Patientenanwalt ortet Mangel an Kassenärzt:innen

Gerhard Jelinek © Katharina Schiffl

Gibt es zu wenige Kassenärzt:innen oder nicht? Der Wiener Pflege- und Patient:innenanwalt sagt „Ja“, die ÖGK weist die Kritik zurück: 99,9 Prozent der Kassenstellen seien besetzt.

Der Wiener Pflege- und Patient:innenanwalt, Gerhard Jelinek, drängt auf eine bessere kassenärztliche Versorgung in der Hauptstadt. „Es gibt zu wenige Kassenärzte“, sagte er bei einer Pressekonferenz am Mittwoch. Erst wenn der niedergelassene Bereich ausreichend ausgestattet sei, könnten die Spitäler entlastet werden, sagte er bei der Präsentation des Jahresberichtes der Patientenanwaltschaft. Jelinek beschrieb die aktuelle Lage im Wiener Pflege- und Gesundheitssystem, dem er allgemein eine „hohe Qualität“ attestierte. Dennoch gebe es einige Problemfelder, etwa den „Dauerbrenner Zweiklassenmedizin“, oder zu lange Wartezeiten. Auch die Personalsituation in den Spitälern sei „weiterhin sehr angespannt“.

Fehlende Kassenärzt:innen seien Teil des Problems, sowohl in der Allgemeinmedizin als auch in Fachrichtungen. Zugangsbarrieren zu Spitalsambulanzen sieht Jelinek daher kritisch: „Auch die zuletzt wieder verstärkt diskutierte und vom Rechnungshof ins Spiel gebrachte Ambulanzgebühr wäre vermutlich hinfällig, wenn das Angebot im niedergelassenen Bereich wirklich vorhanden wäre.“ Patient:innen müssten zudem häufig auf das teurere Wahlarztsystem ausweichen.

In der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) weist man die Darstellung Jelineks zurück. Von den 1.817 Kassenstellen in Wien seien alle bis auf eine besetzt, hieß es in einer Aussendung. Den Patient:innen stehe ein dichtes Netz an Vertragsärzt:innen zur Verfügung. „Gleichzeitig ist klar, dass eine nahezu vollständige Besetzung von Planstellen nicht automatisch bedeutet, dass es in allen Fachrichtungen, Bezirken und zu allen Zeiten keine Wartezeiten oder Engpässe gibt.“ Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung und der zunehmenden Inanspruchnahme spezialisierter Versorgung steige die Nachfrage nach medizinischen Leistungen. „Diese Herausforderungen müssen gemeinsam mit der Stadt Wien, der Ärztekammer und den weiteren Partnern im Gesundheitswesen adressiert werden.“

Im Bereich der Langzeitpflege sah Jelinek „schwierige Jahre und Jahrzehnte“ kommen. Der Pflegebedarf steige, und damit auch der Bedarf an Personal. Deshalb müsse man die Ausbildung forcieren, ausländische Fachkräfte anwerben und den Beruf attraktiv gestalten. Ein Problemfeld sei auch der Umgang mit dementen Personen. Informationen dazu würden aber teils fehlen, so Jelinek, es brauche „eine datenbasierte Demenzstrategie“.

Im vergangenen Jahr habe die Anwaltschaft bei den Kontakten mit Patient:innen einen leichten Rückgang verzeichnet. Die Zahl der schriftlichen Eingaben habe sich hingegen erhöht und dieser Trend setze sich fort. Themen seien etwa Behandlungsfehler und der Umgang mit postakuten Infektionssyndromen (PAIS) wie ME/CFS oder Post Covid. Auch mit Sterbeverfügungen und Schadensersatzforderungen beschäftigte sich der Patientenanwalt. (red/APA)