„ Die Vorteile von guter, also qualitätsgeprüfter Gesundheitsinformation – sowohl für den einzelnen Menschen als auch für das Gesundheitssystem – liegen klar auf der Hand“, sagt Mag.a Dr.in Caroline Culen, Abteilungsleiterin des Kompetenzzentrums Gesundheitsförderung und Gesundheitssystem der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG), in der auch die Koordination der Österreichischen Plattform für Gesundheitskompetenz (ÖGPK) verortet ist. Und sie fügt hinzu: „Auf Basis von guter Gesundheitsinformation können Entscheidungen getroffen, Patientenwege verkürzt, Doppelbefunde verhindert und Unsicherheiten vermieden werden.“ Wichtig ist laut Culen auch, dass Menschen wissen, wo sie Informationen finden können, wenn sie Fragen haben. „Wir wissen aus vielen Gesprächen mit Ärztinnen und Ärzten, dass diese sich gesundheitskompetente Patientinnen und Patienten wünschen. Denn das spart Zeit und verbessert auch die Qualität des Arzt-Patienten-Gesprächs, da Informationen besser verstanden und dadurch aufgenommen werden. Dies kommt letztlich auch der Therapietreue zugute“, so Culen weiter.
„Mehr Wissen führt zu mehr Gesundheit“, bringt es Dr. Christian Maté, Arzt für Allgemeinmedizin und Medical Creative Director beim MedMedia Verlag, auf den Punkt: „Qualitätsgesicherte Gesundheitsinformation kann die Gesundheitskompetenz steigern, wodurch wiederum das Gesundheitsverhalten verbessert wird. Patientinnen und Patienten gehen besser vorbereitet zu Arztbesuchen, nutzen die Zeit dort gezielter und können nach dem Gespräch valide Informationen nachschlagen. Dadurch werden Vorsorge, Heilungsverlauf und Adhärenz unterstützt.“
Univ.-Prof.in Dr.in Anita Rieder, Vizerektorin für Lehre und Leiterin des Zentrums für Public Health an der MedUni Wien, unterstreicht, dass die Stärkung der Gesundheitskompetenz schon seit rund 25 Jahren DAS Thema in der Gesundheitsförderung sei, denn: „Mehr Gesundheitskompetenz bedeutet für den einzelnen Menschen mehr Gesundheit, mehr Lebensqualität, besseren Umgang mit chronischen Erkrankungen und weniger Gesundheitskrisen. Letztendlich also: mehr gesunde Jahre!“
Gerade nach einer Diagnose stehen viele Betroffene vor einer Informationsflut. Entscheidend ist aber nicht die Menge an Informationen, die sie dann erhalten, sondern: „Gesundheitsinformation ist nur dann wertvoll, wenn sie verlässlich ist“, betont ap. Prof. Priv.-Doz. DDr. Michael Wagner, Präsident der Österreichischen Plattform Patient:innensicherheit. Denn wer mit einer Diagnose konfrontiert ist oder über eine Behandlung entscheiden muss, brauche „keine Informationsflut, sondern Orientierung“. Qualitätsgeprüfte Information ermögliche es Menschen, Fragen zu stellen, Behandlungsschritte zu verstehen und aktiv mitzudenken. Für Wagner ist das ein Kern moderner medizinischer Versorgung: „Mündige, gut informierte Patientinnen und Patienten sind zentrale Partnerinnen bzw. Partner für den Behandlungserfolg. Wer seine Erkrankung versteht, hält Therapieempfehlungen besser ein, erkennt Komplikationen früher und kommuniziert mit dem Behandlungsteam auf einer anderen Ebene. Patient Empowerment beginnt mit dem Zugang zu valider Information!“
Auch die Österreichische Krebshilfe sieht in qualitätsgesicherten Gesundheitsinformationen einen wesentlichen Beitrag zu Sicherheit und Orientierung. Doris Kiefhaber und Martina Löwe, Geschäftsführerinnen der Österreichischen Krebshilfe, betonen, dass verständliche, evidenzbasierte, aktuelle und zielgruppengerechte Inhalte Patient:innen sowie Angehörigen helfen, Therapieoptionen besser zu verstehen, gezielter Fragen zu stellen und sich „auf Augenhöhe“ an medizinischen Entscheidungen zu beteiligen. Zugleich warnen sie vor Überforderung: „Mehr Information bedeutet nicht automatisch bessere Information. Inhalte sollten an die individuellen Bedürfnisse und die jeweilige Krankheitsphase angepasst sein, um Überforderung zu vermeiden.“ Hier brauche es aufgrund der begrenzten Zeit von Behandlungsteams ergänzende Angebote außerhalb der unmittelbaren medizinischen Versorgung, wie z.B. Institutionen wie die Österreichische Krebshilfe. „Diese ergänzen die medizinische Betreuung und stärken Betroffene dabei, ihre Erkrankung besser zu verstehen und informierte Entscheidungen zu treffen“, sind Kiefhaber und Löwe überzeugt.
