© M.studio - stock.adobe.com Das Nicht-Umsetzen gesunder Lebensstilmaßnahmen ist nicht allein auf einen Mangel an Willenskraft zurückzuführen, sondern beruht auf neurobiologischen Mechanismen, wie eine neue Analyse herausfand.
„Die Nichtbefolgung von Präventionsmaßnahmen darf nicht als Mangel an Willenskraft oder Wissen missverstanden werden, sondern ist das Ergebnis von Wechselwirkungen zwischen (…) neuronalen Belohnungssystemen, erlernten Kontrollmechanismen und Umweltfaktoren, die genau in diese biologischen ‚Schwachstellen‘ hineinwirken“, erklärt Daniela Berg, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) und Direktorin der Klinik für Neurologie, UKSH Kiel, was in der Psychologie als Intentions-Verhaltens-Lücke bezeichnet wird: Menschen tun etwas wider besseres Wissen.
Gerade bei der Gesundheitsvorsorge komme diese Lücke zum Tragen, berichtet das Deutsche Gesundheitsportal (DGP). Besonders bei den Themen Bewegung und Ernährung greifen evolutionär verankerte Muster und Belohnungssysteme – denn in der Urzeit war der menschliche Körper auf maximale kalorische Effizienz getrimmt, um überleben zu können. Neurologische Mechanismen, die uns mit der Ausschüttung von „Wohlfühlhormonen“ belohnen, animieren uns bis heute, tagtäglich mehr zu essen, als uns guttut. Auch der innere Schweinehund ist den Forschenden zufolge evolutionär angelegt – ein Mechanismus, der uns vor vermeintlichem Stress schützt. „Wir bewegen uns von Natur aus nicht ohne triftigen Grund. Erfolgreiche Sport-Motivationsprogramme setzen daher bereits auf unmittelbare Incentives, die für die Ausschüttung von Glückshormonen sorgen, sei es der eingeblendete Pokal auf der Laufuhr, Punkte auf einem Bonuskonto oder ein hohes Ranking bei Gamification-Ansätzen wie Challenges“, erklärt die DGN-Präsidentin.
Auch die individuelle Erziehung spielt laut der Analyse eine Rolle. „Wenn seit frühester Kindheit gutes Verhalten mit Süßigkeiten belohnt wird, formen sich stabile Verbindungen im Gehirn, die immer rascher nach der süßen Belohnung suchen.“ Solche Feedback-Loops können auch in Bereichen wie Schlafverhalten oder Stress lebenslänglich neu entstehen. Doch so, wie sie ungesundes Verhalten verfestigen, lassen sie sich auch nutzen, um gesundes Verhalten „anzutrainieren“, betont die Expertin.
Das Wissen darüber könne Betroffene befähigen, ihr Handeln bewusster zu gestalten. „Nur wer weiß, dass bei ihm oder ihr neurobiologische Mechanismen das Verhalten steuern, kann sich dem erfolgreich widersetzen. Wir müssen Prävention daher neu aufstellen, denn mit Appellen wie ‚Tu dies‘ oder ‚Lass jenes‘ lassen sich keine nachhaltigen Verhaltensänderungen herbeiführen. Wir müssen vermitteln, warum es zu dieser Lebensstil-Dissonanz kommt und warum es so schwer ist, Änderungen umzusetzen“, erklärt Berg und betont: „Gesundheitsprävention muss von Scham, Frust, Selbstvorwürfen und Stigmatisierung befreit werden.“ (tab)