„Das ganz Neue macht Sorgen und verängstigt“

Kann man auf Erfahrungswerte zurückgreifen, wie belastend Ausgangsbeschränkungen und Isolation für die Psyche sind?

Christian Simhandl: Mit riesigen Gruppen gibt es dazu in Europa keine Erfahrungen. Einschränkungen dieser Art gab es das letzte Mal im Zweiten Weltkrieg, allerdings war damals das Nahrungsangebot knapp und großteils nicht ausreichend. Wir wissen jedenfalls aus Studien von anderen Ländern, dass Isolation auf längere Sicht eine Belastung darstellt, die jedoch unterschiedlich wahrgenommen wird.

Welche Unterschiede lassen sich beim individuellen Umgang mit der Situation feststellen?

Menschen, die bereits zuvor wegen Angststörungen in Behandlung waren, berichten, sie seien gut gerüstet, denn sie hätten bereits Werkzeuge entwickelt, sich mit Angst auseinanderzusetzen und damit umzugehen. Bei manchen Menschen mit bestehenden psychischen Erkrankungen werden diese aktualisiert und stärker. Andererseits erlebe ich stabile Personen, die durch die permanenten Hiobsbotschaften sehr beunruhigt sind. Diese Menschen entwickeln Angststörungen oder depressive Verstimmungen zum Teil neu.

Wie erleben diese Menschen die aktuelle Krise?

Wenn man beispielsweise aus einer kleinen Ortschaft nicht mehr hinaus darf, wenn man unterwegs von der Polizei angehalten und gefragt wird, wohin man möchte, dann ist das eine völlig neue Situation, etwas, das man hierzulande einfach nicht kennt. Natürlich denken viele Menschen dann: „Was ist das denn nur für eine Zeit? Das habe ich noch nie erlebt!“ Wir haben es hier also mit einer großen und auch nachvollziehbaren Verunsicherung zu tun.

Welchen Umgang mit Medien raten Sie?

Der Umgang mit Medien sollte maßvoll sein und wird idealerweise auch in der Familie abgesprochen. Wann hört man sich gemeinsam Nachrichten an? Wie werden die Maßnahmen in der Familie umgesetzt? Diese Themen werden am besten auch mit Kindern und Jugendlichen im Haushalt gemeinsam besprochen. Es ist aus psychologischer Sicht ganz wichtig, einen Modus zu finden, um sich auf die neue Situation einzustellen. Ich erfahre allerdings, dass manche Patienten es nicht schaffen, einfach einmal abzuschalten und eine Nachrichtenpause einzulegen, andere schauen und hören gar nicht mehr hin – das ist in dieser ernsten Situation auch nicht gut.

Wie kommen die Appelle, keine Panik zu haben, bei den Menschen an?

Die Botschaft mag gut gemeint sein und die Statements, die wir hören, sind ja durchaus ausgewogen, aber man hat eines nicht bedacht: Je öfter ich sage „Habt keine Panik“, desto unruhiger werden die Menschen. Es ist wie beim berühmten Beispiel des lila Elefanten:
Wenn ich Ihnen sage, denken Sie nicht an lila Elefanten, werden Sie genau daran denken. Auf diese Weise sind dann vielleicht auch die irrationalen Panikkäufe entstanden.

Sie haben bereits mehrfach erwähnt, dass das völlig Neue an der Situation das große Problem ist. Liegt das an der Isolation, an der Angst vor dem Virus, an den unsicheren Zukunftsaussichten? Was genau macht uns so unruhig?

Es ist eine Mischung aus vielen Aspekten. Wir sind es gewohnt, bei Problemen entweder Dinge zu kaufen, uns beraten zu lassen oder Tabletten zu nehmen. Damit sind wir gut gefahren. Jetzt allerdings ist etwas auf uns zugekommen, von dem wir nichts wissen und zu dem wir keine Erfahrungswerte haben. Das macht uns zu schaffen. Natürlich spielt die Isolation in der Familie eine große Rolle, die Angst vor dem Arbeitsplatzverlust – manche haben ihren Job bereits verloren, andere sind auf Kurzarbeit und haben eine unsichere Perspektive. Bei einigen Gruppen kommt es derzeit auch zu einer starken Überlastung am Arbeitsplatz. Außerdem ist für alle Familien neu, dass die Kinder den ganzen Tag über zu Hause versorgt und beschult werden müssen. Die Frage ist daher auch: Wie schafft man es nun, den Kindern in Ruhe etwas beizubringen? Insgesamt müssen wir uns also einen Modus, mit der Gesamtsituation umzugehen, wirklich erst erarbeiten. Wir müssen lernen, ständig miteinander auf möglicherweise kleinem Raum beisammen zu sein, mit all den Anspannungen und Unsicherheiten. Die Wahrscheinlichkeit, dass Aggressionen auftreten, wächst, je länger der Zustand anhält. Das sollte von Anfang an berücksichtigt werden.

Welche Werkzeuge könnten dabei helfen?