Auf die Bedeutung weiterer Unterstützungsstrukturen verweist auch Angelika Widhalm, Präsidentin des Bundesverbandes Selbsthilfe Österreich (BVSHOE): „Selbsthilfe- und Patientenorganisationen begleiten Betroffene nicht nur bei der Bewältigung ihrer Erkrankung im Alltag, sondern bieten auch Orientierung auf dem oft komplexen Weg durch das Gesundheitssystem und unterstützen Patientinnen und Patienten sowie deren An- und Zugehörige in Bezug auf aktuelle, qualitätsgesicherte Gesundheitsinformationen.“ Daher sieht sie Selbsthilfe- und Patientenorganisationen als wertvolle Anlaufstellen für Patient:innen sowie deren An- und Zugehörige und zugleich als wichtige Partner:innen im Gesundheitssystem.
Doch die Auswirkungen guter Gesundheitskompetenz reichen über die einzelne Patientin und den einzelnen Patienten hinaus: Wer beispielsweise weiß, welche Medikamente er nimmt, warum er sie einnimmt und worauf er dabei achten sollte, ist besser vor vermeidbaren Fehlern geschützt. Wagner verweist diesbezüglich auf konkrete Effekte einer gesteigerten Gesundheitskompetenz: bessere Therapietreue, weniger Komplikationen und mehr Sicherheit im Umgang mit dem eigenen Körper und dem Gesundheitssystem. Für das System bedeutet mehr Gesundheitskompetenz daher gezieltere Versorgung und weniger unnötige Inanspruchnahme.
Maté sieht darin auch eine Ressourcenfrage: „Wenn Menschen verstehen, welche Untersuchungen sinnvoll sind und wann ärztliche Hilfe notwendig wird, profitieren alle Seiten. Durch wirklich gute Gesundheitsinformationen versteht ein Patient bzw. eine Patientin beispielsweise, welche Untersuchung tatsächlich Sinn macht – das spart den Ärztinnen und Ärzten Zeit, den Betroffenen unnötige Maßnahmen und dem System Geld.“
Rieder betont, dass eine Steigerung der Gesundheitskompetenz zu den zehn Gesundheitszielen gehört, die Österreich definiert hat und die zusammen in einer Erhöhung der gesunden Lebensjahre münden sollen: „Dafür brauchen wir eine Steigerung der Gesundheitskompetenz, und für diese brauchen wir wiederum qualitätsgeprüfte Gesundheitsinformation und Gesundheitskommunikation. Das bringt nicht nur der einzelnen Person etwas, sondern auch dem System. Denn gesundheitskompetente Menschen können das System besser nutzen, Drehtüreffekte und Krankenhausaufenthalte werden reduziert sowie Zufriedenheit und verfügbare Ressourcen verbessert.“
Dabei darf Information nicht als Abwälzen von Verantwortung missverstanden werden. Kiefhaber und Löwe halten fest: „Die Verantwortung für gute Versorgung, Aufklärung über Erkrankung, Therapie und Nebenwirkungen bleibt beim Gesundheitssystem und den Gesundheitsberufen. Ziel sollte vielmehr eine partnerschaftliche Versorgung sein, in der gut informierte Patientinnen und Patienten gemeinsam mit ihrem Behandlungsteam entscheiden. Davon können sowohl die Qualität und Effizienz der Versorgung als auch die Patientenzufriedenheit profitieren“, betonen sie.
Auch Widhalm stellt eine klare Gleichung auf: „Qualitätsgesicherte Gesundheitsinformation verbessert die Gesundheitskompetenz und kann in der Folge den Betroffenen mehr Gesundheit bringen sowie vorhandene Ressourcen im Gesundheitssystem gezielter dort einzusetzen, wo Patientinnen und Patienten sie benötigen. Denn gut informierte Menschen können valide Entscheidungen treffen und aktiv etwas für ihre Gesundheit tun.“ Auch die Kommunikation zwischen Patient:innen und Gesundheitspersonal würde ihrer Meinung nach dadurch verbessert werden, was u.a. zu mehr Vertrauen ins System führen würde. „Gerade auch in der kassenärztlichen Versorgung braucht es Rahmenbedingungen, die ausreichend Zeit für das Gespräch mit Betroffenen ermöglichen, damit Gesundheitsinformationen verständlich vermittelt, offene Fragen geklärt und Informationen so erklärt werden können, dass sie auch wirklich verstanden werden“, erläutert Widhalm.
Für Mag.a Christina Nageler, IGEPHA – The Austrian Consumer Health Care Association, ist Self Care ein Beispiel dafür, wie Gesundheitskompetenz praktisch wirksam wird. Wer etwa bei einer saisonalen Allergie seine Beschwerden kennt, verlässliche Informationen nutzt und ein geeignetes Produkt richtig anwendet, könne rasch und sicher handeln. Gleichzeitig müsse klar vermittelt werden, wann persönliche Beratung erforderlich ist. Dafür brauche es Informationskampagnen für die Bevölkerung, Bildungsprogramme in Schulen, geschulte Ansprechpersonen, leicht zugängliche Informationsangebote und digitale Plattformen, die verlässliches Gesundheitswissen verständlich vermitteln, so Nageler.