Corona und die Folgen: Beurteilung und Aufarbeitung

Der Umgangston wird wieder rauer, und das nicht nur unter Politikern und in der politischen Berichterstattung, sondern auch im Gesundheitssystem und in den gesundheitspolitischen Kommentaren.

Kaum ein Tag vergeht, an dem uns nicht in der tagespolitischen Berichterstattung, zum Teil aber auch von Experten des Gesundheitssystems Kritik, wenn nicht Häme präsentiert wird, welche die Maßnahmen als überzogen darstellen und Aussagen von Gesundheitspolitikern, etwa zur Sinnhaftigkeit von Isolationsmaßnahmen und Maskenpflicht, mit deren Aussagen von vor 3 Monaten abgleichen und auf Diskrepanzen hinweisen. – Ja, doch nachher ist man immer klüger als zuvor.

Zumindest aus wissenschaftlicher Sicht müsste jedoch auch allen Kritikern bewusst sein, dass Wissenschaft im Fluss ist. Das, was vor 2 Monaten auf Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse von damals entschieden wurde, ist auch aus dem Blickwinkel des damaligen Wissensstandes zu beurteilen. Natürlich werden manche Entscheidungen im Nachhinein im Lichte neuer Erkenntnisse anders betrachtet werden müssen. Auch das Robert-Koch-Institut hat seine Bewertung etwa der Schutzwirkung von Masken revidiert.

Oft wird die fehlende Transparenz in den Auswahlkriterien für die Bestellung von Experten zu Beratern kritisiert – oft im selben Atemzug oder im selben Text wie andere Experten, ebenfalls beliebig, zitiert werden …

Bei aller nachvollziehbaren Kritik an möglicherweise nicht transparenten Entscheidungen der Gesundheitspolitik sollte nicht außer Acht gelassen werden, was diesem Land und diesem Gesundheitssystem gelungen ist. Mögen wir auch Glück gehabt haben, dass Italien vor uns betroffen war und man auf dort gewonnene Erkenntnisse aufbauen konnte. Aber es war der frühen Bewertung heimischer Experten und auch der Politik, die jenen folgte, zu verdanken, dass mit Heimisolation und allen anderen gewählten Maßnahmen eine Eskalation wie in Italien verhindert werden konnte. Man lerne mit jedem Patienten dazu, sagte vor kurzem der Infektiologe Christoph Wenisch im Interview mit der Ärzte Krone. Haben die Italiener Erkrankte gleich hospitalisiert und letztlich bei schweren Verläufen früh im Krankheitsgeschehen intubiert, geht man bei uns einen anderen Weg und behandelt auch schwerer erkrankte Patienten möglichst lange mit High-Flow-Sauerstoff auf Normalpflegestationen – mit gutem Erfolg – et cetera, et cetera.

Dass vieles so glimpflich ablief, ist aber zu einem guten Teil auch den funktionierenden Strukturen unseres Gesundheitssystems und einer ausgereiften Primärversorgung zu verdanken. Heimisolierung kann nur dort funktionieren, wo auch Primärversorgungsstrukturen dafür funktionieren. Und dazu kommt der großartige Einsatz der im Primärversorgungsbereich Tätigen, allen voran Allgemeinmediziner und Apotheker, aber auch soziale Dienste, die ja im Schatten der großen Berichterstattung über Krisen-Management-Pfade die Primärversorgung – auch für alle Nicht-COVID-Betroffenen – aufrechterhalten und damit auch einen entscheidenden Anteil daran haben, dass uns ein Kollaps des Gesundheitssystems erspart blieb.

Und last, not least sind Stakeholder plötzlich ganz schnell über ihren Schatten gesprungen. Wäre schade, wenn sie jetzt in der Aufarbeitung von alten Schatten wieder eingeholt würden.
Eine Pandemie und eine Bedrohung in diesem Ausmaß hat noch niemand von uns erlebt. Zumindest das sollten wir bei der Beurteilung von Entscheidungen und in der Aufarbeitung anerkennen.

AutorIn: Susanne Hinger

Redaktionelle Leitung, Ärzte Krone


AEK 09|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-05-01