind unter anderem:
Prävention kann bei genetisch bedingten Risikofaktoren wie Lp(a) sehr viel bewirken, auch wenn sie den Lp(a)-Wert selbst kaum senkt. Der Schlüssel ist, das angeborene „Mehr-Risiko“ durch konsequente Kontrolle aller beeinflussbaren Risikofaktoren zu senken (Abb. 1 und 2 sowie Perrot et al.9). Das bedeutet:
Wir haben in sogenannten Kosten-Effektivitäts-Analysen berechnet, dass man bei einmaliger Messung von Lp(a) bei allen Menschen in Österreich in der Generation der 40–69-Jährigen insgesamt ungefähr 30.000 Herzinfarkte und 5.000 Schlaganfälle vermeiden könnte, wenn man bei erhöhten Lp(a)-Werten diese Menschen in eine höhere Risikogruppe einordnen und intensiver mit LDL-Cholesterin- und blutdrucksenkenden Medikamenten behandeln würde. Dies würde bei konsequenter Befolgung sogar zu einer Ersparnis von 1,4 Milliarden Euro führen.10
Die Grenzen:
In Abbildung 2 sind die Kernbotschaften zur Lp(a)-Teststrategie, Risikoklassifizierung und Risikoneuklassifizierung auf Grundlage des Lp(a)-Testergebnisses sowie das Management hoher Lp(a)-Werte dargelegt.11 In einem Nachfolgedokument zum Lp(a)-Consensus-Statement1wurden 30 „Frequently asked Questions“, die für die tägliche Praxis relevant sein können, publiziert.12

Abb. 2: Flussdiagramm einer Lp(a)-Teststrategie, Risikoklassifizierung und Risikoneuklassifizierung auf Grundlage des Lp(a)-Testergebnisses sowie Management hoher Lp(a)-Werte
Lp(a) ist ein stark genetisch determinierter, unabhängiger Risikofaktor für atherosklerotische Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Aortenklappenstenose; seine Konzentration bleibt im Lebensverlauf weitgehend konstant und wird durch den Lebensstil kaum beeinflusst. Da ein normales LDL-Cholesterin ein erhöhtes Lp(a) nicht ausschließt, sollte Lp(a) bei jedem Menschen zumindest einmal im Leben gezielt gemessen und bei erhöhtem Wert auch bei Verwandten ersten Grades bestimmt werden. Werte über 50 mg/dl (105 nmol/l) gehen mit einem erhöhten Risiko einher, wobei das Risiko dosisabhängig vom 1,4-Fachen (bei 50 mg/dl) bis zum mehr als 3-Fachen (bei über 150 mg/dl) ansteigt und sich mit klassischen Risikofaktoren wie Rauchen, Hypertonie, Diabetes und hohem LDL-Cholesterin multiplikativ verstärkt. Auch wenn Lp(a) selbst derzeit nicht gezielt behandelbar ist, lässt sich das Gesamtrisiko durch konsequente Kontrolle aller übrigen Risikofaktoren – insbesondere durch intensive LDL-Senkung, optimale Blutdruck- und Glukoseeinstellung, Rauchstopp und Lebensstilmodifikation – deutlich reduzieren. Modellrechnungen zeigen, dass ein systematisches Lp(a)-Screening mit entsprechender Intensivierung der Prävention zahlreiche kardiovaskuläre Ereignisse sowie erhebliche Gesundheitskosten einsparen könnte.