Die Rolle der gastrointestinalen Verdauung bei Allergien

Eine physiologische Verdauung von Nahrungsbestandteilen ist essenziell für die Gesunderhaltung des menschlichen Körpers. Neben der Energieversorgung nimmt auch die protektive Verdauungsfunktion eine entscheidende Rolle ein. Wie zahlreiche Studien zeigten, hat die gastrische Verdauung als erster Abbauort von Proteinen gerade im Zusammenhang mit Allergien einen besonderen Stellenwert.

Die physiologische Verdauung im Gastrointestinaltrakt

Die Verdauung der Nahrung beginnt bereits im Mund. Durch die Zerkleinerung des Essens mit den Zähnen und durch die Befeuchtung des Speisebreis mit dem Speichel werden wichtige erste Verdauungsschritte gesetzt. Es ist jedoch nicht nur die mechanische Zerkleinerung und Befeuchtung, die im Mund stattfindet: Im Speichel befinden sich ebenso Carbohydrat und Lipidabbauende Enzyme, die durch die Zungenbewegung intensiv mit dem Speisebrei vermischt werden.

 

 

Nach einem sehr raschen Transit durch den Ösophagus gelangt der Speisebrei in den Magen. Hier werden im Magenlumen die Speichelenzyme sofort durch die Magensäure inaktiviert. Die Magensäure führt zusätzlich zur Denaturierung der Proteine, wodurch die proteinabbauenden gastrischen Enzyme diese effizienter in Peptide spalten können. Das saure Magenmilieu ist zusätzlich entscheidend für die Aktivierung der Magenprotease, des Pepsins, das nur bei niedrigem Magen-pH-Wert aus dem Proenzym Pepsinogen abgespalten wird. Die Dauer der Magenpassage ist abhängig von der Zusammensetzung des Speisebreis. Nach ein bis sechs Stunden wird dieser in kleinen Portionen aus dem Magen an das Duodenum abgegeben.
Im Dünndarm erfolgt die Neutralisierung der Magensäure vor allem durch die Gallenflüssigkeit. Zusätzlich führt der saure Speisebrei im Duodenum zur Freisetzung von Sekretin aus S-Zellen, das zur Aktivierung des Pankreas beiträgt und die effiziente Freisetzung weiterer Verdauungsenzyme in den Dünndarm fördert. Erst wenn die Proteinketten in freie Aminosäuren oder Dipeptide abgebaut wurden, können diese in den Körper aufgenommen werden. Im Dünndarm erfolgt auch der weitere Abbau von Zuckerketten in Mono- oder Disaccharide beziehungsweise einzelne Fettsäuren, die über die Darmmukosa in den Körper aufgenommen werden.

Gastrointestinale Verdauung: Schutz bei Nahrungsmittelallergien und Intoleranzen

Im Zusammenhang mit Allergien ist seit langem bekannt, dass für die Entwicklung einer Allergie die Resistenz der Allergene gegenüber der gastrointestinalen Verdauung entscheidend ist. Nur wenn Allergene immunologisch intakt in den Darm gelangen, kann dort eine Immunantwort induziert werden. Die klassischen Beispiele für verdauungsstabile Allergene sind Proteine der Erdnuss. In wiederholten Studien an der Medizinischen Universität Wien konnten wir nachweisen, dass eine Einschränkung der Magensäureproduktion, wie dies beispielsweise bei Einnahme von Magensäureblockern der Fall ist, mit einer Allergie-Entwicklung einhergeht. Auch bei bestehenden Allergien erhöht sich durch Inhibition der Magenverdauung bei gastrischer Hypoazidität das Risiko, bereits bei Aufnahme von geringen Mengen des Nahrungsmittelallergens eine allergische Reaktion zu entwickeln. Jüngst konnten wir durch Analyse der Versicherungsdaten in der österreichischen Gesamtpopulation nachweisen, dass die Verschreibung von magensäuresupprimierenden Medikamenten hochsignifikant mit der Verwendung von antiallergischen Medikamenten korreliert. Als logische Konsequenz konnten wir in heuer publizierten Studien belegen, dass eine Unterstützung der gastrischen Verdauung vor Nahrungsmittelallergien schützt. Wenn die Proteinverdauung im Magen durch Einnahme von gastrischen Enzymen unterstützt wird, wird nicht nur die Entwicklung einer Nahrungsmittelallergie unter Magensäuresuppression verhindert, sondern auch ein Schutz vor schweren allergischen Reaktionen bei bestehenden Allergien induziert, wie wir im Tiermodell nachweisen konnten (Abb.).

 

 

Eine physiologische Verdauungsfunktion schützt den Körper vor pathogenen Keimen

Die Magensäure übernimmt zusätzlich eine wichtige Rolle in der Abwehr von Krankheitserregern, die durch die Säure abgetötet werden und nicht in den Darm gelangen. Ist die gastrische Verdauung durch Hypoazidität eingeschränkt, besteht dieser Schutz nicht. Dies hat ebenso einen Einfluss auf die Zusammensetzung des Darmmikrobioms. Man weiß heute, dass auf Populationsebene die Einnahme von Magensäureblockern einen größeren Effekt auf die Veränderung der Mikrobiota-Zusammensetzung hat als die Einnahme von Antibiotika. Da ein verändertes Mikrobiom auch im Zusammenhang mit einer Allergieentwicklung steht, ist klar, dass eine Veränderung der Mikrobiota-Zusammensetzung die Immunantwort entscheidend beeinflusst.

Wissenswertes für die Praxis
  • Eine Magensäuresuppression stellt einen Risikofaktor für eine Allergieentwicklung dar.
  • Eine Hypoazidität im Magen geht mit einer Veränderung des Darmmikrobioms einher.
  • Eine Unterstützung der Magenverdauung durch gastrische Enzyme kann eine Allergieentwicklung unter Magensäuresuppression verhindern und allergischen Beschwerden entgegenwirken.
AutorIn: Assoz. Prof. PD DDr. Eva Untersmayr-Elsenhuber

Arbeitsgruppenleiterin am Institut für Pathophysiologie und Allergieforschung, Medizinische Universität Wien; Sekretärin der Österreichischen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie; Vorsitzende der immunology Section der Europäischen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie


AEK 07|2021

Herausgeber: Ärztekrone VerlagsgesmbH
Publikationsdatum: 2021-04-09