Ärztemangel: das komplexe Spiel der Bundesländer

Die Gesundheitsausgaben – und hier vor allem jene für Spitäler – werden für die Bundesländer zunehmend zur Belastung. Als Spitalsträger müssen die Länder für die Kosten im stationären Bereich aufkommen. Die Krankenkassen zahlen einen gedeckelten Pauschalbetrag in Prozent ihrer Einnahmen. Steigen also die Kasseneinnahmen, steigt die Kassenzuzahlung für die Spitäler – und umgekehrt.
Genau hier liegt eines der Probleme: Die Zusammenlegung der GKK zur ÖGK soll eine Milliarde einsparen, und die ÖVP will damit auch die Lohnnebenkosten senken.
Das ginge aber zu Lasten der Spitäler. Gleichzeitig steigen dort vor allem die Ausgaben für teure und innovative Medikamente. Es wundert also nicht, dass es Stimmen in den Ländern gibt, die eine Auslagerung teurer Krebstherapien in den niedergelassenen Bereich wünschen. Argumentiert wird das mit „Patientennähe“.
Nebeneffekt: Das müssten dann die Kassen voll bezahlen. Das dritte Problem: Auch die Spitäler kämpfen mit Lieferengpässen bei Medikamenten. Das zeigt ein aktueller Prüfbericht des Rechnungshofes am Beispiel Salzburg und Tirol. Die Spitalsapotheken meldeten Engpässe bei Immunglobulinen, Antibiotika, Zytostatika und Impfstoffen sowie anderen Indikationsgruppen. Zur Bewältigung der Engpässe mussten die Apotheken teilweise Arzneimittel um ein Vielfaches des ursprünglich bezahlten Preises außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraumes einkaufen.

Ausbildungsplätze fehlen

Dazu kommt, dass die neunmonatige Basisausbildung im Medizinerstudium an Kliniken (Common Trunk) für die Länder sehr aufwändig ist. Schon jetzt schaffen es die Länder nicht, genug Ausbildungsplätze im Common Trunk bereitzustellen, sagen Beobachter. Ärztekammervizepräsident Harald Mayer zog zuletzt anlässlich einer Ausbildungsstudie den Schluss, dass man es derzeit in den Ländern gerade schaffe, das Ausbildungsniveau stabil zu halten. „Wir müssen uns mehr um die jungen Kollegen kümmern.“ Das brauche mehr personelle und zeitliche Ressourcen. „Wir brauchen Zeit, Zeit, Zeit“, formulierte Mayer den Wunsch an die Spitalsträger. Doch die Länder stehen auf der Sparbremse und versuchen gerade ihre Spitalskapazitäten zu reduzieren. Jüngste Beispiele: Oberösterreich und die Steiermark. In Oberösterreich sollen bis zu 500 Betten in den Kliniken abgebaut und andere umgeschichtet werden. In der Obersteiermark sollen drei Kliniken zu einer zusammengelegt werden. Stattdessen soll es Primärversorgungseinheiten und neue Hausärzte-Diensträder für Wochenenden geben; für beides fehlen aber die Ärzte.

Bund soll zahlen

Die Antwort der Länder auf die Probleme kam nun aus Niederösterreich via Landeshauptleutekonferenz, wo die Niederösterreicher turnusmäßig den Vorsitz haben: Man fordert eine deutliche Erhöhung der Studienplätze. Derzeit gebe es an den Medizinuniversitäten 1.680 Studienplätze für angehende Ärzte. Abzüglich der 25 %, die für Studierende aus dem Ausland vorgesehen sind, würden damit nur 1.260 Studienplätze für Ärzte verbleiben, die auch in Österreich praktizieren werden, rechnete Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner (ÖVP) vor. Mit der Erhöhung der Plätze verbunden sollte auch eine fundierte Ausstattung der Medizinuniversitäten sein, „um die Qualität der Ausbildung erhalten zu können“. Darüber hinaus müsse es auch weitere Anreize zur Attraktivierung geben, etwa in Form eines Stipendiensystems oder der Schaffung eines Facharztes für Allgemeinmedizin. Zahlen sollen das der Bund via Wissenschaftsministerium und die Krankenversicherungen über entsprechende Honorarerhöhungen.

Ärztekammer bremst

Widerstand kommt aus den Ärztekammern und von den Universitäten. Für den Steirische-Ärztekammer-Präsidenten und Vizepräsidenten der ÖÄK Dr. Herwig Lindner ist der Wunsch der Ländern nur sinnvoll, wenn gleichzeitig auch die Zahl der ärztlichen Ausbildungsplätze in den Krankenhäusern und die Lehrpraxisförderung erhöht wird. „Absolventen von Medizinuniversitäten können keine Kassenstellen übernehmen, das können nur fertig ausgebildete Ärzte“, sagt Linder. Hier hätten die Bundesländer, die in Österreich die größten Träger der öffentlichen Spitäler seien, die Möglichkeit, „selbst etwas gegen den Kassenärztemangel zu tun“.

