Rund 750.000 verschiedene Produkte, von Hightech-Implantaten über Diagnostiklösungen bis hin zu Einmalartikeln, garantieren ein Versorgungssystem auf höchstem Niveau. Doch damit nicht genug, denn die Branche ist mit 630 Unternehmen, einem Jahresumsatz von 18,6 Milliarden Euro und 62.000 Arbeitsplätzen auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Innovationstreiber für Österreich.
Damit diese Rolle auch in Zukunft trotz steigender regulatorischer Anforderungen, überbordender Bürokratie und fehlender Standortanreize gesichert bleibt, braucht es dringend verbesserte Rahmenbedingungen. Daher hat die AUSTROMED klare Forderungen an die Bundesregierung formuliert. Was sich die Interessensvertretung davon erhofft, beschreiben AUSTROMED-Präsident Gerald Gschlössl und AUSTROMED-Geschäftsführer Mag. Philipp Lindinger im Gespräch.
Warum wenden Sie sich gerade jetzt mit diesen Forderungen an die Bundespolitik?
Gschlössl: Die Forderungen sind nicht neu, doch es war uns ein Anliegen, sie auch bei der aktuellen Regierung zu platzieren und zu erneuern. Damit wollen wir den Anliegen das entsprechende Gewicht geben und gleichzeitig anbieten, unsere Expertise für eine Zusammenarbeit in Fragen rund um die Medizinprodukte-Branche jederzeit einzubringen.
Was steht konkret auf dem Spiel, wenn nichts passiert?
Lindinger: Eine massive Schwächung der österreichischen, aber auch der europäischen Medizinproduktebranche. Wir arbeiten daher eng mit dem europäischen Dachverband MedTech Europe und insbesondere den deutschsprachigen Schwesterverbänden intensiv zusammen. Gemeinsam sind wir eine zentrale Drehscheibe als europäischer Standort für den Medizinprodukte-Sektor. Gerade angesichts der aktuellen geopolitischen Auseinandersetzungen müssen wir die Branche unterstützen und zukunftsfähig halten.
Welche Bedeutung hat die Medizinprodukte- und IVD-Branche für den Wirtschaftsstandort Österreich?
Gschlössl: Für Patientinnen und Patienten bieten wir Versorgungssicherheit mit hochqualitativen Produkten. Für Europa müssen wir unser Know-how verankern, um den Standort zu sichern. Wir müssen verhindern, dass uns das gleiche Schicksal wie die Automobilindustrie ereilt, die immer mehr Technologierückstand Richtung Asien erlebt und irgendwann weltweit bedeutungslos wird. Wir wollen nicht, dass die Patientenversorgung in Österreich oder in Europa von diesen Märkten abhängig ist.
Wo haben wir die größten Stärken und Schwächen?
Lindinger: Stärken hat Österreich im Know-how – von der Forschung und Entwicklung über die Produktion bis hin zu klinischen Anwendungen. Schwächen entstehen aufgrund der Komplexität der Branchen und zeigen sich vor allem in den Regularien, den globalen Lieferketten und den hohen Lohnkosten in Österreich. Wir stehen uns damit selbst im Weg und machen es den Unternehmen nicht leicht, konkurrenzfähig zu bleiben.
Gibt es ein konkretes Beispiel, das besonders absurd wirkt?
Gschlössl: Ein plakatives Beispiel ist für mich die sogenannte Entwaldungsverordnung (EUDR). Hier verlangt ein europäisches Gesetz den Schutz der Wälder in asiatischen Ländern. Umweltschutz ist zweifelsohne wichtig, doch österreichische Unternehmen sind gezwungen, mit einer Sorgfaltserklärung zu bestätigen, dass bestimmte Rohstoffe in diesen Ländern entwaldungsfrei und legal produziert werden. Derartige Regularien sind eine große Belastung und bringen der Wirtschaft auch keine Vorteile.
Was ist für Sie das Worst-Case-Szenario, wenn keine Trendwende stattfindet?
