Erkältung: Unsicherheiten, Symptome und Maßnahmen

Jedes Jahr haben Erwachsene ein bis zwei Erkältungen – Kinder oftmals bis zu zehnmal im Jahr. Warum so oft?

Dr. Christoph Dachs: Säuglinge und Kleinkinder können mehr oder weniger ständig erkältet sein. Dies hängt mit dem kindlichen Immunsystem zusammen, das noch nicht ausgereift ist und sich erst langsam durch die hohe Anzahl an Infekten aufbaut. Somit gelten bis zu zehn Erkältungen pro Jahr bei Kindern als normal. Mit dem Älterwerden geht die Infektanfälligkeit zurück – das Immunsystem erkennt die Krankheitserreger, zerstört sie und baut zudem ein Gedächtnis auf, damit bei erneutem Kontakt eine schnellere und gezieltere Abwehr erfolgen kann. Somit treten beim Erwachsenen meist nur noch ein bis zwei Erkältungen pro Jahr auf. Besonders Kindergärtnerinnen und Lehrer werden zu Beginn ihres Berufes mit einem Pool an Keimen konfrontiert und sind sehr häufig verkühlt. Ist ihr Abwehrsystem trainiert, ist die Gefahr, an einer Infektion zu erkranken, deutlich geringer.

Welche Bakterien oder Viren verursachen eine Erkältung?

In der Regel sind es keine Bakterien, sondern eine Vielzahl von Viren, die eine Erkältung verursachen. Mehr als 200 verschiedene Viren sind bekannt, die Erkältungskrankheiten beim Menschen auslösen können. Als Hauptverantwortliche der Erkältungen werden allen voran Vertreter der Rhinoviren identifiziert. Infizieren diese Erreger unsere Atemwege, lösen sie mitunter unangenehme und im Extremfall sogar schwere Krankheitssymptome aus. Für den Großteil der Bevölkerung ist der Krankheitsverlauf einer Erkältung jedoch harmlos und sollte nicht mit einer echten Virusgrippe gleichgesetzt werden, obwohl die Symptome durchaus ähnlich sein können.

Wie stecken wir uns an?

Um sich anzustecken, ist der Kontakt mit einem Menschen erforderlich, der selbst gerade erkältet ist und die Viren durch Husten, Atemluft oder auch durch direkten Kontakt weitergibt. Ob eine Ansteckung über kontaminierte Oberflächen oder Material, zum Beispiel über Hände, Türklinken, Besteck oder andere Gegenstände, erfolgt, wird derzeit intensiv untersucht. Die Erfahrung zeigt hingegen, dass der direkte Kontakt zu anderen Menschen die höhere Ansteckungsquelle darstellt. Von den Nasen- und Rachenschleimhäuten können sich Viren weiter im Körper ausbreiten. Je tiefer Viren vordringen, desto länger ist normalerweise die Dauer eines Infektes.

Wie kann man sich am besten vor Infektionen schützen?

Um die Immunabwehr zu stärken, rate ich zu einem gesunden Lebensstil, viel Bewegung im Freien und auf gesunde Ernährung zu achten. Grundsätzlich zeigen auch Studien, dass Stress ein Risikofaktor für die Erkältungsanfälligkeit sein kann, somit sollten wir uns immer wieder Auszeiten gönnen. Mit ein Grund, warum wir im Winter öfter krank sind, ist das Zusammensein in engeren, beheizten Räumen, in denen die Ansteckungsgefahr erhöht ist. Weiters können Aerosole mit infektiösen Viren für längere Zeit in der Luft bleiben. Daher sollte auf regelmäßiges Lüften nicht vergessen werden, und allgemeine Hygienemaßnahmen, wie regelmäßiges, gründliches Händewaschen sowie richtiges Niesen, am besten in die Armbeuge, sollten beachtet werden. Zu aufwendige Schutzmaßnahmen gegen Keime können jedoch auch kontraproduktiv sein − dies gilt natürlich nur für banale Infekte −, denn nur durch die Konfrontation mit Keimen wird unser Abwehrsystem gestärkt. Impfen gegen bestimmte Krankheiten, vor allem für Risikopatienten, ist ebenfalls eine sinnvolle Schutzmaßnahme.

Gibt es Menschen, die anfälliger für Erkältungskrankheiten sind als andere?

Menschen unter immunsuppressiven Therapien, mit deren Hilfe chronische Erkrankungen, wie Autoimmunerkrankungen, Hauterkrankungen, neurologische Erkrankungen, behandelt werden, stehen unter einem erhöhten Infektionsrisiko. Weiters weisen Personen mit angeborener oder erworbener Abwehrschwäche und ebenfalls ältere Menschen eine erhöhte Infektanfälligkeit auf. Mit zunehmendem Alter sinkt die Abwehrkraft gegen Infektionen.

