2026 – ein Jahr der Veränderungen

Für die Allgemeinmedizin bietet das Jahr 2026 trotz aller bevorstehenden Veränderungen positive Perspektiven. Und Veränderungen wird es viele geben – das ist unbestritten. Ich möchte auf einige entscheidende eingehen.

Erfreulich ist, dass die neue Ausbildung zum Facharzt bzw. zur Fachärztin für Allgemein- und Familienmedizin mit 1. Juni 2026 endlich startet. Die verpflichtenden 24 Monate Lehrpraxis, die schrittweise in den nächsten Jahren erreicht werden, markieren einen entscheidenden Schritt hin zu einer praxisnahen, qualitativ hochwertigen Weiterbildung. Die ÖGAM hat die theoretische Grundlage dieser neuen Ausbildung mit großem Engagement mitgestaltet. Die berufsspezifischen Vorgaben für die fachlichen Ziele wurden auch mitentwickelt. Es sollte nun die Basis für Entrustable Professional Activities (EPA) gelegt sein – jedoch noch nicht verpflichtend. Der Weg für ein kompetenzorientiertes Lernen wäre aufbereitet.

Ein weiterer positiver Ausblick betrifft den geplanten weiteren Ausbau der Primärversorgung. Dieser kann jedoch nur gelingen, wenn nicht ausschließlich Primärversorgungseinheiten (PVE) gefördert werden, sondern ebenso Gruppen- und Einzelpraxen, die einen hohen fachlichen Standard erfüllen. Um diese Qualität der Praxen sichtbar zu machen, hat die ÖGAM das ÖGAM-Praxissiegel entwickelt – ein Instrument, das Transparenz schafft und unsere Versorgungsqualität dokumentiert.

Auch die Weiterentwicklung der integrativen Versorgung bleibt für uns ein zentrales Anliegen. Ein Schlüsselthema des Jahres 2026 wird daher die Patientenlenkung sein. Für den Einstieg in die medizinische Versorgung, wie auch für chronisch Erkrankte, wurden Modelle entwickelt, die einen sinnvollen, effizienten und patientenorientierten Versorgungsweg ermöglichen. Ein Primärärztesystem, das Spezialist:innen und andere Gesundheitsdienstleister:innen strukturiert einbindet, ist aus unserer Sicht der richtige Weg. Nur so kann der zunehmenden Fragmentierung des Gesundheitssystems Einhalt geboten werden.

Damit einhergehend müssen die Kapazitäten in der Allgemeinmedizin durch mehr medizinisches Personal und durch Abbau von organisatorischen Belastungen erhöht werden. Zur Frage der (De)fragmentierung gehört auch die Diskussion rund um 1450, die derzeit medial präsent ist. Wir sehen die Vorteile für Menschen ohne hausärztliche Anbindung oder für Patient:innen außerhalb der Ordinationszeiten. Gleichzeitig muss klar sein: 1450 darf kein Ersatz für hausärztliche Versorgung sein, sondern eine ergänzende Struktur.

Und wie steht es um die Codierung – zählt sie zu den positiven Entwicklungen? Die Antwort lautet: Ja, aber. Die ÖGAM hat als Vorleistung ein SNOMED-CT-basiertes Codiertool entwickelt, das als Basis für das zentrale Codierservice dient. Entscheidend ist die Weiterentwicklung der ambulanten Diagnosecodierung in Richtung E-Diagnose und International Patient Summary. Nur so können wir schnittstellenfähige Daten schaffen, um den Befundaustausch zu erleichtern, ein Decision-Support-System einzuführen und umfassende, bisher nicht verfügbare Daten für die Forschung im Bereich der Allgemein- und Familienmedizin zu erhalten. Wir müssen gemeinsam darauf achten, dass die verpflichtende ambulante Diagnosecodierung nicht als Kontrollinstrument missbraucht wird, und wünschen uns eine begleitende Forschung und Evaluation bei der Einführung ab dem 1. 7. 2026.

Ein weiterer erfreulicher Schritt ist die Einführung des elektronischen Eltern-Kind-Passes mit 1. 10. 2026, in dem die allgemeinmedizinische Kompetenz klar und sichtbar verankert ist. Auch hier ist in die Entwicklung wichtige Expertise von Seiten der ÖGAM eingeflossen.
Die ÖGAM wird sich auch 2026 mit voller Kraft dafür einsetzen, dass sich die Allgemeinmedizin fachlich und wissenschaftlich weiterentwickelt – und dass sie den Stellenwert erhält, den sie aufgrund ihres breiten Anforderungsprofils haben muss. Dieses Engagement wäre ohne die vielen Kolleg:innen, die sich unentgeltlich und mit großem Einsatz einbringen, nicht möglich. Ihnen mein besonderer Dank. Ein Zeichen der Wertschätzung ist auch eine wachsende Zahl an Mitgliedern in den Landesorganisationen und direkt in der ÖGAM.