COVID und die Herausforderungen an die Psyche – Hilfreiches und Nützliches für den Praxisalltag

Fallen bei Angstsymptomen

Die Familientherapeutin Andrea Ebbecke-Nohlen weist darauf hin, dass Symptome wie Angst oder Bedrücktheit eine erhebliche beziehungsgestaltende Wirkung auf das Arzt/Ärztin-Patient*innengespräch haben. Von Patient*innen werden oft implizite Einladungen ausgesprochen und ärztlicherseits auch angenommen, wie z. B.

  • Ich kann nicht mehr – hilf mir, aber es lässt sich nicht ändern!
  • Ich weiß nicht weiter, sag Du es mir!
  • Ich bin unsicher – gib mir Sicherheit!

Die unüberlegte Annahme solcher Einladungen stellt in der Regel eine Falle dar, die durch wohlgemeintes und geübtes helfendes Handeln zur Aufrechterhaltung des Symptoms führen kann, wie z. B.:

  • Auf die Expert*innenseite zu gehen und Ängste als Defizite anzusehen und wegmachen zu wollen, oder
  • Ziele und Wege vorzugeben, dies erzeugt meistens ein „Ja, aber“-Muster oder neue Ängste,
  • Hilfsangebote zu machen, die nicht zur Stimmung /zum Lebensalter/zur Lebenssituation passen oder zu viel Hilfe anzubieten.

Ideen für den Praxisalltag

  • Das Tempo der Patient*innen will beachtet sein, denn Angst und Sorge wirken als Motor oder Bremser im Gehirn. Zudem erweisen sich vorschnelle Antworten oft auch als Sackgassen und kosten im Nachhinein Zeit. Im Nebel der Unsicherheit ist es klug, auf Sicht zu fahren.
  • Feste Termine der regelmäßigen Wiederbestellung können Patient*innen Sicherheit geben, helfen dabei, den Kontakt zu begrenzen, und verweisen auf die Abfolge „Schritt für Schritt“.
  • Prioritätensetzung, zum Beispiel: „Was war Ihnen heute am wichtigsten?“
  • Ressourcensuche, wie zum Beispiel: „Was ist Ihr Lebensmotto für schwierige Zeiten?“
  • Wissen um eigene ärztliche Ängste,
    – nicht schnell genug das Wesentliche zu erkennen
    – eine unzutreffende Diagnose zu stellen
    – unausgesprochene Erwartungen nicht zu erfüllen
    – sich rat- oder hilflos zu fühlen etc.

Tauschbörse an Ideen

Ein Fokus beim Zuhören kann sein: Auf unbeachtete Teilsätze zu achten, ob Patient*innen erzählen, was ihnen auch gelingt, was großartig, selbstverständlich über die Zeit geholfen hat. Es kann hilfreich sein, Patient*innen dann auch rückzumelden, was man beeindruckend findet und zu fragen, ob man die Idee vervielfältigen dürfe.

  • Zum Beispiel die Großmutter, die 3-mal in der Woche über Zoom von 11 Uhr bis 11 Uhr 30 Geschichten vorliest.
  • Die Idee einer Großmutter, allen Familienmitgliedern einen Fragebogen zuzuschicken, u. a. „Was beschäftigt mich zu Corona am meisten? Was hat mir am meisten gefehlt? Was habe ich für andere getan, um ihnen in dieser schwierigen Zeit zu helfen? Welche Tipps habe ich, um auch in Coronazeiten glücklich zu sein? Was werde ich als Erstes tun, wenn es wieder möglich ist?“, um aus den Rückmeldungen dann mit Fotos der Familienmitglieder ein Familien-Fotobuch zusammenzustellen mit dem Titel „Familienbuch 2020“, wodurch das Gefühl der Verbundenheit der Familie in Krisenzeiten entsteht.
  • Das handgeschriebene Rezeptbuch der Oma in ein Schulheft mit Basisrezepten für die studierenden Enkelkinder.
  • Ein Notfallpäckchen für Volksschulkinder – sollten sie positiv getestet werden (für die Überbrückungszeit, bis die Mutter kommt).

