„Ältere Patienten zur Hörprüfung ermuntern“

Die HNO-Heilkunde widmet sich als breites medizinisches Gebiet banalen Infekten genauso wie komplexen neurootologischen Erkrankungen oder malignen Tumoren. Inwieweit verteilt sich hier die Patientenversorgung zwischen Kliniken und dem niedergelassenen Bereich?

Dietmar Thurnher: Ob in der Universitätsklinik in Wien, von der ich komme, oder jetzt in Graz: Der Patientenzustrom ist ungebrochen groß. Unsere Ambulanzen sind immer sehr voll, und auch bei den niedergelassenen HNO-Fachärzten gibt es, zumindest im Bereich von Ballungszentren, lange Wartezeiten. Das liegt in erster Linie daran, dass HNO-Erkrankungen sehr häufig vorkommen. So kann man etwa davon ausgehen, dass 30–50 Prozent der Patienten im Warteraum eines Allgemeinmediziners im weitesten Sinne eine HNO-assoziierte Problematik haben. Das reicht von Schluckproblemen, Hals- oder Ohrenschmerzen, Schnupfen bis hin zu Schwindel, Tinnitus et cetera. Während der Grippewelle geht es auch bei uns in der Klinik rund. Für viele Influenza-Patienten sind wir – meist aufgrund starker Halsschmerzen – Erstansprechpartner. Und da der Österreicher ein Impfmuffel ist – insbesondere was die Grippeimpfung betrifft –, wird sich daran so schnell auch nichts ändern. Wichtiger als mehr Ärzte ist aus meiner Sicht eine gute Infrastruktur in der Patientenversorgung.

Welche Rolle übernimmt der Allgemeinmediziner in der HNO-ärztlichen Primärversorgung?

Allgemeinmediziner und Pädiater haben gelernt, in den Mund und in die Ohren zu schauen. Das ist Teil ihres täglichen Business. Häufig vorkommende Erkrankungsbilder wie etwa Mandel- oder Mittelohrentzündungen können die Kollegen im niedergelassenen Bereich gut diagnostizieren und therapieren. Etwas Sorgen bereitet uns aber die neue Ärzteausbildungsverordnung …

Warum bereitet Ihnen die neue Ausbildung Sorge?

Weil in dieser das Fach HNO für die Ausbildung zum Allgemeinmediziner nicht mehr verpflichtend enthalten ist. Diese „Freiwilligkeit“ führt nicht nur zu einem Defizit an HNO-Kenntnissen, sondern signalisiert auch eine niedrige Priorität des Faches, die aus Sicht unserer Fachgesellschaft – und in Anbetracht der vorhin bereits beschriebenen Häufigkeit von HNO-Erkrankungen – nicht gegeben ist. Durch diese Änderung ist die Zahl der auszubildenden Allgemeinmediziner an unserer Abteilung bereits zurückgegangen. Wie sich das auf die Patientenversorgung auswirkt, bleibt abzuwarten.

Können die diagnostischen und therapeutischen Kompetenzen, die es für die HNO-Basisversorgung in der Allgemeinmedizin braucht, auch in einer Lehrordination erlernt werden?

Natürlich kann man HNO auch in der Lehrpraxis lernen – die meisten Methoden sind ja recht simpel. An den HNO-Fachabteilungen, vor allem der großen Kliniken, hat man jedoch den Vorteil, dass man in kurzer Zeit sehr viel sieht und lernt.

Allein durch den häufig notwendigen apparativen Aufwand sind der HNO-Diagnostik von neurootologischen Problemen in der Primärversorgung Grenzen gesetzt. Wie sehen Sie hier die Zusammenarbeit mit dem niedergelassenen Bereich?

Gerade Hörtestscreenings sowie Basisschwindeluntersuchungen, aber auch Laryngoskopien werden routinemäßig von den niedergelassenen HNO-Ärzten und auch von manchem Allgemeinmediziner durchgeführt und – wenn notwendig – an uns weiterverwiesen. Neurootologische Probleme wie Schwerhörigkeit, Schwindel oder Tinnitus sind extrem häufig geworden.

 

 

Wie steht es um die Versorgung der Schwerhörigkeit?

Wir leben in einer lauten Umgebung, die Schwerhörigkeit nimmt immer mehr zu, und es gibt – wenn auch sehr vage – Daten, die uns annehmen lassen, dass 70 Prozent der über 65-Jährigen mit Hörgeräten unterversorgt sind. Das ist deshalb besonders ungünstig, da ein eindeutiger Zusammenhang zwischen schlechtem Hören und der Verminderung der kognitiven Leistung besteht. Mein Appell an alle Kollegen lautet daher: „Bitte ermuntern Sie Ihre Patienten, eine Hörprüfung machen zu lassen!“ Neben den Hörstörungen nehmen auch die chronischen Sinusitiden und schlafbezogenen Störungen zu.

Worauf führen Sie den Anstieg chronischer Sinusitiden und schlafbezogener Störungen zurück?

