Pflanzliche Stimmungsaufheller richtig einordnen

Vorübergehende psychische Beschwerden sind häufige Beratungsanlässe an der Tara. Pflanzliche Arzneimittel gelten dabei oft generell als gut verträgliche erste Wahl für die Selbstmedikation. Diese Einschätzung greift jedoch zu kurz. Die verfügbaren Präparate unterscheiden sich deutlich hinsichtlich Indikation, Evidenzlage und Sicherheitsprofil. Ebenso wichtig ist die Abgrenzung zwischen vorübergehenden, stressbedingten Beschwerden und einer manifesten depressiven oder Angststörung. Anhaltende Niedergeschlagenheit, eine deutliche Beeinträchtigung im Alltag, ausgeprägte Angst oder Suizidgedanken markieren die Grenze der Selbstmedikation.

Fragen fürs Beratungsgespräch

Vor der Empfehlung eines pflanzlichen Stimmungsaufhellers sollten Dauer und Ausprägung der Beschwerden, bestehende Erkrankungen, die aktuelle Medikation sowie eine mögliche Schwangerschaft oder Stillzeit erfasst werden. Bei Johanniskraut ist gezielt nach hormoneller Verhütung und weiteren Arzneimitteln zu fragen, bei bevorstehenden Operationen oder geplanter intensiver UV-Exposition ist ebenfalls Vorsicht angezeigt. Wichtig ist der Hinweis, dass pflanzliche Arzneimittel nicht automatisch frei von Risiken sind und ihre Wirkung meist erst nach einigen Wochen eintritt. Bleiben Beschwerden bestehen, verschlechtern sie sich oder treten Warnzeichen auf, ist die Grenze der Selbstmedikation erreicht. Der zentrale Nutzen der Beratung liegt daher weniger in der raschen Produktauswahl als in der korrekten Einordnung der Beschwerden und der sorgfältigen Prüfung möglicher Risiken.

Johanniskraut (Hypericum perforatum)

Unter den pflanzlichen Stimmungsaufhellern nimmt Johanniskraut eine Sonderstellung ein. Die Nationale VersorgungsLeitlinie Unipolare Depression nennt Präparate aus Johanniskraut-Trockenextrakt als Option zur Initialtherapie bei leichter bis mittelschwerer depressiver Episode, sofern es sich um zugelassene Arzneimittel handelt. Je nach Präparat bestehen zudem traditionelle Anwendungsgebiete bei vorübergehenden Verstimmungen oder mentaler Erschöpfung, die von der Zulassung bei depressiver Symptomatik zu unterscheiden sind.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert das ausgeprägte Wechselwirkungspotenzial hyperforinreicher Extrakte. Über die Induktion von Cytochrom-P450-Enzymen und P-Glykoprotein kann die Plasmakonzentration zahlreicher Arzneistoffe sinken. Betroffen sind unter anderem Immunsuppressiva, bestimmte antiretrovirale Substanzen, Zytostatika und Cumarin-Antikoagulanzien, aber auch die kontrazeptive Sicherheit hormoneller Verhütungsmittel kann beeinträchtigt werden. Auch die Kombination mit serotonerg wirksamen Arzneimitteln ist kritisch zu beurteilen. Vor der Abgabe sollte daher eine Medikationsanalyse erfolgen.

Lavendel (Lavandula angustifolia)

Oral angewendetes standardisiertes Lavendelöl ist für die Behandlung von Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung zugelassen. Klinische Vergleichsstudien zeigen eine anxiolytische Wirkung in ähnlicher Größenordnung wie unter etablierten Anxiolytika. Eine generelle Gleichsetzung mit einer leitliniengestützten Behandlung von Angststörungen ist dennoch nicht gerechtfertigt, da die zugelassene Indikation keine klassifizierte Angststörung betrifft. Ein spürbarer anxiolytischer Effekt zeigt sich in den Studien meist innerhalb von 2 bis 6 Wochen, worauf im Beratungsgespräch hingewiesen werden kann. Traditionell werden Lavendelblüten und Lavendelöl auch bei mildem mentalem Stress, Erschöpfung und Einschlafproblemen verwendet. Für Schwangerschaft und Stillzeit ist die Datenlage nicht ausreichend, eine Anwendung wird daher nicht empfohlen.

Rosenwurz (Rhodiola rosea)

Rosenwurz ist gemäß EU-Monografie des HMPC als traditionelles pflanzliches Arzneimittel zur vorübergehenden Linderung von Stresssymptomen wie Müdigkeit und Erschöpfung eingestuft. Auch Reizbarkeit und Anspannung infolge von Überlastung zählen zu den beschriebenen Anwendungsgebieten. Die traditionelle Zulassung beruht auf langjähriger Anwendung und nicht auf klinischen Wirksamkeitsstudien im Sinne einer etablierten Therapie. Eine entsprechende Einordnung lässt sich aus der aktuellen Studienlage nicht ableiten. Da systematische Interaktionsstudien fehlen, ist bei gleichzeitiger Einnahme psychotrop wirksamer Arzneimittel Zurückhaltung angezeigt.

Safran (Crocus sativus)

Für Safranextrakte deuten mehrere kleinere randomisierte Studien und Metaanalysen auf eine Besserung leichter bis mittelschwerer depressiver Symptome hin, in Einzelvergleichen auch auf eine mit synthetischen Antidepressiva vergleichbare Wirkung. Die untersuchten Tagesdosen lagen dabei meist zwischen 30 mg und 50 mg Safranextrakt über 6 bis 8 Wochen. Aufgrund der überwiegend kleinen Studienpopulationen, der heterogenen Methodik und des Fehlens einer aktuellen Cochrane-Bewertung lässt sich daraus derzeit keine generelle therapeutische Empfehlung ableiten. Bei gleichzeitiger Behandlung mit Antikoagulanzien oder Thrombozytenaggregationshemmern ist wegen möglicher additiver Effekte Vorsicht geboten, in der Schwangerschaft ist auf Safranpräparate zu verzichten.