Gelegenheiten im Praxisalltag nützen

  • Bei den Mutter-Kind-Pass-Untersuchungen können wir Ärzt*innen nicht nur die Entwicklung des Kindes rückmelden, sondern auch fragen, was das Kind, durch die Umstände angeregt, für besondere Fähigkeiten entwickelt hat.
  • Den Eltern rückmelden, wie wichtig es ist, mit welcher Haltung sie den Kindern ein Modell sind, wie man mit gefährdenden Situationen umgeht, statt diese zu bedauern, wie arm sie sind.
  • Eltern zu fragen: „Was werden Ihre Kinder einmal sagen, welche Familienerlebnisse in der Coronazeit die schönsten waren?“ Eine Mutter meinte verwundert: „Das hat mir noch niemand gesagt, dass das toll ist, was ich mir ausdenke, für mich ist das selbstverständlich.“
  • Auch Vorsorgeuntersuchungen sind Anlass, nach nützlichen persönlichen Ressourcen zu fragen, die sich bewährt haben. „Welche Angewohnheit habe ich mir in der Zeit an-/abgewöhnt?“
  • Und schließlich die Gelegenheit in Patient*innenkontakten zu nützen, wo in Erzählungen durch eine humorvolle Antwort auch Leichtigkeit und gemeinsames Lachen möglich sein könnte.

Medikation

Meist ist bei Symptomen der Angst schon eine Selbsttherapie vorausgegangen, auch die Anzahl der in den Apotheken verkauften pflanzlichen Medikamente unterstreicht dies. Die Frage „Was haben Sie schon versucht, was hat Ihnen geholfen?“ weist auf die Möglichkeit der Selbstwirksamkeit hin. Es bewährt sich, nach Vorüberlegungen zu einer medikamentösen Unterstützung zu fragen: „Haben Sie auch an ein Medikament zur Unterstützung gedacht?“ Die Antwort zeigt, welche Lösungswege Patient*innen bereits vorgewählt haben. Die Folgefragen könnten dann sein: „Wie soll es denn im besten Fall wirken? Was soll dadurch möglich werden?“ Häufig antworten Patient*innen zuerst nochmals mit Befürchtetem oder damit, was nicht sein soll. Wenn sie hier dann hausärztliche, freundliche Beharrlichkeit erleben, dass das ausgesprochene Erwünschte interessiert, kann dies ein erster Schritt in ein hoffnungsvolles Lösungsbild sein.

Damit Patient*innen nicht nur etwas über Befunde, Wirkung und Nebenwirkung von Medikamenten, wie z. B. selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI), kennenlernen, sondern auch etwas über sich selbst erfahren, sind begleitende Fragen, was stattdessen kommen soll, für Patient*innen anregend:

  • Woran würden Sie eine Besserung erkennen? Was würde Ihnen ein tolerierbares Ausmaß von Angst ermöglichen?
  • Was soll bleiben, wie es ist?
  • Wer würde eine Veränderung Ihres Angstausmaßes merken und woran? Was bleibt neben dem Unabänderlichen gestaltbar?
  • Welches Lebensmotto hat sich bislang bewährt, um mit langem Atem durchzuhalten?

 

 

Zusammenfassend

  • Mitgefühl und Empathie zeigen durch Fragen neue Möglichkeiten eröffnen
  • durch Wiederbestellung Begleitung signalisieren
  • ein Tempo der kleinen Schritte wählen
  • das Bild eines Marathons bei km 32 aufnehmen.

Es gibt nicht nur Gegenwind, sondern voran auch hügeliges Gelände, das erfordert, das Tempo anzupassen, Labe-Stationen zu erkennen und nicht daran vorbeizueilen, um Mitläufer zu wissen und manchmal auch im Windschatten mitzulaufen, und es gibt mit km 42,195 verlässlich ein Ziel. Es ist normal, dass es derzeit anstrengend ist und die Belohnung wäre: „Was möchten Sie sich nach dem Zieleinlauf gönnen?“ (um Vorfreude zu wecken).

Schlusssatz für uns Hausärzt*innen

Eine Pandemie ist ein Jahrhundertereignis. Ich persönlich habe mich entschlossen, es so zu sehen: Im Rahmen meiner ärztlichen Tätigkeit erlebe ich sogar eine Pandemie, mit all den besonderen ärztlichen Herausforderungen.

Ich freue mich, wenn wir einmal erzählen können: „In meiner Zeit der ärztlichen Tätigkeit haben wir sogar eine Pandemie erlebt.“


Literatur bei der Verfasserin

AutorIn: Dr. Barbara Hasiba

Ärztin für Allgemeinmedizin, Birkfeld syst. Psychotherapeutin, (zert. f. Säuglings-, Kinder- und Jugendpsychotherapie), Lehrtherapeutin (ÖÄK), PSY3-Lehrgangsleiterin (WGPM), Balintgruppenleiterin, Lehrbeauftragte an der MedUni Graz, Präsidentin der ÖGPAM
© Christian Jungwirth


AEK 07|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-04-09