Zum einen liegt das an unserem Klima: Bis zu 70 Prozent der Mitteleuropäer haben im weitesten Sinne eine Affektion der Nebenhöhlen. Am Mittelmeer kommen Sinusitiden hingegen wesentlich seltener vor. Zum anderen verstärken Allergien – unter denen etwa 25 Prozent der Bevölkerung leiden – die Nasennebenhöhlen-Problematik und umgekehrt. Hier braucht es HNO-ärztliches Instrumentarium für eine detaillierte Abklärung. Daher haben wir an unserer Klinik auch je eine Allergieambulanz und eine Nasennebenhöhlenambulanz eingerichtet. Die Zunahme der schlafbezogenen Störungen geht Hand in Hand mit dem Anstieg der Adipositasrate. Wichtig ist hier vor allem die Sensibilisierung auf diese Erkrankung, die wesentlich häufiger ist, als man früher angenommen hat. Schätzungen zufolge weisen bis zu 10 Prozent der Österreicher obstruktive Schlafapnoen oder Vorstufen davon auf.

Lässt sich eine schlafassoziierte Störung auch untertags erkennen?

Hinweise hierauf lassen sich relativ leicht mit Fragebögen oder durch simples Befragen sammeln. Liegt eine Tagesmüdigkeit vor? Kommt es zum Einschlafen untertags? Am einfachsten ist es, den Lebenspartner zu befragen, der nächtliche Atemaussetzer und das anschließende Hochschrecken wahrscheinlich schon beobachtet hat. An der Klinik kümmern wir uns in erster Linie um die obstruktiven Schlafapnoen, zu deren Therapie wir seit neuestem auch einen Zungenstimulator implantieren.

Ihr Schwerpunkt liegt im onkologischen Bereich. Was hat sich hier in den vergangenen Jahren verändert?

Die immunmodulierenden Antikörpertherapien sind auch bei den Kopf-Hals-Tumoren angekommen. Die Ergebnisse mit den PD-L1-Inhibitoren sind bei HNO-Tumoren jedoch nicht so bahnbrechend wie bei anderen Krebsformen. Allerdings sind wir hier erst am Beginn – hinsichtlich Immunmodulation wird noch viel auf uns zukommen. Eine neue Entwicklung ist auch, dass die Zahl der HPV-Infektionen global ansteigt. Bei einem österreichischen Patienten mit einem Karzinom des lymphatischen Rachenrings liegt die Wahrscheinlichkeit, dass dieses HPV-positiv ist, bei 50 Prozent. Vor einigen Jahren noch war diese Zahl viel geringer. Die Ursache für die Verbreitung von HPV ist in erster Linie auf das promiskuitive Verhalten der Bevölkerung zurückzuführen.

Was bedeutet das konkret für das Patienten-Outcome?

Zwar hat die HPV-Infektion prognostische Bedeutung für Karzinome des Waldeyer’schen Rachenrings, jedoch nicht für beispielsweise Mundhöhlen- oder Kehlkopfkarzinome. Ein HPV-positiver Tumor der Mandeln spricht auf jede Therapie – inklusive der chirurgischen Therapie – besser an als bei negativem HPV-Status. Das ist natürlich erfreulich; auf der anderen Seite muss man bedenken, dass das Karzinom ohne die HPV-Infektion vielleicht gar nicht entstanden wäre. Das humane Papillomvirus ist neben Rauchen und Alkohol mittlerweile zur dritten Risikonoxe für HNO-Tumoren geworden. Zwar steht mittlerweile eine Impfung gegen HPV zur Verfügung; die Durchimpfungsrate lässt jedoch auch hier zu wünschen übrig.

Im September fand der Österreichische HNO-Kongress in Salzburg statt. Welche Neuerungen wurden dort berichtet? Wo tut sich gerade besonders viel im Fach?

Erwähnenswerte Fortschritte gibt es im Bereich der Ohrimplantate zu berichten: jedoch weniger die Hörtechnik, sondern mehr das Verbraucherumfeld betreffend. So wurden beispielsweise Apps entwickelt, die Musik direkt in das Cochleaimplantat einspielen können. Auch nicht ganz neu, aber mit stetigen Fortschritten ist die Roboterchirurgie zu nennen. Bisher hatten wir das Problem, dass die Roboterarme viel zu dick für die feinen Eingriffe in der HNO-Chirurgie sind. Und hier ist gerade einiges in Entwicklung. Die Roboterchirurgie kommt am häufigsten – wenn auch noch selten in Österreich – bei Mandeloperation zum Einsatz. Neue Antikörpertherapien sind nicht nur in der Onkologie, sondern auch bei den Allergien und den chronischen Sinusitiden im Vormarsch. Ansonsten tut sich im Bereich der medikamentösen Therapie nicht viel. Die HNO kommt grundsätzlich mit einer überschaubaren Anzahl von Medikamenten aus.

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Dietmar Thurnher
AutorIn: Dr. Isabella Bartmann

AEK 22|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-11-15