Ärztekammer sieht Gerichtsmedizin am Limit

© ÖÄK/Thomas Jantzen

Überalterung, Nachwuchsmangel, fehlende Ausbildungsplätze und finanzielle Engpässe – die Gerichtsmedizin hierzulande ist am Limit, warnte die Österreichische Ärztekammer.

„In den vergangenen Jahrzehnten wurde die Gerichtsmedizin in Österreich Schritt für Schritt derart demontiert, dass inzwischen in vielen Fällen die zeitnahe Aufklärung von Gewaltdelikten und anderen Verbrechen stark verzögert oder sogar unmöglich wurde“, fasst Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), bei einem Pressegespräch die Entwicklungen in der Rechtsmedizin zusammen. Derzeit gibt es nur 37 Ärzt:innen mit der Fachberechtigung. Eine Obduktion dauert in Wien durchschnittlich 152 Tage, in Graz 77 Tage. Wenn nun die Gewaltambulanzen weiter ausgebaut werden, werde es noch enger. Der Grazer Gerichtsmediziner Mario Darok berichtete von 60- bis 80-Stunden-Wochen und unattraktiven Dienstzeiten. Es kann nämlich durchaus sein, dass man nachts zu einem Tatort alarmiert werde, sagte der Arzt. Er verstehe, dass Mediziner:innen diese körperliche Belastung und die fehlende Work-Life-Balance nicht interessiert. Zudem sei die Bezahlung oft gering. Die Sachverständigengebühren wurden zuletzt 2024 erhöht, davor 17 Jahre lang nicht, sagte Darok. Und auch wenn das Interesse vorhanden sei, würde es an den fehlenden Ausbildungsplätzen an den Universitäten scheitern.

Erst vor wenigen Monaten habe der Rechnungshof das Ausmaß des Mangels in einem Bericht festgehalten und damit den personellen Abstieg eines Faches dokumentiert, sagte Steinhart. Im Zuge des Berichts wurden die langen Wartezeiten auf eine Obduktion dokumentiert. „Was mich persönlich am meisten geschreckt hat: Zeitweise würde der gesamte Arbeitsaufwand an einer einzigen Person hängen“, zeigte er sich überrascht. Ist derjenige auf Urlaub oder krank, stehe der Betrieb still. Und in der Folge müssen Gerichte auf die Ergebnisse länger warten. „Das Berufsbild des Gerichtsmediziners muss deutlich attraktiviert und gleichzeitig die Finanzierung der Ausbildung abgesichert werden“, forderte Steinhart.

Besonders wichtig ist die Kapazitätserweiterung der Gerichtsmedizin, wenn der flächendeckende Ausbau von Gewaltambulanzen umgesetzt werden soll. Dort steigen die Fälle deutlich an. Pro Jahr gibt es in Wien bereits rund 1.000 Fälle, in Graz rund 500. In Wien etwa würden dort bereits Allgemeinmediziner:innen mit gerichtsmedizinischer Zusatzausbildung arbeiten, um die Kapazitäten zu schaffen, so Darok. Denn die rasche Dokumentation – Fotos von Verletzungen, Abstriche, Harn- und Blutentnahmen – sei besonders wichtig. Sonst gehen Spuren verloren – die blauen Flecken verschwinden, die KO-Tropfen sind nicht mehr nachweisbar, betonte Darok. Der Gerichtsmediziner wünscht sich deshalb mehr Verständnis und Akzeptanz für „seinen Traumberuf“. (red)