In der Allgemeinbevölkerung konnte die epidemiologische Langzeitstudie LEAD eine Asthma-Prävalenz von etwa 4,3% bei Männern und 4,8 % bei Frauen erheben. Während in der Kindheit Jungen öfter betroffen sind, überwiegt im Erwachsenenalter die Erkrankungshäufigkeit bei Frauen. Dieser Wechsel nach der Pubertät weist auf hormonelle Einflüsse hin: Während Östrogene und Progesteron entzündliche Prozesse in den Atemwegen fördern, wirkt Testosteron eher protektiv. Die exakten molekularen Mechanismen dieser hormonellen Modulation sind jedoch noch nicht vollständig verstanden. Auch anatomische Unterschiede spielen eine Rolle. Vor der Pubertät weisen Jungen kleinere Atemwegsdurchmesser im Verhältnis zur Lunge auf (Dysanapsis). Mit der Pubertät entwickeln Männer größere Atemwege, während Frauen relativ kleinere Bronchien behalten, was die Anfälligkeit für obstruktive Atemwegserkrankungen erhöht. Frauen berichten häufiger über stärkere Symptome, schlechtere Lebensqualität und eine höhere Rate schwerer Asthmaanfälle. Zudem zeigen sich hormonabhängige Schwankungen, etwa prämenstruell, in der Menopause und während der Schwangerschaft.
COPD wurde lange als „Männerkrankheit“ betrachtet, da Männer früher häufiger rauchten. Heute nähern sich die Rauchgewohnheiten an, und die COPD-Prävalenz steigt bei Frauen. In der LEAD-Studie konnte persistierende Obstruktion in der Lungenfunktion bei 4 % der Frauen und 7,7 % der Männer im Erwachsenenalter nachgewiesen werden (FEV₁/FVC < LLN; Lower Limit of normal); mit dem Alter nimmt die Lungenfunktion deutlich ab und die Obstruktion somit zu. Die Anwendung der Lower-Limit-of-normal-Methode wird dringend empfohlen, um alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede zu berücksichtigen. Eine fixe Grenzratio, wie noch vor wenigen Jahren verwendet, führt jedoch zu einer systematischen Unterdiagnose bei Frauen und jüngeren Personen sowie zu einer Überdiagnose bei älteren Menschen. Die LEAD-Daten bestätigen, dass bei Anwendung dieser Definition die Prävalenz bei jüngeren Personen und bei Frauen höher ausfällt. Frauen zeigen zudem bei vergleichbarer Noxenexposition möglicherweise eine höhere Empfindlichkeit und entwickeln stärker ausgeprägte Veränderungen der kleinen Atemwege. In Ländern mit niedrigem Einkommen betrifft biomassebedingte Luftverschmutzung Frauen überproportional, da sie häufiger Kochrauch ausgesetzt sind. Symptomprofile unterscheiden sich ebenfalls: In einer österreichischen COPD-Kohorte berichten Frauen vermehrt über Dyspnoe und höhere Symptomlast, Männer dagegen häufiger über Husten und Sputumproduktion. Diese Unterschiede bei COPD und Asthma haben unmittelbare therapeutische Relevanz. Bedeutende Unterschiede bei der Pharmakokinetik und -dynamik, bei Hormonen und Rezeptorexpression führen zu Variationen in der Wirksamkeit und im Sicherheitsprofil von Arzneimitteln. Studien zeigen, dass Männer oft stärker vom Einsatz von b2-Agonisten und ICS profitieren, während bei Triple-Therapie (ICS/LABA/LAMA) keine relevanten geschlechtsspezifischen Unterschiede beobachtet wurden. Frauen mit schwerem eosinophilem Asthma erreichen häufiger als Männer eine optimale Kontrolle der Asthmasymptome nach der Behandlung mit Mepolizumab. Das Geschlecht kann auch eine entscheidende Rolle bei der richtigen Verwendung von Inhalationsgeräten spielen. Frauen, die Trockenpulverinhalatoren und Soft-Mist-Inhalatoren verwenden, weisen höhere Raten kritischer Anwendungsfehler auf, während bei Dosieraerosolen kein signifikanter Unterschied festgestellt wird.
