Der Begriff Mental Health hat sich längst über psychologische Fachkreise hinaus etabliert und umfasst weit mehr als das Fehlen psychischer Erkrankungen. Konzentrationsfähigkeit, Stressresistenz, emotionale Stabilität und Schlafqualität werden maßgeblich von neurobiologischen Prozessen und einer ausreichenden Versorgung mit essenziellen Vitaminen beeinflusst. Einen besonderen Stellenwert hat die Gruppe der wasserlöslichen B-Vitamine, die für zahlreiche Funktionen des ZNS eine entscheidende Rolle spielt. Zu ihr zählen Thiamin (B1), Riboflavin (B2), Niacin (B3), Pantothensäure (B5), Pyridoxin (B6), Biotin (B7), Folat (B9) und Cobalamin (B12). Sie fungieren als Koenzyme in zahlreichen Stoffwechselprozessen und sind unter anderem an der Energieproduktion, der DNA-Synthese sowie der Bildung wichtiger Neurotransmitter beteiligt.
Die Forschung zur kognitiven Leistung konzentrierte sich lange Zeit auf die „Homocystein-Hypothese“, die besagt, dass B6, B9 und B12 durch Senkung des Homocysteins kognitiven Verfall bremsen können. Unter anderem wurde ein konsistenter negativer Zusammenhang zwischen dem Status dieser drei Vitamine und kognitiven Defiziten oder Demenz belegt. Hohe Homocysteinwerte im Blut erhöhen demnach das Risiko für klinisch signifikanten kognitiven Abbau um rund 50 %. Die Ergebnisse zur reinen Supplementierung von B6, B9 und B12 bei Patient:innen mit bestehender Demenz oder Alzheimer sind jedoch heterogen und zeigen keinen globalen Nutzen für die Kognition. Studien mit dem gesamten Spektrum der B-Vitamine in hohen Dosen zeigen positivere Effekte, insbesondere bei gesunden Kindern und Erwachsenen. Hier wurden Verbesserungen der akademischen Leistung und des Gedächtnisses beobachtet.1
Vitamin B6 spielt eine zentrale Rolle bei der Stressbewältigung. Eine Supplementierung von Magnesium kombiniert mit Vitamin B6 war bei gesunden Erwachsenen mit suboptimalen Magnesiumspiegeln wirksamer bei der Reduzierung von schwerem Stress als Magnesium allein.2 B6-Mangel führt zudem zu gestörtem Schlaf, da die Synthese von Serotonin und Melatonin gestört wird.1 Niedrige B9– und B12-Spiegel korrelieren hingegen signifikant mit dem Auftreten von Depressionen.1,3 B-Vitamine (insbesondere B12) können pro- und antiinflammatorische Reaktionen beeinflussen, wobei ein Mangel die Produktion entzündlicher Zytokine (wie TNF-α) erhöht, was wiederum mit Depressionen verknüpft ist.4
Marginale Defizite an B-Vitaminen sind auch in einkommensstarken Ländern keineswegs selten. Besonders gefährdet sind ältere Menschen aufgrund altersbedingter Resorptionsstörungen, Personen mit hohem Alkoholkonsum sowie Vegetarier:innen und Veganer:innen. Auch chronischer Stress, bestimmte Medikamente und gastrointestinale Erkrankungen können die Versorgung beeinträchtigen. Klinisch relevant ist dabei, dass neurologische oder psychische Symptome häufig bereits auftreten können, bevor klassische Mangelsymptome manifest werden. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Reizbarkeit oder Schlafstörungen sollten daher auch unter dem Aspekt einer möglichen Mikronährstoffunterversorgung betrachtet werden.1
Wichtig ist eine differenzierte Kommunikation in der Beratung: Nahrungsergänzungsmittel ersetzen weder eine ausgewogene Ernährung noch psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlungen, können jedoch in bestimmten Situationen eine sinnvolle Ergänzung darstellen.