Gschlössl: Wenn sich der amerikanische Markt abschottet, kommt asiatische Überproduktion nach Europa. Der billigste Preis steht im Fokus und hier haben Länder, die die europäischen Regeln nicht einhalten müssen, die Nase vorn. Wir haben neben vielen absurden Vorgaben auch noch Vergabeverfahren und wenn wir nicht langsam die passende Wertschätzung für unser Know-how, die hochwertigen Produkte und die Prozessverbesserungen bekommen, werden wir nicht mehr konkurrenzfähig sein. Wir haben uns jahrelang redlich bemüht, die hohe Qualität aufrechtzuerhalten und auch in Krisensituationen ein verlässlicher Marktpartner zu bleiben, doch langsam geht der Branche die Luft aus. Der Druck aus Billiglohnländern wächst und es wird von Tag zu Tag schwieriger, dem standzuhalten.
Sie fordern, die von der EU angekündigten Bürokratieabbaumaßnahmen rasch umzusetzen. Wo sehen Sie hier die wichtigsten Hebel, die Österreich selbst in der Hand hat?
Lindinger: Unser deutscher Schwesterverband verlangt ein Belastungsmoratorium, das ist zumindest ein juristisch gangbarer Weg. Das heißt, dass jegliche zusätzliche Belastung der Unternehmen ausgesetzt werden muss. Erst wenn es konkrete Lösungen für aktuelle Anforderungen gibt, kann der nächste Schritt gesetzt werden. Die Branche erstickt unter Bürokratielasten und Berichtspflichten, ohne dass diese zu einer Verbesserung der Versorgung oder der Sicherheit der Patientinnen und Patienten beiträgt. Allen voran sind es die MDR und die IVDR sowie die horizontale Gesetzgebung, die entbürokratisiert und klarer gemacht werden müssen.
Gschlössl: Wir fordern, dass einer schrumpfenden Wirtschaft nicht noch zusätzliche Regulatorien aufgehalst werden. Firmen müssen mehr Kapazitäten frei bekommen, um sich auf Wachstum zu konzentrieren. Aktuell gibt es kaum eine Verordnung, die nicht darauf hinausläuft, Ressourcen zu binden, die man für zukunftsfähiges Handeln viel besser einsetzen könnte.
Würden mit der MDR und der IVDR Innovationen in den Markt kommen können – ohne Stau bei der Zulassung und bei völliger Klarheit der Rechtsmaterie –, dann sind wir bereit für neue Gesetze und Verordnungen. Aktuell schaffen es viele Betriebe nicht einmal, ihre Zertifizierungen so schnell zu bekommen, dass sie am Markt bleiben können. Wer dank aktueller Vorgaben schon ums Überleben kämpft, hat keine Ressourcen mehr, um sich auch noch neuen Vorgaben zu widmen. Wenn diesen Vorgaben dann auch noch zum Teil uneinheitliche Definitionen und Anforderungen zugrunde liegen, sie völlig unverständlich formuliert sind, dann kann man doch von einem Unternehmen nicht mehr erwarten, dass das alles „richtig“ befolgt wird. Kurz gesagt: Es ist zu viel auf einmal! Jede neue Vorgabe bringt wieder Unruhe in den Versorgungsalltag und macht unsere Arbeit immer weniger planbar. Es ist doch für den Unternehmer das Wichtigste zu wissen, was auf ihn zukommt.
Was muss nun passieren, damit sich etwas zum Positiven ändert?
Lindinger: Österreich könnte durchaus aktiv werden und sich viel stärker engagieren. Wir haben viele Klein- und Mittelbetriebe in unserem Land und für ihre Anliegen müssen wir uns stark machen. Genau deshalb adressieren wir unsere Forderungen an die Bundesregierung und ihre Repräsentantinnen und Repräsentanten, die in den relevanten EU-Gremien sitzen. Oft ist es einfacher, sich gleichgesinnten Ländern anzuschließen, wir würden uns aber wünschen, dass Österreich eigene Initiativen und Ideen vorantreibt und das klare Bekenntnis zu einer starken Medizinprodukte-Branche ausspricht, weil uns die Patientinnen und Patienten wichtig sind. Dieser Gedanke ließe sich politisch hervorragend kommunizieren. Wer etwas in Bewegung bringen will, braucht Engagement, Zeit, Geduld und muss viele Gespräche führen.