ILD stellen eine heterogene Gruppe von Erkrankungen dar, die das Lungeninterstitium betreffen. Hierzu zählen unter anderem die idiopathische pulmonale Fibrose (IPF), Sarkoidose, hypersensitive Pneumonitis, autoimmunassoziierte ILD im Rahmen von Kollagenosen sowie seltenere Formen wie die Lymphangioleiomyomatose (LAM). Die IPF tritt signifikant häufiger bei Männern auf, insbesondere jenseits des sechsten Lebensjahrzehntes. Ebenso werden berufsassoziierte Pneumokoniosen – etwa Silikose oder Asbestose – häufiger bei Männern beobachtet, was teilweise auf eine höhere berufliche Exposition gegenüber inhalativen Noxen zurückzuführen ist. Im Gegensatz dazu betreffen autoimmunbedingte ILD, etwa im Rahmen von systemischen Kollagenosen oder Sarkoidose, deutlich häufiger Frauen. Eine Ausnahme stellt die rheumatoide Arthritis dar: Obwohl sie insgesamt bei Frauen häufiger ist, weisen Männer öfter eine pulmonale Beteiligung auf. Eine Sonderform ist die LAM, eine seltene Erkrankung, die nahezu ausschließlich bei Frauen im gebärfähigen Alter auftritt. Sie wird stark durch Östrogene beeinflusst und über mTOR-Signalwege vermittelt, weshalb mTOR-Inhibitoren wie Sirolimus eingesetzt werden. Sexualhormone modulieren auch fibrotische Prozesse: Östrogene beeinflussen den Umbau des Lungengewebes, während Testosteron als potenziell protektiv gilt. Zudem haben Frauen oft auf Grund höherer Östrogenwerte längere Telomere, was ihre Anfälligkeit für fibrotische Lungenerkrankungen reduzieren könnte.
In Österreich ist Lungenkrebs bereits die zweithäufigste Krebserkrankung bei Frauen und stellt weltweit eine der führenden krebsbedingten Todesursachen dar. Während Lungenkrebs in der Vergangenheit überwiegend Männer betraf, zeigen aktuelle epidemiologische Daten einen Rückgang der Inzidenz bei Männern, gleichzeitig jedoch einen deutlichen Anstieg bei Frauen. Die Neuerkrankungsrate der österreichischen Männer war im europäischen Vergleich eher gering, die der Frauen war jedoch höher. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in der Mortalität wider: Im europäischen Vergleich liegt die Lungenkrebssterblichkeit bei Frauen inzwischen höher als bei Männern. Nichtrauchende Frauen erkranken häufiger an Adenokarzinomen als nichtrauchende Männer. Zudem weisen sie häufiger spezifische genetische Mutationen auf, die sie zu besonders geeigneten Kandidatinnen für zielgerichtete Therapien, etwa Tyrosinkinase-Inhibitoren, machen. Derzeit läuft mit Teilnehmer:innen der LEAD-Studie das erste Lungenkrebsfrüherkennungsprogramm in Österreich. Geschlechtsspezifische Unterschiede beeinflussen Prävalenz, Krankheitsverlauf und Therapieansprechen bei pneumologischen Erkrankungen erheblich. Eine individualisierte, geschlechtssensible Diagnostik und Therapie verbessern die Versorgung und erhöhen die Therapieeffektivität.
KOMMENTAR
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Univ.-Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer Gender Medicine Unit, Medizinische Universität Wien |
Geschlechterunterschiede zeigen sich sowohl in der Inzidenz als auch in der Prävalenz von Atemwegserkrankungen wie COPD, interstitiellen Lungenerkrankungen und Lungenkrebs. COPD tritt häufiger bei Männern auf, während Asthma im Kindes- und Jugendalter eher Buben betrifft, im Erwachsenenalter jedoch häufiger bei Frauen diagnostiziert wird. Dies unterstreicht den Einfluss von Sexualhormonen auf Immunreaktionen.
Auch anatomische und physiologische Unterschiede sind relevant: Frauen weisen – auf die Körpergröße korrigiert – eine stärkere Peak-Flow-Limitierung und einen höheren Atemwegswiderstand auf.
Lungenkrebs ist insgesamt bei Männern häufiger, bei Nierauchenden jedoch bei Frauen. Zwar sterben mehr Männer an Lungenkrebs, die Mortalität bei Frauen nimmt jedoch deutlich zu, unter anderem durch steigende Rauchraten bei jüngeren Frauen. Passivrauchen und Third-Hand Smoke stellen für Frauen stärkere Risikofaktoren dar, dennoch sind sie in Screening-Programmen unterrepräsentiert. Zudem reagieren weibliche Atemwege sensibler auf Schadstoffe: Bereits geringerer Zigarettenkonsum hat stärkere negative Effekte. Östrogene beschleunigen den Nikotinabbau, was das Abhängigkeitspotenzial erhöht und die Wirksamkeit von Nikotinersatztherapien reduziert.
Gendermedizin ist bei Lungenerkrankungen daher essenziell, da biologische, psychosoziale und gesellschaftliche Faktoren den Krankheitsverlauf bei Frauen und Männern unterschiedlich beeinflussen.