 

„Absolventen von Medizinuniversitäten können keine Kassenstellen übernehmen, das können nur fertig ausgebildete Ärzte.“

Dr. Herwig Linder
Präsident ÄK-Steiermark, Vizepräsident ÖÄK

© ÖÄK/Christian Leopold

 

Bessere Rahmenbedingungen

Univ.-Prof. Dr. Thomas Szekeres, Präsident der Österreichischen Ärztekammer, wird noch deutlicher: Mehr Geld für die Universitäten sei richtig und notwendig; die Erhöhung der Ausbildungszahlen sei hingegen „unlogisch, unnötig und kontraproduktiv“. Szekeres: „Es ist nicht gut, wenn Politik von Populismus und Halbwissen getrieben wird.“ Österreich habe genügend Medizinabsolventen, aber zu wenige Studierende, die sich für den Beruf des Allgemeinmediziners entscheiden. „Das Problem ist, dass vier von zehn Absolventen entweder ins Ausland gehen oder einen anderen Beruf ergreifen.“ Beides habe nichts mit der Anzahl der Studienplätze zu tun, sondern damit, dass das österreichische Gesundheits- und Krankenhaussystem zu wenig attraktiv ist. „Und dass es überhaupt nicht attraktiv für junge Menschen ist, am Land zu arbeiten, wo die Infrastruktur suboptimal ist, ebenso wie die Bildungsstruktur. Und wo es schwierig ist, beispielsweise für den Partner eine adäquate Arbeit zu finden.“ Die Allgemeinmediziner würden zudem lächerlich geringe Honorare verdienen, „die Erstberatung und die Zeit der direkten Zuwendung zum Patienten werden fast gar nicht bezahlt“. Was man wirklich dringend brauche, seien mehr Ressourcen und mehr Geld für die Universitäten und Universitätskliniken, fordert Szekeres.

Vorarlberg baut aus

Wie Lösungen aussehen könnten, zeigt etwa Vorarlberg, das im neuen schwarz-grünen Regierungsprogramm dem Thema Gesundheit gleich 12 Seiten widmet. Neben dem Ziel, gesundheitsfördernde Rahmenbedingungen für die Menschen zu schaffen und Präventionsangebote auszubauen, will man ambulante Strukturen „zugunsten von stationären Kapazitäten“ ausbauen. Dazu „muss die interdisziplinäre und multiprofessionelle Zusammenarbeit forciert und die Attraktivität der Arbeit in Gesundheits- und Sozialberufen in unterschiedlichen Anbieterstrukturen gesteigert werden, um ausreichend neue Berufsinteressierte zu bekommen und Berufstätige in diesen Berufen zu halten“, heißt es im Regierungsprogramm. Das Land will dazu Ausbildungskapazitäten in den Spitälern erhöhen und Lehrpraxen verstärkt fördern sowie mitfinanzieren. Weiters will man Bereitschaftsdienste mitfinanzieren. Einen stärkeren Beitrag der Länder fordert auch ÖGK-Generaldirektor Mag. Bernhard Wurzer im Ärzte Krone-Interview, der auch Vertragsarztstellen „attraktiv gestalten“ will (siehe oben).

 

ÖGK-Chef Wurzer sieht Universitätsausbau skeptisch

Die Bundesländer fordern eine Erhöhung der Studienplätze für Ärzte. Medizinuniversitäten und auch der Ärztenachwuchs lehnen das ab. Wie sieht das die ÖGK?
Bernhard Wurzer: Klar ist, dass bei einer Erhöhung der Studienplätze auch mehr Ausbildungsstellen in den Krankenhäusern notwendig sind, sonst verschiebt sich der Flaschenhals. Unser Hauptaugenmerk legen wir darauf, die Vertragsstellen attraktiv zu gestalten und neue Versorgungsformen zu schaffen, sodass in allen Regionen Österreichs die Versorgung gewährleistet ist.

Allgemeinmediziner wollen mehr Geld – ist das für die ÖGK denkbar?
Es gibt jeden Euro nur ein Mal. Jede Erhöhung geht zu Lasten der Versicherten und nimmt Spielraum für neue Leistungen und für die Leistungsharmonisierung.
Die Ärztekammer und die Bundeswettbewerbsbehörde fordern eine Lockerung der Regelungen für Hausapotheken. Das würde Arztpraxen am Land attraktiver machen, so das Argument.Wurzer: Es gibt eine bestehende Regelung, die einen gelungenen Kompromiss zwischen Ärztekammer und Apothekerkammer darstellt.

© Foto Wilke
AutorIn: Martin Rümmele

AEK 22|2019

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2019-11-15