Ein Unikat in der österreichischen Ausbildungslandschaft

Die in der Ärztlichen Direktion des zweitgrößten Klinikums Österreichs angesiedelte Stelle sollte von Beginn an mehrere Ziele verfolgen. Die drei wesentlichsten waren dabei die Begleitung junger Ärzt:innen durch die Basisausbildung und Ausbildung zur Fachärztin bzw. zum Facharzt für Allgemeinmedizin und Familienmedizin, die strategische Entwicklung und Attraktivierung der Allgemeinmedizin am Kepler Universitätsklinikum und über deren Grenzen hinaus sowie die Etablierung einer zentralen Anlaufstelle für sämtliche Belange der Allgemeinmedizin.

Seit der Gründung und initialen Ausrichtung der Stabsstelle Allgemeinmedizin hat sich das Aufgabenspektrum deutlich erweitert. Durch die Etablierung der medizinischen Fakultät am Kepler Universitätsklinikum haben sich neue Herausforderungen ergeben – neben einer erhöhten Anzahl an Bewerbungen sind auch die Themen studentischer Ausbildung bzw. Mitarbeit in den Vordergrund gerückt. Aufgabe der Stabsstelle ist hier eine Verzahnung sowie die Gewährleistung eines nahtlosen Übergangs auf die folgende Ausbildung.

Früher Kontakt

So beginnt der Kontakt mit jungen Ärzt:innen heute nicht etwa erst beim Onboarding. Auf Studierendenmessen wird über das Angebot und Leistungsspektrum sowie die Perspektiven als zukünftige Arbeitnehmer:innen am KUK informiert. Durch regelmäßigen Austausch und eine enge Zusammenarbeit mit der Medizinischen Fakultät der Johannes Kepler Universität gelingt ebenso der frühe Kontakt zu Studierenden im Rahmen von Praktika oder Vorlesungen. Zu einem guten Gelingen trägt auch eine produktive Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Allgemeinmedizin an der Medizinischen Fakultät bei. In regelmäßigen Terminen erfolgt dabei die Abstimmung und Erörterung von neuen Ideen oder bestehenden Kooperationen. Seit einigen Jahren ist es Jungärzt:innen zum Beispiel in den letzten Ausbildungsjahren für Allgemeinmedizin möglich, als Lehrende an der Johannes Kepler Universität tätig zu sein.

Umstrukturierung der Basisausbildung

Der im Zuge der Ausbildungsreform 2015 zugestandene Spielraum wird am KUK so ausgelegt, dass die Basisausbildung dazu genützt wird, den Übergang in eigenständiges ärztliches Handeln vorzubereiten. Dazu trägt der Einführungsmonat bei, der einen möglichst sanften Einstieg ins Arztleben ermöglicht. Er besteht aus einer Einführungswoche mit organisatorischen Inhalten wie einem Rundgang an beiden Standorten, der Vorstellung von Aufgabenbereichen diverser Ansprechpartner:innen im Unternehmen oder Schulungen zum Dienstplansystem und dem Krankenhausinformationssystem. Auch fachliche Inhalte wie die transfusionsmedizinische Schulung, Medikamentenschulung durch die Apotheke sowie ein verpflichtendes Reanimationstraining inklusive Geräteschulung kommen nicht zu kurz. Ein Halbtag wird mit der Pflege absolviert. Darauffolgend gibt es eine dreiwöchige Orientierungszeit in einem der grundlegenden diagnostischen oder klinischen Fächer, darunter unter anderem Kinder- und Jugendpsychiatrie, Labormedizin, Radiologie, Nuklearmedizin und Pathologie. Es handelt sich oftmals um jene Fächer, die sich in der allgemeinmedizinischen Ausbildung gegenwärtig nicht so präsent zeigen, im Gesamtbild der Medizin jedoch kaum wegzudenken sind. Dadurch agieren die Jungmediziner:innen in ihrer späteren Arbeitszeit als Multiplikator:innen des in dieser Zeit generierten Wissens und tragen die Relevanz dieser Fachrichtungen auch nach außen hin weiter. Ein besonderer Bonus ist natürlich, dass den Fachrichtungen in dieser Orientierungsphase eine Plattform gegeben wird, sich selbst den jungen Kolleg:innen zu präsentieren und damit auch fachspezifisch für Bewerberzuwachs zu sorgen. Die übrigen acht Monate der Basisausbildung bestehen wie vom Gesetzgeber vorgeschrieben aus Rotationen in konservativen oder chirurgischen Fächern.