Was wir brauchen, ist eine aktive Auseinandersetzung. Keinesfalls darf man in die passive Opferrolle fallen. Das bedeutet, man sollte trotzdem weiter im Rahmen der Möglichkeiten Sport machen, Entspannungstechniken in den Alltag integrieren und sich Fragen stellen wie: Wen wollte ich schon lange einmal anrufen? Welches Buch wollte ich schon die ganze Zeit lesen? Was wollte ich zu Hause eigentlich schon lange einmal machen? Für soziale Kontakte kann zum Beispiel auch Skype oder Ähnliches genutzt werden. Kulturelle Veranstaltungen kann man sich via Youtube oder entsprechende Kanäle ins Wohnzimmer holen. Allerdings gibt es kein Muster, das für alle passt. Prinzipiell sind aber die aktive Herangehensweise und der konstruktive Umgang das Modell, mit dem man die Situation gut bewältigen kann. Das gilt besonders für all jene, die allein wohnen.

Etwas salopp gefragt: Könnten wir leichter mit der Krise umgehen, wenn wir wüssten, ab Tag X ist alles wieder normal?

Das ist ein Trugschluss, denn wir sind nicht in der Situation, Bedingungen zu stellen. Es ist außerdem aus psychologischer Sicht sinnvoll, die Bevölkerung auf Lockerungen systematisch vorzubereiten. Denn angenommen, die Einschränkungen werden wieder gelockert, dann müssten wir uns erneut umstellen und versuchen, das Beste herauszuholen. Und dabei wird es wieder um die ganz grundsätzliche Frage gehen: Wie gestalte ich mein Leben? Gestalte ich es selbst oder bestimmen andere Menschen darüber? Fremdbestimmung erhöht die Anspannung und den Stresslevel. Wir sind somit zu jeder Zeit aufgerufen, Lebendigkeit in unser Leben und unseren Alltag zu bringen.

Für viele Menschen sind derzeit Schlafstörungen ein Thema. Empfehlen Sie hier sofortige Maßnahmen, oder sollte man abwarten, ob eine Gewöhnung an die neue Situation eintritt?

Nein, an Schlafprobleme sollte man sich nie gewöhnen, sonst ist man nach spätestens zwei Wochen k. o. Wer zwei bis drei Nächte schlecht geschlafen hat oder Einschlafprobleme hat, sollte reagieren. Als erste Maßnahme sind Entspannungsübungen ganz wichtig. Im Internet gibt es dazu eine reichliche Auswahl: Achtsamkeitstraining, Muskelentspannung nach Jacobson, Mindful Breathing und das gute alte autogene Training sind auch hilfreich. Das gilt besonders für Menschen, die sich bisher nicht mit solchen Techniken auseinandergesetzt haben. Jetzt ist die Zeit, solche neuen Wege zu beschreiten. Natürlich kann man sich auch über die Einnahme von Präparaten Hilfe holen, zum Beispiel in Form von Pflanzen wie Baldrian, Hopfen oder durch Mischpräparate. Es ist aber auch wichtig, die neu erlernten Techniken nach der Krise fortzuführen, also gleichsam als neue positive Gewohnheit zu integrieren.

Es droht eine Rezession, die Arbeitslosigkeit wird weiter steigen. Kommt da auf unsere Psyche noch enorm viel an Sorgen und Ängsten zu?

Was uns sicher zu schaffen macht, ist die Ungewissheit, aber die Sorgen und Ängste haben die Menschen jetzt bereits. Entweder sind sie schon betroffen oder es ist ihnen bewusst, dass schwierige Zeiten auf sie zukommen. Andererseits wird es auch neue Möglichkeiten geben, etwa am Arbeitsmarkt, wo Neues erschlossen und entwickelt werden wird. Wir sind somit aufgerufen, neue Wege zu gehen, neu zu denken. Darin besteht die Chance dieser Krise. Diese Sprüche will zwar momentan niemand täglich hören, aber sie stimmen.

Vorausgesetzt wir bleiben körperlich gesund – wie wird es uns nach dem Abklingen der Pandemie miteinander gehen, wird ein gewisses Misstrauen bleiben?

Ja, viele Menschen werden ängstlich bleiben. Man wird sich zum Beispiel fragen, wer ist die Person, die neben mir in der Bahn sitzt, könnte sie Träger des Virus sein? Diese Sorge wird uns länger erhalten bleiben. Aber auch hier gilt wieder: Jene, die das Thema aktiv angehen, werden ihr Lebensgefühl zurückerobern. Für melancholische und zur Zwanghaftigkeit veranlagte Menschen wird dieser Prozess hingegen sicher schwieriger.

Interview mit: Univ.-Prof. Dr. Christian Simhandl

Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Arzt für Psychotherapie, Psychotherapeut, Lehrstuhl für Psychiatrie an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, Fakultät für Medizin


Das Interview führte Mag. Martin Schiller

AEK 08|2020

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2020-04-17