Die revidierten McDonald-Kriterien 2024 markieren einen wichtigen Schritt in der Diagnostik der multiplen Sklerose (MS) und bringen zentrale Neuerungen für die praktische Umsetzbarkeit im klinischen Alltag. Im Mittelpunkt stehen dabei grundlegende Änderungen gegenüber früheren Versionen: Der Nervus optikus wird als fünfte anatomisch typische Region für die Dissemination im Raum (DIS) anerkannt. Zusätzlich ist unter bestimmten Voraussetzungen eine MS-Diagnose ohne den Nachweis einer zeitlichen Dissemination (DIT) und DIS möglich.
Als wichtige diagnostische Ergänzung werden Kappa-freie Leichtketten (κ-FLC) im Liquor als gleichwertige Alternative zu oligoklonalen Banden (OCB) eingeführt, mit einer in Studien an über 9.000 Patientinnen und Patienten belegten diagnostischen Power von 99 %.
Weitere Neuerungen betreffen moderne MRT-Biomarker: Läsionen mit Zentralvenenzeichen (CVS) sowie Eisenring-Läsionen (PRL), die in speziellen Konstellationen in die diagnostischen Kriterien aufgenommen wurden. Die Implementierung dieser Biomarker in die klinische Routine dürfte die größte Hürde bei der praktischen Anwendbarkeit der neuen Kriterien darstellen, allerdings werden sie nur in ausgewählten Situationen zum Einsatz kommen müssen, zum Beispiel wenn die Diagnose unklar bleibt oder wenn ältere Patientinnen und Patienten zusätzlich zahlreiche vaskuläre Läsionen aufweisen.
Für die primär progrediente MS (PPMS) wird ein einheitlicher Diagnosealgorithmus vorgeschlagen, bei dem ergänzend zu den Kriterien der schubhaften MS zwei spinale Läsionen das DIS-Kriterium erfüllen können. Darüber hinaus wird die Möglichkeit einer präklinischen MS-Diagnose beim Zufallsbefund von MS-typischen bildgebenden Läsionen thematisiert: Bei Vorliegen mehrerer Risikofaktoren (junges Alter, Rückenmarksläsionen und kontrastmittelaufnehmende Läsionen) steigt das Konversionsrisiko zu einer MS auf bis zu 90 % innerhalb der nächsten Jahre. Dies bildet die Grundlage dafür, dass in den neuen Diagnosekriterien erstmals eine MS-Diagnose vor dem Auftreten klinischer Symptome möglich ist. Die neuen Kriterien weisen damit den Weg hin zu einer früheren, sensitiveren und spezifischeren MS-Diagnose.