Ausbildung zur Allgemeinmedizin

Ausbildungsmodelle analog zur Sonderfach-Sonderausbildung wurden in Zusammenarbeit mit den entsprechenden Fachrichtungen entwickelt. Den Jungärzt:innen soll so möglichst bald eine Individualisierung ihrer Ausbildung ermöglicht werden. Der Entwicklung dieser Modelle ging eine strategische Neuausrichtung voraus, nämlich die Verlagerung der Zuständigkeit für die Rotationsplanung von Ärzt:innen in Ausbildung in den Wirkungsbereich der Ärztlichen Direktion. Unterstützt wird diese Maßnahme durch den Ankauf von digitalen Tools, die eine individualisierte Planung der Ausbildungsabschnitte, abgestimmt auf die angestrebte Fachrichtung, nach der Basisausbildung ermöglichen. So kann die Ausbildung gezielt auf die Bedürfnisse und Interessen der Ärzt:innen abgestimmt werden, was zu einer höheren Zufriedenheit und Qualität führen soll. Diese Reform stellt nicht nur einen Paradigmenwechsel dar, sondern eröffnet auch neue Perspektiven für die Gestaltung der ärztlichen Laufbahn.

Lehrpraxis

Es wurde ein Modell entwickelt, bei dem Ärzt:innen neben ihrer 30-Stunden-Stelle in der Praxis mit 5 oder 10 Stunden am KUK tätig bleiben und dort weiter Dienste verrichten können. Neben dem Erlernen praktischer Inhalte vermittelt die Lehrpraxis auch betriebswirtschaftliche und unternehmerische Inhalte, um Jungärzt:innen besser auf die Gründung ebendieser vorzubereiten. Im aktuellen Trend werden zunehmend Kolleg:innen von privaten Betreibern von Gesundheitseinrichtungen mit fertigen Einstiegsmodellen für eine Wahlarzttätigkeit angesprochen. Diese Entwicklung ist in einem sozial gedachten Gesundheitssystem durchaus kritisch zu sehen. Daher ist es eine der Aufgaben der Stabsstelle Allgemeinmedizin, in der Ausbildung zur Allgemeinmedizin an junge Kolleg:innen entsprechende Inhalte zu vermitteln, mit denen sie sich fit für die Übernahme und den Betrieb einer Kassenstelle fühlen. Diese Lücke in den diversen Phasen der Ausbildung wird mitunter als einer der vielen Gründe angesehen, warum sich junge Ärzt:innen nicht auf eine Kassenstelle einlassen wollen. Die Antworten der Systempartner konzentrieren sich oft auf finanzielle Anreize. Im Laufe der Zeit hat sich jedoch ein Paradigmenwechsel vollzogen, bei dem die Berücksichtigung der Lebensrealität von Jungärzt:innen im Vordergrund steht. Ein erster Schritt wurde mit der Einführung der PVZ-Modelle und dem Ausbau der Gruppenpraxen erreicht. Es besteht jedoch noch deutlich mehr Potenzial. Beispielsweise muss auch in Anbetracht der erfreulichen Zunahme von Frauen in der Medizin an Karenzmodellen im niedergelassenen Bereich gearbeitet werden. Darüber hinaus sollte das historisch gewachsene, aber nicht mehr zeitgemäße Honorierungsmodell überdacht werden.

Einführung Fachärztin/Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin

Die Stabsstelle Allgemeinmedizin nimmt diese Entwicklung zum Anlass, ein umfassendes Konzeptprojekt zu initiieren, das die systematische Umsetzung der neuen Ausbildungsstruktur innerhalb des Universitätsklinikums vorbereitet.
Ziel dieses Projekts ist es, die zukünftige Facharztausbildung für Allgemein- und Familienmedizin in enger Verzahnung mit universitärem Studium und klinischer Praxis zu etablieren. Dabei werden alle relevanten Schnittstellen, von der Lehre über die klinische Betreuung bis hin zum Personalbereich und der Personalentwicklung, berücksichtigt. Die Stabsstelle Allgemeinmedizin übernimmt hierbei eine zentrale Rolle als koordinierende Instanz. Ein übergeordneter Aspekt des Projektes besteht darin, insbesondere den Stellenwert von Fachärzt:innen für Allgemein- und Familienmedizin zu stärken.
Aus persönlicher Perspektive war die Etablierung der Stabsstelle anfänglich mit vielen Hürden verbunden. Durch regen Austausch mit diversen Schnittstellen innerhalb des Klinikums konnte im Verlauf jedoch eine Akzeptanz erreicht und eine gemeinsame Vision erarbeitet werden. Dadurch wurde eine innovative Perspektive für die zukünftige Ausbildung zur Fachärztin bzw. zum Facharzt für Allgemein- und Familienmedizin geschaffen, die den Anforderungen einer modernen, patientenzentrierten Versorgung gerecht wird.