Ein zentrales Thema war der Umgang mit medizinischer Information im Zeitalter großer Sprachmodelle. Systeme wie Open Evidence werden zunehmend auch im klinischen Alltag genutzt, da sie strukturierte Antworten mit Referenzen liefern. Gleichzeitig zeigen aktuelle Analysen, dass die Performance bei einfachen Prüfungsfragen deutlich besser ist als bei komplexen Expertenfragen. Gerade dort, wo klinische Entscheidungen nicht durch eine einzelne richtige Antwort abgebildet werden können, bleiben Konsistenz, Nachvollziehbarkeit und ärztliche Einordnung entscheidend. Für die Praxis bedeutet dies: KI kann die Recherche unterstützen, ersetzt aber nicht das Lesen, Bewerten und Anwenden von Leitlinien.
Als dynamisches neues Feld wurde die Endohepatologie hervorgehoben. Darunter versteht man endoskopisch-ultraschallgestützte (EUS) Verfahren, bei denen Leber, Gefäße und portale Strukturen über ein Endoskop mit integrierter Ultraschallsonde dargestellt und gezielt punktiert oder behandelt werden können. Zu den Anwendungen zählen EUS-gezielte Leberbiopsien, EUS-basierte Druckmessungen sowie interventionelle Verfahren bei gastralen Varizen. Besonders bei Fundusvarizen könnten EUS-gezielte Coil-Implantationen gegenüber klassischen Kleberverfahren Vorteile bieten. Ob diese Techniken etablierte Verfahren wie transjuguläre Leberbiopsie oder Messung des hepatischen venösen Druckgradienten (HVPG) teilweise ersetzen werden, bleibt abzuwarten. Klar ist jedoch, dass die Schnittstelle zwischen Endoskopie und Hepatologie zunehmend an Bedeutung gewinnt.
Auch in der Lebertransplantation wurden wichtige aktuelle Empfehlungen diskutiert. Neue Leitlinien betonen, dass Patient:innen mit akuter Dekompensation oder akut-auf-chronischem Leberversagen frühzeitig an ein Transplantationszentrum angebunden werden sollten – auch bei MELD-Scores unter klassischen Schwellenwerten. Die starre Orientierung an einzelnen Cut-offs tritt damit zugunsten einer differenzierten, multidisziplinären Beurteilung zurück. Auch Patient:innen mit schwerer alkoholassoziierter Hepatitis können bei passender sozialer Situation und glaubhafter Abstinenzmotivation für eine Transplantation evaluiert werden.
Darüber hinaus rücken onkologische Indikationen stärker in den Fokus. Das perihiläre Cholangiokarzinom ist in den amerikanischen Leitlinien als Transplantationsindikation verankert, sofern definierte Kriterien erfüllt sind. Für Patient:innen mit auf die Leber beschränkten kolorektalen Metastasen liegen zunehmend vielversprechende Daten vor, auch wenn diese Indikation noch nicht breit etabliert ist. Entscheidend bleibt eine multidisziplinäre Entscheidung unter Verwendung objektivierbarer Prognosescores, um Nutzen und Risiko der Transplantation realistisch einzuschätzen.
Ein weiterer Schwerpunkt war das Konzept der Lebergesundheit. Lebensstilfaktoren spielen für chronische Lebererkrankungen und insbesondere für das Risiko eines hepatozellulären Karzinoms eine zentrale Rolle. Während genetische Faktoren bei einzelnen monogenetischen Erkrankungen entscheidend sind, wird das populationsbezogene Risiko vieler chronischer Lebererkrankungen stark durch Umwelt- und Lebensstilfaktoren geprägt. Alkohol bleibt dabei einer der wichtigsten beeinflussbaren Risikofaktoren.
Für die klinische Praxis gewinnen objektive Alkoholmarker wie Phosphatidylethanol (PEth) zunehmend an Bedeutung. PEth kann Alkoholkonsum über einen längeren Zeitraum im Vollblut abbilden und hilft, zwischen Abstinenz, geringem Konsum und relevantem Alkoholkonsum zu unterscheiden. Gerade bei chronischen Lebererkrankungen kann diese Differenzierung prognostisch und therapeutisch relevant sein.
Auch bei der Wilson-Erkrankung gibt es praxisrelevante Neuerungen. Neben klassischen Parametern wie Coeruloplasmin und Gesamtkupfer kann das sogenannte relative austauschbare Kupfer diagnostisch hilfreich sein. Werte oberhalb definierter Schwellen können die Diagnose unterstützen und könnten den diagnostischen Algorithmus künftig vereinfachen.
Fazit
Insgesamt zeigt sich, dass sich die Hepatologie an mehreren Fronten verändert: Leitlinien werden differenzierter, interventionelle Verfahren erweitern das diagnostische und therapeutische Spektrum, Transplantationsindikationen werden neu bewertet, und digitale Werkzeuge verändern den Zugang zu Wissen. Entscheidend bleibt jedoch, diese Entwicklungen nicht isoliert zu betrachten, sondern sie in eine patientenzentrierte, leitlinienbasierte und kritisch reflektierte Medizin zu integrieren.