Ist Händeschütteln riskanter als Küssen?

Küssen ist ganz klar der gefährdendere Kontakt, als Hände zu schütteln. Aber es stellt sich die Frage: „Wer küsst sich normalerweise?“ Meist passiert dies unter Partnern und innerhalb der Familie beziehungsweise innerhalb des familiären Keimspektrums. Derzeit wird vielerorts das Händeschütteln vermieden, und auch das Händewaschen ist mehr ins Bewusstsein der Menschen gerückt. Wir wissen heute, dass zum Beispiel längeres Händewaschen mit Seife und warmem Wasser denselben Effekt erzielt, wie die Hände mit Desinfektionsmittel zu reinigen.

Welche Behandlungen empfehlen Sie Ihren Patienten, wenn diese erkältet sind?

Hilfreich sind entzündungshemmende, fiebersenkende Medikamente, abschwellende Nasentropfen und Inhalationen sowie altbewährte Hausmittel wie Wadenwickel. Studiendaten zeigen jedoch, dass eine Unterdrückung der Entzündungsreaktion die Erkrankungsdauer verlängern kann. Eine Entzündung ist normalerweise Teil eines Heilungsprozesses. Bei hohem, länger anhaltendem oder wiederkehrendem Fieber, starken Glieder- oder Kopfschmerzen sind hingegen fiebersenkende und entzündungshemmende Medikamente zur Symptomkontrolle sinnvoll.

Werden Ihrer Meinung nach die Hygiene-/Schutzmaßnahmen aufgrund von COVID-19 auch Einfluss auf die Übertragung von Erkältungsviren haben?

Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Winter weniger Grippekranke haben werden als in den Vorjahren, weil die Hygienemaßnahmen gegen COVID-19, wie das Tragen eines Mund- und Nasenschutzes und vermehrtes Händewaschen, auch einen Schutz gegen Erkältungskrankheiten bieten. Sowohl in den Wochen des Lockdowns als auch jetzt sind weniger Menschen von Infekten betroffen. Das könnte bedeuten, dass wir durch die COVID-19-Schutzmaßnahmen die Zahl der an Grippe Erkrankten erheblich reduzieren. Mit Sicherheit können wir dies jedoch nicht sagen.

Wie können Menschen wissen, ob sie an Corona erkrankt sind oder nur eine Erkältung haben?

Beide Erkrankungen verursachen teilweise ähnliche Symptome. Typische Erkältungsbeschwerden sind: Halsschmerzen und Heiserkeit, Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und leichtes Fieber.
Die Leitsymptome einer SARS-CoV-2-Infektion sind Fieber, Husten mit Atemnot, Geschmacks- und Geruchsstörungen. Es können aber auch Halsschmerzen, Gliederschmerzen und Durchfall auftreten. Die Symptome können, müssen aber nicht alle vorhanden sein – es gibt milde Verläufe, die einem einfachen respiratorischen Infekt ähneln, aber es gibt auch asymptomatische Verläufe.
Die Symptome decken sich natürlich auch mit jenen, die bei einer saisonalen Grippe auftreten können. Das macht die Abgrenzung nicht einfach.
Eine typische Erkältungskrankheit, mit und ohne Fieber, beginnt hingegen im nasalen Bereich mit einer deutlichen Rhinitis und ist somit eher eine Ausschlussdiagnose für eine COVID-19-Erkrankung. Ich empfehle bei einem Verdachtsfall allerdings, einen Abstrich durchzuführen, um Sicherheit zu erlangen.

Bereiten Coronaviren, die Schnupfen verursachen, das Immunsystem auf SARS-CoV-2 vor?

Die meisten Coronaviren sind harmlos. Manche verursachen nur Erkältungen. Die Immunzellen, die dabei entstehen, könnten möglicherweise auch einen gewissen Schutz vor SARS-Cov-2 bieten, dies sind jedoch derzeit alles nur Vermutungen, und es gibt meines Wissens noch keine adäquaten Studienergebnisse dazu.

Wie sehen Sie die Herausforderungen in der Zukunft?

Wir müssen lernen, mit dem Virus SARS-CoV-2 zu leben, es wird uns in Zukunft begleiten. Wir werden in absehbarer Zukunft nicht in der Lage sein, das Virus zu beseitigen, außer wir erlangen die Herdenimmunität, oder es steht ein sicherer Impfstoff beziehungsweise ein zuverlässiges Medikament zur Verfügung. Wichtig hingegen ist mir trotz aller Schwierigkeiten, die derzeit unser Leben begleiten, zu versuchen, in eine gewisse Normalität zurückzufinden.Vielen Dank für das Gespräch!

Interview mit: Dr. Christoph Dachs

Allgemeinmediziner, Salzburg Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM)

© Privat


Redaktion: Mag. Birgit Schmidle-Loss

AEK 21|2020

Publikationsdatum: 2020-10-30