Warum passiert das trotzdem nicht?
Gschlössl: Eine Erklärung könnte sein, dass man bewusst Einigkeit mit den großen Wirtschaftsblöcken wahren will und sich deshalb deren Positionen anschließt. Das Geschäftsvolumen in Österreich ist deutlich kleiner und vielleicht überwiegt die Sorge vor einer Zersplitterung der Interessen. Das wäre nachvollziehbar, solange diese Linie nicht zulasten Österreichs geht.
Entscheidend ist aus meiner Sicht aber, dass Europa als Wirtschaftsraum geschlossen auftritt. Nur wenn wir als Block mit rund 450 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern mit einer Stimme sprechen, können wir wirklich Einfluss nehmen. Wenn sich dagegen zu viele Partikularinteressen durchsetzen, werden vor allem die Amerikaner das geschickt ausnutzen und uns gegeneinander ausspielen.
Lindinger: Ein Ansatz, wie Österreich eigenständig handeln könnte, wäre etwa ein Innovationsfonds nach deutschem Vorbild. Damit ließe sich die heimische Medizinprodukte-Branche gezielt stärken, ohne auf eine europäische Lösung warten zu müssen.
Welche Chancen auf Veränderung haben wir innerhalb Österreichs?
Gschlössl: Ich habe den Eindruck, dass die Unterstützung seitens der Politik für innovative Unternehmen bis zum Markteintritt grundsätzlich noch ganz gut funktioniert. Für die frühe Entwicklungsphase und die ersten Schritte Richtung Markt gibt es Förderungen und Programme, die Innovationen durchaus ermöglichen. Aber in dem Moment, in dem es ernst wird – wenn also die Kassen oder die Krankenhäuser tatsächlich zahlen sollen –, bricht diese Unterstützung ab. Genau an diesem Punkt stoßen die meisten Unternehmen dann auf die größten Hürden: Das Produkt ist dann technisch weitgehend fertig, aber sobald es um Refundierung, Erstattung oder Bezahlung geht, versiegen die Mittel. Ob ein Fonds, der vom Staat gesteuert wird, besser wäre als ein Modell, bei dem die Mittel bei der Krankenkasse oder bei den Bundesländern liegen, muss man sicher noch genauer bewerten. Klar ist aber: Viele Anbieter mit guten Produkten scheitern nicht an der Technologie, sondern an der Marktdurchdringung – also daran, dass sie ihre Innovation wirtschaftlich nicht in den Versorgungsalltag bringen.
Dazu kommt die enorme Komplexität der Strukturen. Die Hürden im Erstattungs- und Vergütungssystem sind so hoch und unübersichtlich, dass selbst erfahrene Innovatoren an ihre Grenzen stoßen. Die Unverbindlichkeit in den Prozessen und Entscheidungen und die fehlende Verlässlichkeit stellt Unternehmen vor große Herausforderungen. Sie erschwert Planung, Investitionen und langfristige Strategien und wirkt letztlich innovationshemmend – genau in der Phase, in der es eigentlich darum ginge, gute Lösungen breit in die Versorgung zu bringen.
Was wäre jetzt der nächste Schritt?
Lindinger: Wir wünschen uns ein Grundverständnis für die komplexe Welt der Medizinprodukte-Branche in der heimischen Politik. Das würde etwa ein Health-in-all-Policies-Ansatz gut abbilden können. Wenn der gelungen ist, bin ich sicher, dass wir die Themen auch in Brüssel gut positionieren und platzieren können.