© Tanzer Die Reformideen für das Gesundheitswesen liegen auf dem Tisch – nur ergriffen werden sie nicht. Zwei aktuelle Nachrichten unterstreichen die Potenziale.
Zwei Meldungen vom Beginn dieser Woche erzählen, wenn man sie zusammendenkt, eine ziemlich bemerkenswerte Geschichte über Gesundheitspolitik. Die eine handelt von Adipositas, die andere von den Einnahmen des Staates. Beide wären geeignet, die Basis für Gesundheitsreformen zu bilden. Die eigentliche Botschaft liegt gerade in ihrer Verbindung.
Die erste Meldung kommt aus England: Eine groß angelegte Studie mit den Gesundheitsdaten von fast 55 Millionen Menschen zeigt, wie stark Adipositas von sozialen Lebensbedingungen abhängt. Im am stärksten benachteiligten Fünftel der Bevölkerung lag die Häufigkeit um 35 Prozent höher als im am wenigsten benachteiligten. Besonders betroffen waren die ärmsten Regionen. Die Studie bestätigt damit, was für die Gesundheitsberufe längst plausibel ist: Gesundheit entsteht nicht erst in der Ordination, im Krankenhaus oder in der Apotheke. Sie entsteht zu einem erheblichen Teil dort, wo Menschen wohnen, arbeiten und leben. Zugespitzt: Adipositas ist zu einem erheblichen Teil eine Krankheit sozialer Ungleichheit.
Das ist politisch eine wesentlich unbequemere Erkenntnis als die Frage, welches Medikament zur Gewichtsreduktion eingesetzt werden soll. Denn wenn soziale Benachteiligung das Erkrankungsrisiko erhöht, kann die Antwort nicht allein darin bestehen, immer mehr Menschen mit immer teureren Produkten zu behandeln. Medikamente können für einzelne Patient:innen sinnvoll und medizinisch notwendig sein. Aber sie können keine Sozialpolitik ersetzen. Wer Armut reduziert, verbessert damit auch Gesundheitschancen.
Das klingt banal, ist aber in der gesundheitspolitischen Debatte erstaunlich wenig präsent. Wir diskutieren über Präventionskampagnen, Ernährungsberatung und neue Medikamente – und viel weniger darüber, warum Menschen überhaupt unter Bedingungen leben, die krank machen. Dabei wäre Armutsbekämpfung eine der umfassendsten Präventionsmaßnahmen überhaupt. Hinzu kommt eine gewisse Ironie: Ausgerechnet jene Menschen, die statistisch stärker von Adipositas betroffen sind, können sich hochpreisige Medikamente zur Gewichtsreduktion am wenigsten leisten.
Die zweite Meldung führt auf den ersten Blick in eine völlig andere Welt: Rund zwei Drittel des österreichischen Bundesbudgets werden über Umsatzsteuer und Lohnsteuer finanziert. Im Gesundheits- und Sozialbereich arbeiten inzwischen mehr als 300.000 Menschen. Rund zwölf Prozent aller Beschäftigten sind in diesem Sektor tätig. Viele von ihnen verdienen, gemessen an der Verantwortung und Belastung ihrer Arbeit, vergleichsweise wenig. Besonders deutlich zeigt sich das in Teilen der Pflege und bei anderen Gesundheitsberufen. Dazu kommt: Menschen mit niedrigen Einkommen geben einen besonders großen Teil einer Lohnerhöhung wieder aus. Zusätzliches Geld landet daher nicht zwangsläufig auf dem Sparbuch, sondern fließt relativ rasch in den Konsum – und damit unter anderem in die Umsatzsteuer. Wer Beschäftigten mit niedrigen Einkommen mehr bezahlt, erhöht also nicht nur deren Lebensqualität. Er stärkt auch die Binnennachfrage und führt dem Staat einen Teil des zusätzlichen Einkommens über Steuern wieder zu. Löhne sind gleichzeitig Einkommen, Konsum und Steuerbasis.
Und hier treffen sich die beiden Meldungen. Gesundheitspolitik wird noch immer zu häufig als Kostenpolitik verstanden: Was kostet ein Medikament? Was kostet ein Pflegeplatz? Was kostet eine Ärztin? Was kostet ein Krankenhausbett? Die interessantere Frage wäre: Was kostet es uns, wenn wir die Ursachen von Krankheit und die Arbeitsbedingungen im Gesundheitswesen nicht verändern? Wenn Armut krank macht, dann ist Armutsbekämpfung Gesundheitspolitik.
Wenn niedrige Einkommen im Gesundheitswesen die Personalnot verschärfen, dann sind bessere Löhne Gesundheitspolitik. Wenn höhere Einkommen bei schlecht bezahlten Beschäftigten zu mehr Konsum und damit auch zu höheren Steuereinnahmen führen, dann ist eine bessere Bezahlung auch Gesundheitspolitik. Und hier liegt das größte Problem der Reformdebatte im Gesundheitswesen: Wir drehen an einzelnen Schrauben, aber nicht am Gesamtsystem. (rüm)