Digitalisierung als Feigenblatt

© Tanzer

Die Gesundheitspolitik hat ein Lieblingswort und ein Allheilmittel für alle Probleme im Gesundheitswesen gefunden: Digitalisierung. Doch meist verkommt das nur zur inhaltsleeren Phrase. 

Kaum ein gesundheitspolitisches Papier und öffentliches Statement kommt heute ohne das Schlagwort Digitalisierung aus. Elektronische Akten, vernetzte Versorgung, datenbasierte Steuerung, Bürokratieabbau – die Versprechen klingen groß. Doch jenseits der schön klingenden Phrasen bleibt oft erstaunlich wenig Substanz. Digitalisierung wird von der Politik allzu häufig als Feigenblatt benutzt: Man signalisiert Modernität und Reformwillen, ohne die strukturellen Probleme des Gesundheitswesens ernsthaft anzugehen. 

Besonders deutlich wird das beim Umgang mit Daten. Einerseits beklagt die Politik mangelnde Datenverfügbarkeit und fehlende Transparenz. Andererseits blockieren beispielsweise die Bundesländer seit Jahren die konsequente Zusammenführung von Gesundheitsdaten. Der Grund ist selten technischer Natur. Es geht um Macht, Zuständigkeiten – und nicht zuletzt um die Angst vor Transparenz. Vergleichbarkeit von Versorgungsqualität, Effizienz oder Fehlentwicklungen ist politisch offenbar unerwünscht, solange sie unbequeme Fragen aufwerfen könnte. 

Auch viele Menschen in Gesundheitsberufe stehen der Digitalisierung skeptisch gegenüber. Diese Skepsis ist kein Fortschrittsreflex, sondern Ergebnis realer Erfahrungen: schlecht implementierte Systeme, mehr Bürokratie statt Entlastung, fehlende Einbindung der Praxis. Wer Digitalisierung verordnet, ohne Arbeitsabläufe zu verstehen oder diejenigen mitzunehmen, die täglich mit den Systemen arbeiten sollen, darf sich über Widerstand nicht wundern. Dazu kommt, dass Systeme wie 1450 und Telemedizin nach Ansicht von Ärzt:innen Spitäler etwa nicht entlasten, sondern eher überfluten werden. Denn aus der Distanz erlauben sie maximal eine Risikoeinschätzung – und ist das unklar, folgt sicherheitshalber der Weg in die Klinik. 

Paradox wird es zudem dort, wo Staat und Sozialversicherung selbst zu Datensammlern wird. Ein prominentes Beispiel ist der Pharmagroßhandel, der täglich umfangreiche Daten liefern muss – in Echtzeit, detailliert, verpflichtend. Wofür diese Daten konkret genutzt werden, welche gesundheitspolitischen Ziele damit verfolgt werden und welchen Mehrwert sie für Versorgung oder Patientensicherheit haben sollen, bleibt jedoch weitgehend im Unklaren. Daten werden gehortet, nicht gestaltet. 

Digitalisierung im Gesundheitswesen braucht mehr als Ankündigungen. Sie braucht klare Ziele, transparente Governance und vor allem Vertrauen. Solange Datenpolitik als Machtinstrument und nicht als gemeinsames Werkzeug verstanden wird, bleibt Digitalisierung ein politisches Schlagwort – und eine vertane Chance für Versorgung und Gesundheitsberufe. (rüm)