© FEEI Management-Service GmbH/APA-Fotoservice/Krisztian Juhasz Digitale Anwendungen verändern die Gesundheitsversorgung nachhaltig. Gerhard Stimac, Sprecher der Plattform Digitale Gesundheit (PDG), über anstehende eHealth-Projekte und wo Österreich international steht.
Rund 100 Millionen elektronische Verordnungen und 6 Millionen e-Rezepte pro Jahr in Österreich zeigen: Digitale Anwendungen werden im österreichischen Gesundheitssystem immer bedeutender. Die Plattform für Digitale Gesundheit hat eine eHealth-Roadmap zur koordinierten Weiterentwicklung von Digital Health ins Leben gerufen. Welche Projekte sind in naher Zukunft vorgesehen? Wir erleben derzeit eine Phase, in der die Digitalisierung des Gesundheitswesens deutlich an Fahrt aufnimmt. Damit die zahlreichen eHealth-Projekte aufeinander abgestimmt sind und Synergien genutzt werden, haben wir die eHealth-Roadmap initiiert. Zu den wichtigsten Projekten zählen die Weiterentwicklung der eVerordnung, der Ausbau der eZuweisung, der elektronische Eltern-Kind-Pass, das eHealth-Codierservice sowie der European Health Data Space. Gleichzeitig gewinnen digitale Patientenservices und moderne Kommunikationsplattformen an Bedeutung. Entscheidend ist für uns, dass diese Projekte auf gemeinsamen Standards basieren, ineinandergreifen und damit den größtmöglichen Nutzen für Patientinnen und Patienten schaffen.
Ein aktuelles Projekt der PDG ist die Umsetzung der Diagnosecodierung von Symptomen und Krankheitsbildern im niedergelassenen Bereich, die seit 1. Jänner 2026 verpflichtend ist. Seit Anfang Juli werden die codierten Daten an die Sozialversicherung übermittelt. Wie ist Ihre Bilanz und welche Chancen bietet die digitale Diagnose- und Leistungscodierung? Sie ist für mich ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zu einem digitalen Gesundheitssystem. Besonders freut mich, dass die Umsetzung trotz des ambitionierten Zeitplans so gut funktioniert hat. Heute sind bereits bei mehr als 80 Prozent der Ärztinnen und Ärzte, welche dazu verpflichtet sind, Codierungsmodule im Einsatz. Das zeigt, dass die Lösungen in der Praxis angekommen sind. Der eigentliche Mehrwert liegt aber in den strukturierten Gesundheitsdaten, die dadurch entstehen. Sie bilden die Grundlage für die Weiterentwicklung digitaler Anwendungen und eine bessere Vernetzung im Gesundheitswesen. Ein wichtiger nächster Schritt ist die eDiagnose mit der Einführung der SNOMED-Terminologie, die eine einheitliche Dokumentation von Diagnosen ermöglicht. Davon profitieren Anwendungen wie die Patient Summary ebenso wie die Verknüpfung mit anderen eHealth-Lösungen. Das verbessert die Datenqualität, reduziert Doppelgleisigkeiten und erleichtert den Arbeitsalltag von Gesundheitsdienstleistern.
Wo steht Österreich in Sachen digitaler Gesundheit derzeit im internationalen Vergleich? Wo besteht aus Ihrer Sicht Handlungsbedarf? Ich denke, Österreich kann im Bereich der digitalen Gesundheit durchaus selbstbewusst auftreten. Mit ELGA, eRezept, eMedikation, eImpfpass und der e-card-Infrastruktur haben wir eine starke Basis geschaffen. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistet auch die heimische Softwareindustrie. Gleichzeitig besteht der größte Handlungsbedarf weniger bei einzelnen Technologien als bei der Koordination und Finanzierung der zahlreichen eHealth-Vorhaben. Damit die geplanten Projekte ihr Potenzial entfalten können, braucht es abgestimmte Standards und eine verlässliche Gesamtsteuerung.
Die Digitalisierung in Krankenhäusern schreitet auf Länderebene unterschiedlich schnell voran. Wie könnte man hier aus Ihrer Sicht Vereinheitlichung schaffen? Der Föderalismus bringt naturgemäß unterschiedliche Entwicklungen mit sich. Das ist grundsätzlich nicht negativ, denn die Bundesländer setzen unterschiedliche Schwerpunkte und können innovative Lösungen erproben. Gleichzeitig müssen wir aber darauf achten, dass daraus keine Insellösungen entstehen. Aus meiner Sicht braucht es deshalb eine stärkere österreichweite Koordination sowie gemeinsame technische Standards, damit erfolgreiche Lösungen nicht mehrfach entwickelt werden müssen. Gerade bei Interoperabilität, Datenaustausch und der Anbindung bestehender eHealth-Anwendungen braucht es möglichst einheitliche Rahmenbedingungen. Ebenso entscheidend sind klare Anforderungen, Planungssicherheit und die frühzeitige Einbindung der Softwareindustrie. Nun gilt es, ein durchdachtes Investitionsprogramm aufzusetzen, die vorhandenen digitalen Bausteine konsequent weiterzuentwickeln, in einer gemeinsamen Strategie zusammenzuführen und die damit verbundene Wertschöpfung in Österreich zu sichern. (Das Interview führte Silke Tabernik)