v.l. Claudia Neumayer-Stickler, Juliane Bogner-Strauß, Corinna Milborn, Robab Breyer-Kohansal, Veronika Seebacher-Shariat, Andrea Brunner © Jana Madzigon Beim „Women’s Health Dialogue“ diskutierten Expertinnen aus Politik, Medizin und Gesundheitswesen über geschlechtsspezifische Unterschiede in der Medizin und Wege zu einer diskriminierungsfreien Versorgung.
Frauengesundheit geht weit über klassische frauenspezifische Erkrankungen hinaus. Sie beginnt bei Prävention und reicht über frühzeitige Diagnosen und zielgerichtete Therapien bis zu verständlicher Information und einem diskriminierungsfreien Zugang zur Versorgung. Dass Frauen und Männer bei Erkrankungsrisiken, Symptomen und Krankheitsverläufen unterschiedlich sind, wird in Forschung, Diagnostik und Behandlung nicht immer ausreichend berücksichtigt, betonte Tatiana Tousi, General Manager bei GSK Österreich.
„Wir Frauen haben das alle schon erlebt: Man wird nicht ernst genommen. Man erhält keine Diagnose. Man bekommt die falsche Diagnose. Man wird belächelt“, sagte Juliane Bogner-Strauß, Gesundheitssprecherin der ÖVP. Auch Claudia Neumayer-Stickler, Vorsitzende der Konferenz der Sozialversicherungsträger, forderte ein genaueres Hinsehen. Neben einer stärkeren Berücksichtigung geschlechtsspezifischer Unterschiede brauche es mehr Sensibilisierung – sowohl bei den Frauen selbst als auch bei Ärzt:innen.
Wie wichtig das ist, zeigt sich etwa bei Lungenerkrankungen wie COPD und Asthma, die bei Frauen häufig erst spät diagnostiziert werden. Robab Breyer-Kohansal, Leiterin der LEAD-Studie des Ludwig Boltzmann Instituts für Lungengesundheit, sieht eine wesentliche Versorgungslücke: „Uns fehlt die Früherkennung mittels einfachem Lungenfunktionstest bis heute.“ Während Buben im Rahmen der Stellung zumindest einmal eine Lungenfunktionsmessung erhalten, bleibe diese bei Mädchen aus. Frauen würden mitunter erst untersucht, wenn sie bereits schwer lungenkrank seien. Eine stärkere Verankerung der Lungenfunktionsmessung in der Vorsorge könnte helfen, Erkrankungen früher zu erkennen.
Auch bei HIV orteten die Expertinnen Handlungsbedarf. 2024 wurden in Österreich 454 HIV-Neudiagnosen registriert. 39 Prozent waren auf heterosexuelle Kontakte zurückzuführen, davon betrafen 52 Prozent der Diagnosen Frauen. Gerade bei ihnen erfolgten diese oft erst in einem späten Krankheitsstadium – nicht zuletzt, weil Frauen ein HIV-Test häufig erst empfohlen wird, wenn sie bereits erkrankt sind oder ihr Partner positiv getestet wurde.
Im Bereich der gynäkologischen Onkologie wurde diskutiert, wie Behandlungsstrukturen stärker an den Bedürfnissen der Patientinnen ausgerichtet werden können. Veronika Seebacher-Shariat, Oberärztin an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der MedUni Wien, sieht dafür drei zentrale Voraussetzungen: wohnortnahe Angebote für Prävention, Diagnose und Behandlung, spezialisierte Zentren für komplexe Erkrankungen sowie eine bessere Vernetzung der Versorgungsbereiche. Ergänzend müssten Frauen und geschlechtsspezifische Unterschiede in klinischen Studien angemessen berücksichtigt werden, damit die Forschungsergebnisse auch in der Versorgung ankommen. Der Dialog machte vor allem eines deutlich: Frauengesundheit muss als Querschnittsthema in Prävention, Forschung, Diagnostik, Therapie und Versorgungsplanung verankert werden. (tab)