© Tanzer Wartezeiten beherrschen die politische Debatte im Gesundheitswesen. Lösbar sind sie nicht. Vielleicht müssen wir einfach wieder lernen zu warten. Und Menschen ernst zu nehmen.
Müssen wir lernen zu warten? Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn über Jahre haben wir den Menschen etwas anderes beigebracht: Alles muss sofort verfügbar sein. Der Termin, die Bestellung, die Information, die Dienstleistung. Ein Klick und am nächsten Tag ist ein Paket da. Die Pizza kommt – in Ballungszentren – eine halbe Stunde per Pote. Warum sollte das im Gesundheitswesen anders sein? Der Kunde ist König. Der Patient steht im Mittelpunkt.
Irgendwann haben wir daraus eine Erwartung gemacht, die das Gesundheitssystem nicht erfüllen kann: Wenn ich krank bin, möchte ich sofort einen Termin. Sofort eine Untersuchung. Sofort einen Befund. Sofort eine Behandlung. Und wenn es nicht sofort geht, muss jemand schuld sein. Nur: Gesundheit ist kein Onlinehandel. Ein Krankenhaus kann nicht einfach eine zusätzliche Kassa öffnen. Eine Ärztin kann nicht gleichzeitig mehrere Patient:innen behandeln. Eine Pflegeperson kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein. Und ein planbarer OP-Termin wird nicht schneller frei, nur weil jemand darauf wartet. Trotzdem haben wir uns daran gewöhnt, dass Warten etwas Unzumutbares geworden ist.
Das hat Folgen. Frustration entsteht, wenn die Erwartung auf die Realität trifft. Aus Frustration kann Anspruchsdenken werden. Und aus Anspruchsdenken kann Aggression werden. Wie ernst das Problem inzwischen ist, zeigen aktuelle Zahlen der AUVA. 2025 wurden rund 1.750 Arbeitsunfälle infolge von Gewalt registriert – rund 65 Prozent mehr als 2021. Besonders betroffen sind Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialbereich. Und selbst diese Zahl zeigt nur einen Teil der Realität: Erfasst werden nur körperliche Gewaltvorfälle, die zu einem Krankenstand führen. Verbale Angriffe, Drohungen, psychische Gewalt und sexuelle Belästigung sind darin nicht enthalten.
Das sollte uns zu denken geben. Denn natürlich ist eine lange Wartezeit ärgerlich. Natürlich ist es frustrierend, wenn ein Routinetermin erst in Wochen verfügbar ist oder man in einer Ambulanz stundenlang sitzt. Patient:innen haben ein Recht darauf, dass sie im Ernstfall rasch behandelt werden und die Versorgung verbessert wird. Im Notfall funktioniert unser System aber auch.
Patientenorientierung bedeutet nicht, jeden Wunsch sofort erfüllen zu können. Gute Versorgung bedeutet nicht, dass immer alles sofort geht. Im Gegenteil. Manchmal bedeutet gute Medizin, dass jemand warten muss. Weil andere Patient:innen gerade dringender Hilfe brauchen. Weil Personal fehlt. Weil ein Eingriff vorbereitet werden muss. Weil eine Untersuchung medizinisch nicht sofort notwendig ist. Oder, weil die vorhandenen Ressourcen begrenzt sind.
Auch die Gesundheitsberufe sollten nicht permanent das Gefühl vermitteln, alles sei jederzeit möglich. Sie dürfen Grenzen setzen. Sie dürfen sagen: Heute geht es nicht. Sie dürfen sagen: Sie müssen warten. Und sie dürfen erwarten, dass ihnen dabei mit Respekt begegnet wird. Vielleicht ist es an der Zeit, den Satz von der Patientenorientierung neu zu denken. Nicht als Versprechen gilt, dass jeder Wunsch sofort erfüllt wird, sondern als Versprechen, dass jeder Mensch ernst genommen und respektvoll behandelt wird – auch dann, wenn er warten muss. Denn Warten wird nicht verschwinden. Die Ressourcen werden nicht plötzlich unbegrenzt sein. Und auch die Gesundheitsberufe können die Erwartungen einer Gesellschaft nicht allein auffangen. Wir haben den Menschen lange beigebracht, dass alles sofort verfügbar sein muss. Jetzt müssen wir ihnen vielleicht wieder beibringen, dass das Gesundheitswesen anders funktioniert. (rüm)