Gesundheitsberufe als Sicherheitsnetz für alles

© Tanzer

Es gibt ein Problem, über das gesundheitspolitisch viel zu wenig gesprochen wird: Wir erwarten zunehmend von Gesundheitsberufen, dass sie Probleme lösen, die gar keine medizinischen Probleme sind.

Wer sich keine Wohnung leisten kann, kommt mit gesundheitlichen Beschwerden. Wer einsam ist, sucht Hilfe. Wer psychisch überfordert ist, landet in der Ambulanz. Wer sich um einen Angehörigen nicht mehr kümmern kann, braucht Unterstützung. Wer finanzielle Sorgen hat, wird krank. Und wer durch alle anderen sozialen Netze fällt, findet das Letzte: das Gesundheitswesen. Ärzt:innen, Pflegekräfte, Therapeut:innen, Sozialarbeiter:innen im Gesundheitsbereich und viele andere Gesundheitsberufe fangen auf, was anderswo nicht mehr aufgefangen wird. Es ist richtig, Menschen nicht einfach wegzuschicken. Aber es hat eine Grenze.

Denn Medizin kann nicht kompensieren, was Sozialpolitik nicht löst. Eine Ärztin kann Bluthochdruck behandeln. Sie kann aber nicht die Miete bezahlen. Eine Pflegeperson kann einen Menschen versorgen. Sie kann aber keine fehlende Betreuung zu Hause ersetzen. Eine Psychotherapeutin kann helfen, mit einer Krise umzugehen. Sie kann aber keine prekäre Lebenssituation, Einsamkeit oder finanzielle Existenzangst wegtherapieren.

Trotzdem landen diese Probleme immer häufiger im Gesundheitswesen. Das hat Konsequenzen. Gesundheitsberufe verbringen Zeit damit, Folgen zu behandeln, ohne dass sich Ursachen verändern. Menschen kommen wieder, weil sich an ihrer Lebenssituation nichts geändert hat. Das Gesundheitswesen wird damit zum Sicherheitsnetz für eine Gesellschaft, deren andere Netze zunehmend Löcher bekommen. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Natürlich kann man einen Menschen nicht mit dem Hinweis auf Zuständigkeiten alleinlassen. Aber man sollte sich fragen, warum immer häufiger die Gesundheitsberufe diejenigen sind, die auffangen müssen, was Wohn-, Sozial-, Bildungs- und Arbeitsmarktpolitik nicht verhindern konnten. Die entscheidende Frage lautet deshalb, wie viel politisches Versagen kann ein Gesundheitssystem eigentlich noch kompensieren? (rüm)